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Betzdorf/Altenkirchen

Geldstrafe und Sozialstunden: Urteil wegen "Strafaktion" gegen Pädophile

So ein bisschen fühlten sie sich damals, im Frühjahr 2014, wohl wie eine Art junge Bürgerwehr: sieben smarte Jungs, die sich in einem Wäldchen unweit des Altenkirchener Bismarckturms als Rächer von Minderjährigen aufspielten – und am Donnerstag dafür in Betzdorf vor dem Jugendschöffengericht geradezustehen hatten.

Foto: dpa

Von unserem Redakteur Peter Seel

Am 25. und 26. März hatten sie (damals 17 bis 19 Jahre alt) je einen anderen Mann per Internetchat von irgendwo aus dem Bundesgebiet nach Altenkirchen gelockt; für deren mutmaßlich pädophile Neigungen wollte die Gruppe beiden eine Lektion erteilen. Während der erste Mann mit dem Schrecken davonkam, trug der andere eine schwere Kopfwunde davon. Dass bei dieser Aktion nicht Schlimmeres passiert ist, das hätten die sieben eigentlich nur dem Glück zu verdanken, ließ Jugendrichterin Tanja Becher bei der Urteilsverkündung durchblicken. So aber kamen die sieben mit Geldstrafen zwischen 300 und 700 Euro sowie abzuleistenden 40 bis 80 Sozialstunden bei wohltätigen Einrichtungen davon.

Von Anfang an zeigten sich die Angeklagten – Wohnorte: Neuwied, Gieleroth, Fürthen, Altenkirchen, Borchen, Neuss, Mündersbach – geständig. Demnach hatten sie im Internet ein Video aus Russland gesehen, in dem ein Mann "Jagd" auf Pädophile und Homosexuelle macht. Er lockte seine Opfer an einen stillen Ort, um sie für ihre Neigungen brutal zu verprügeln. Das wollten die sieben nachahmen, bestritten aber vor Gericht, dass sie, wie es in der Anklage hieß, von Anfang an eine Gewalttat geplant hätten. Eines ihrer Motive war, dass mehrere von ihnen eine kleine Schwester haben.

In einer Internet-Singlebörse erfanden sie eine "Doreen", die sich für ältere Männer interessiere. Mindestens 16 müssen diejenigen sein, die sich in dem Forum eintragen, doch "Doreen" ließ im Flirt mit den beiden Männern unverblümt durchblicken, dass sie deutlich jünger als 16 sei. Das habe sie durch einen Trick mit dem Pass einer älteren Freundin so eingefädelt. Besagte zwei Männer meldeten sich. Bei deren Ankunft am Bahnhof Altenkirchen bekamen sie dann aber eine SMS von "Doreen", dass sie sich verspäte, aber schon mal einen Bekannten mit dem Auto vorbeischicke. Der erste Mann roch spätestens Lunte, als dann gleich mehrere "Bekannte" kamen, schubste einen von ihnen weg und floh in ein nahes Fitnesscenter.

Der zweite, ein 60-Jähriger aus Leipzig, war da am nächsten Tag bei seiner Ankunft um 17 Uhr weitaus naiver: Er setzte sich in das Auto, wunderte sich auch nicht, dass da zwei "Bekannte" von "Doreen" drinsaßen, ließ sich zu dem Wäldchen am Bismarckturm bringen und ahnte nicht einmal Schlimmes, als die zwei hier anhielten, um zu urinieren. Plötzlich tauchte die ganze Gruppe auf, bedrohte den Leipziger mit einer – wie sich später herausstellte – Spielzeugwaffe, schubste ihn herum, beschimpfte ihn wohl auch, und als er die Lage erkannte und zu fliehen versuchte, brachte ihn die Gruppe durch Tritte zu Fall. Durch einen heftigen Faustschlag ins Gesicht zog er sich die stark blutende Platzwunde zu. Ein zweiter Fluchtversuch gelang wohl nur, weil plötzlich eine unliebsame Zeugin – eine Spaziergängerin mit Hund – auftauchte, die dann auch die Polizei verständigte.

Selten hat man am Gericht derart eloquente und reflektierte Sätze gehört wie bei den Angeklagten. Sie alle stammen aus guten Elternhäusern. Gerade deshalb fragte Richterin Becher sie, warum sie sich zu der Tat hätten hinreißen lassen. "Ich kann die Gedankengänge nicht mehr rekonstruieren, die mich dazu bewegt haben", sagte einer der sieben, "es war wohl der Druck in der Gruppe." Dass am Ende keiner von ihnen die Aktion beendet habe, hätte daran gelegen, dass "keiner von uns uncool sein wollte". Becher korrigierte den Angeklagten: "Ein anderes Wort für ,uncool' wäre ,feige'. Sie hatten nicht den Mut, Stopp zu sagen."

Altenkirchen Betzdorf
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