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Daaden/Emmerzhausen

Entscheidung am Stegskopf: Naherholung, Gewerbepark – oder gar nichts?

Wird das ehemalige Truppenlager Stegskopf zum Sport- und Naherholungszentrum? Oder entsteht dort auf lange Sicht ein Gewerbepark mit Schwerpunkt Logistik? Beide Konzeptionen wurden nun bei einer mit Spannung erwarteten Infoveranstaltung in Daaden vorgestellt.

Haben die Gebäude des ehemaligen Bundeswehrlagers auf dem Stegskopf eine Zukunft? Ende des Monats soll Klarheit herrschen.
Haben die Gebäude des ehemaligen Bundeswehrlagers auf dem Stegskopf eine Zukunft? Ende des Monats soll Klarheit herrschen.
Foto: Markus Döring/Archivbild

Weiterhin steht indes auch eine dritte Variante im Raum: Sollten die Ortsgemeinde Emmerzhausen, die Verbandsgemeinde Daaden-Herdorf und der Kreis bis zum 31. März nicht von ihrem Erstzugriffsrecht Gebrauch machen, wird das Lager – wie schon das übrige Truppenübungsgelände – an die Deutsche Bundesstiftung Umwelt (DBU) übertragen und ins Nationale Naturerbe überführt. Für die Gebäude würde dies wohl bedeuten, dass sie dem Verfall preisgegeben und irgendwann abgerissen werden.

In den Anrainergemeinden mögen sich wohl die Wenigsten dieses Szenario vorstellen. Proppenvoll war das Daadener Bürgerhaus am Donnerstag – als hätte es noch eines Beweises bedurft, wie sehr sich die Menschen in der Region mit dem Stegskopf verbunden fühlen. Und die, die gekommen waren, stellten kritische, aber konstruktive Fragen. Bürgermeister Wolfgang Schneider betonte eingangs, dass es an diesem Abend allein um die Zukunft des ehemaligen Lagers gehen sollte. Man stehe diesbezüglich vor einer „historischen Entscheidung, die von einer Kommune dieser Größe nicht jedes Jahr, auch nicht in jedem Jahrzehnt, sondern vielleicht nur einmal im Jahrhundert zu treffen ist“. Es gelte dabei Chancen und Risiken abzuwägen. „Dabei möchten wir die Bürger mitnehmen.“

Im voll besetzten Daadener Bürgerhaus stellte Karin Klein von der Deutschen Stadt- und Grundstücksentwicklungsgesellschaft Zukunftsszenarien für das Lager Stegskopf vor.
Im voll besetzten Daadener Bürgerhaus stellte Karin Klein von der Deutschen Stadt- und Grundstücksentwicklungsgesellschaft Zukunftsszenarien für das Lager Stegskopf vor.
Foto: Daniel Weber

Karin Weber von der Deutschen Stadt- und Grundstücksentwicklungsgesellschaft stellte danach die drei möglichen Varianten vor. Die DSK hatte im Auftrag der Kommunen in den vergangenen Monaten ein ergänzendes Gutachten zum Lager Stegskopf erstellt.

1Sport-, Freizeit- und Naherholungszentrum: Dieses Konzept beinhaltet viele, teils schon bekannte Ideen lokaler Akteure. So könnte ein Großteil des Areals künftig als Pferdesportzentrum genutzt werden. Nach RZ-Informationen hat ein Unternehmer aus dem Daadener Land Interesse bekundet. Er ist Vorstandsmitglied eines Vereins, der in Dillenburg bis 2017 alljährlich ein internationales Fahrsportturnier ausgerichtet hat. Aufgrund veränderter Auflagen kann dieses dort aber nicht mehr stattfinden. Der Stegskopf wäre eine Alternative – auch für Lehrgänge und Trainingsbetrieb. Der ehemalige Sportplatz könnte als Dressurplatz genutzt werden. Einige Gebäude könnten zu Ställen um-, eine Reithalle neu gebaut werden.

Szenario 1: ein Sport-, Freizeit- und Naherholungszentrum, getragen von regionalen Investoren und Verbänden.
Szenario 1: ein Sport-, Freizeit- und Naherholungszentrum, getragen von regionalen Investoren und Verbänden.
Foto: DSK GmbH/Piske und Partner

Insgesamt würde etwa ein Viertel der Gebäude – jene, für die ein größerer Sanierungsbedarf festgestellt wurde – abgerissen. Andere könnten als Hotel, Jugendherberge, für Gastronomie, Schulungs-, Büro- oder Lagerräume sowie als Wohnungen für Mitarbeiter genutzt werden. Darüber hinaus wäre auf dem 40 Hektar großen Areal noch Platz für das vom BUND konzipierte Natur- und Kulturzentrum (NaKuZe), für ein medizinisches Gesundheitszentrum, einen Regio-Markt mit Café, ein Vereinsheim für Skisportler, für Ferienwohnungen, einen Wohnmobilhafen, einen Fahrradverleih mit -werkstatt und mehr. Vorgesehen sind ferner Büroräume zur temporären Anmietung (Co-Working-Space) sowie eine rund vier Hektar große Fläche für Fotovoltaikanlagen.

Weber betonte, es gebe für alle Ideen konkrete Interessenten. Sollte die Wahl auf dieses Konzept fallen, müsse, um gegen Vandalismus gefeit zu sein, gleich nach dem Grunderwerb eine Zwischennutzung erfolgen und schnellstmöglich Baurecht geschaffen werden.

2 Gewerbepark: Neu, aber anscheinend nicht minder konkret, ist das Interesse eines Investors aus Hessen: Die Revikon GmbH mit Sitz in Gießen hat in den vergangenen Jahren schon einige Industriebrachen und Militärgelände entwickelt. So wurde aus einer ehemaligen US-Kaserne in Butzbach der heutige „Magna Park Rhein-Main“, ein Logistikstandort, an dem sich Unternehmen wie UPS, Lidl oder Bosch angesiedelt haben. Dort wie auch beim Stegskopf sitzt das Betzdorfer Planungsbüro Piske und Partner mit im Boot. Dritter Projektbeteiligter ist die Baufirma Weimer (Lahnau). Auch der „Gewerbepark Stegskopf“ (zu dem auch der ehemalige Mob-Stützpunkt gehören würde) wäre den Plänen zufolge ein reiner Logistikstandort. Für die Investoren ist dieser durchaus attraktiv: Zum einen gebe es im Umkreis von 40 Fahrkilometern keine ebene zusammenhängende Gewerbefläche von 40 Hektar, zum anderen liege dieser mit der Anbindung über die B 54 an die A 45 und ohne nahe Wohnbebauung verkehrstechnisch günstig. Bis zu 1000 Arbeitsplätze könnten dort entstehen, hieß es.

Szenario 2: ein Logistikzentrum (untere Skizze), in dem, so die Projektbeteiligten, bis zu 1000 Arbeitsplätze entstehen könnten.
Szenario 2: ein Logistikzentrum (untere Skizze), in dem, so die Projektbeteiligten, bis zu 1000 Arbeitsplätze entstehen könnten.
Foto: DSK GmbH/Piske und Partner

Klar ist jedoch: Bei dieser Variante müssten alle jetzigen Gebäude weichen. 23 Hektar des Areals würden mit Lagerhallen überbaut, 17 Hektar als Grünflächen mit Teichen gestaltet.

3 Übergabe an die DBU: Es ist das schon erwähnte Szenario, sollten die Kommunen mit Ablauf der Frist zum 31. März auf den Erstzugriff verzichten: Da die DBU zumindest auf absehbare Zeit für das Lager keine Maßnahmen plane, würde dieses wohl brach fallen und erst dann, wenn die Gebäude einzustürzen drohen, zurückgebaut, erläuterte Weber. Sie sprach diesbezüglich von „naturnahem Abriss“. Das Gelände würde weiter vor unbefugten Zutritt gesichert. Und weil die DBU es nicht weiterverkaufen darf, wäre es, so Emmerzhausens Beigeordneter Robert Lindenbeck, „in dem Fall für uns wohl unwiederbringlich verloren“.

Im Daadener Bürgerhaus wurde danach munter diskutiert, vieles auch kritisch hinterfragt: „Was kosten die Konzepte 1 und 2 den Steuerzahler?“, wollte etwa Dietrich Willwacher, CDU-Sprecher im Daadener Stadtrat, wissen und traf damit einen wunden Punkt. Denn die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (Bima) als Eigentümerin hat offiziell nach wie vor keinen konkreten Kaufpreis genannt. Dieser, so Karin Weber, sei letztlich Ergebnis der Verhandlungen. Bislang hätten die Kommunen jedoch keine (Vor-)Verträge mit der Bima abgeschlossen. Willwacher zeigte sich mit der Antwort nicht zufrieden: „Es müssen doch belastbare Zahlen und Fakten auf den Tisch!“

Wer ist (auch finanziell) künftig für die Zufahrtsstraßen verantwortlich? Welche Einflussmöglichkeiten hat die Ortsgemeinde über ihr Planungsrecht? Was geschieht mit eventuellen Altlasten auf dem Gelände? Wird das Lager bei einer Übergabe an die DBU zur „No-go-Area“? Dies waren weitere Fragen, die nicht alle an diesem Abend beantwortet werden konnten. „Beißt sich ein Logistikzentrum mit dem Lkw-Aufkommen nicht mit dem angrenzenden Nationalen Naturerbe?“, wollte jemand wissen. Dies dürfte ebenfalls ein heikles Thema sein. Denn zumindest Harry Neumann von der Naturschutzinitiative (NI) kündigte noch am selben Abend gegenüber der RZ an, dass man gegen einen Gewerbepark „in jedem Fall“ klagen werde. Und auch beim Freizeitkonzept werde man sehr genau hinschauen, was naturverträglich ist und was nicht.

Eine kombinierte Nutzung der Varianten 1 und 2 wird es indes definitiv nicht geben, verdeutlichte Karin Weber. Beim ersterer bleibt für Emmerzhausen jedoch nach wie vor die Möglichkeit, ein kleines Gewerbegebiet am früheren Mob-Stützpunkt anzusiedeln.

Die Zuhörer hatten anschließend Gelegenheit, zu jedem Konzept die aus ihrer Sicht bestehenden Vor- und Nachteile mit grünen und roten Karten auf Pinnwände zu heften sowie – freilich nicht repräsentativ – über die drei Varianten abzustimmen. Dabei zeigte sich, dass sich das Gros ein naturnahes und nachhaltiges Freizeit- und Gesundheitskonzept wünscht. Andere, wenn auch weitaus weniger, sehen dies vor dem Hintergrund vieler noch offener Fragen skeptisch und würden stattdessen einen Gewerbepark samt Jobs und zu erwartender Steuereinnahmen begrüßen. Viele rote Karten gab es für eine Übergabe an die DBU: Ein Verfall der Gebäude ist für viele schlichtweg keine Alternative oder wäre gar, wie einer notierte, „eine Schande“.

Nicht nur deshalb deutet einiges darauf hin, dass die Kommunen die Zugriffsoption ziehen werden. In diesem Fall würde zunächst Variante 1 als von der Bima zur Wertermittlung gefordertes Nutzungskonzept angegeben. Die endgültige Entscheidung zwischen Naherholungs- und Logistikzentrum könnte dann später getroffen werden. Bei einem Weiterverkauf an die Investoren des Gewerbeparks würde gegebenenfalls eine Nachzahlung an die Bima fällig.

Bis zu den (vor)entscheidenden Sitzungen des Verbandsgemeinderats (22. März) und des Ortsgemeinderats Emmerzhausen (26. März) bleibt freilich nicht mehr viel Zeit. Die Krux: Erst mal müssten die Verträge vorliegen, dann noch juristisch geprüft werden – und das alles binnen der nächsten zwei Wochen. Es sind wieder einmal aufregende Tage rund um den Stegskopf.

Von unserem Redakteur Daniel Weber

Altenkirchen Betzdorf
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