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Altenkirchen

Altenkirchen: Wollte 46-Jähriger Ehefrau mit Rattengift töten?

Hat ein 46-Jähriger seine Frau mit Gewalt gezwungen, Rattengift zu schlucken, sie misshandelt und dann auf den Wohnzimmerteppich uriniert? Diesen Fragen musste das Altenkirchener Amtsgericht in einem Fall von ausartender häuslicher Streitigkeit nachgehen. Am Ende stand Aussage gegen Aussage, und dem Gericht blieb nur der Freispruch.

Angeklagt war ein Familienvater aus der VG Altenkirchen. 22 Jahre ist er verheiratet, vier Kinder hat das Paar. Der Mann – blass, mit Brille und hängenden Schultern – überrascht dann aber die Anwesenden mit einer komplett anderen Schilderung der Vorfälle vom 8. Oktober des vergangenen Jahres.

Laut seiner Aussage sei seine Frau diejenige, die ihn drangsaliere, provoziere und auch schlage. „Sie hat mir mal einen Blumentopf an den Kopf geworfen und mich gewürgt", schildert er erregt. In seinen weiteren Ausführungen behauptet er, seine Frau habe eine erbliche Krankheit, an der auch die Mutter und eines der Kinder leide. „So was wie Epilepsie, nur dass die Krampfanfälle irgendwann aufhörten und der Mensch dann aggressiv wird." Ergo sei der angeklagte Vorfall auch „völliger Unsinn".

Im Gegenteil, er sei verzweifelt gewesen und habe sich selbst mit Rattengift umbringen wollen, die in Mineralwasser aufgelöste tödliche Mischung aber wieder ausgespuckt. Danach habe er sich im Wohnzimmer verschanzt – aus Angst. Darum habe er auch auf den Teppich dort uriniert. „Ich wollte nicht an ihr vorbeigehen", so seine Begründung. An den Richtertisch gewandt meinte er dann noch: „Ich liebe meine Frau sehr, ich hab ihr gesagt, sie muss was tun, sonst landet sie im Pflegeheim wie ihre Mutter."

Die 44-jährige Ehefrau schilderte den Vorfall hingegen völlig anders. Er habe ihr Leben zu einem Albtraum gemacht, so die Spätaussiedlerin. So habe er ihr verboten, arbeiten zu gehen. Habe sie doch mal ein Jobangebot bekommen und angenommen, habe er sie verfolgt, den Arbeitgeber bedroht und vorgeworfen, er würde mit ihr ins Bett wollen.

An besagtem Tag habe er viel Bier getrunken, ohnehin sei er Alkoholiker. Auch habe er schon öfter mit Suizid gedroht. Genervt habe sie ihm gesagt, wenn er wolle, dann solle er halt das Gift schlucken, aber wenigstens einen Abschiedsbrief schreiben. Diesen hätte sie sogar im Auto.

Ihr Mann sei danach in die Garage gegangen und habe das Mittel zur Nagervernichtung geholt. Den Giftcocktail habe er aber nach einem Schluck wieder ausgespuckt, den Teller zu Boden geschleudert und dann ihre Haare gegriffen und ihren Arm verdreht, in dem Ansinnen, sie zum Einnehmen des Pestizides zu zwingen. Die Hämatome habe man Tage später noch sehen können. Sie sei dann nach draußen gerannt, er ins Wohnzimmer gegangen.

Auf die Nachfrage von Anklagevertreter Welf Kienle, welche Krankheit sie denn habe, sagte sie keine. Ebenso ihre Mutter und der Sohn seien gesund, ihr Mann sei der Kranke, er wolle sie dauernd provozieren, damit sie ihn schlage und er sie einweisen lassen könne. Diese gegensätzlichen Aussagen ließen sowohl Amtsrichter Johannes Denter als auch den Anklagevertreter ratlos zurück. „Das hier ist auch die Hölle, ich weiß langsam nicht mehr, was ich glauben soll", sagte Denter an Zeugin und Angeklagten gerichtet.

Die Aussage der Frau endgültig zum Wanken brachte dann Verteidiger Sven Bromba. Zum einen wollte er wissen, warum die Gepeinigte den Mordversuch mit Rattengift erst nach fünf Tagen zur Anzeige brachte. Zum anderen, warum sie, als sie durch ihre Anwältin einige Tage später einen Platzverweis des Gatten aus dem gemeinsamen Haus erwirken ließ, mit keinem Wort den Vorfall vom 8. Oktober erwähnt habe. „Das ist doch ein einschneidendes Erlebnis, gerade in diesem Zusammenhang macht es keinen Sinn, das zu verschweigen", so Bromba.

Die Fragen blieben unbeantwortet, die Frau gab plötzlich an, nichts zu verstehen, ihr Deutsch sei zu schlecht. In der Akte fanden sich weder Atteste zu den Misshandlungen noch zu Krankheiten auf einer der beiden Seiten. Am Ende der Verhandlung blieb dem Gericht ob der undurchsichtigen Gemengelage und aufgrund erheblicher „Belastungstendenzen" bei der Ehefrau nur, den Mann nach dem Prinzip „Im Zweifel für den Angeklagten" freizusprechen.

Sonja Roos

Altenkirchen Betzdorf
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