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    Fluterschen

    Alle haben die Augen zugemacht

    "Ich hoffe, dass er nie wieder 'rauskommt." Während er das sagt, muss Björn B. mit den Tränen kämpfen. In dem Moment ist alles wieder präsent, das schreckliche Leben, dass der heute 27-Jährige bei seinem Adoptivvater Detlef S. führen musste. Der 48-Jährige muss sich ab Dienstag vor dem Landesgericht in Koblenz wegen vielfacher Misshandlung und Missbrauch seiner Kinder verantworten.

    Björn B. belastet seinen Adoptivvater: Gewalt war Alltag.
Foto: Vohl
    Björn B. belastet seinen Adoptivvater: Gewalt war Alltag.
    Foto: Vohl - Jürgen Vohl

    Von unserer Redakteurin Gudrun Kaul

    Fluterschen - "Ich hoffe, dass er nie wieder 'rauskommt." Während er das sagt, muss Björn B. mit den Tränen kämpfen. In dem Moment ist alles wieder präsent, das schreckliche Leben, dass der heute 27-Jährige bei seinem Adoptivvater Detlef S. führen musste. Der 48-Jährige muss sich ab Dienstag vor dem Landesgericht in Koblenz wegen vielfacher Misshandlung und Missbrauch seiner Kinder verantworten.

    Je näher der Prozesstermin rückt, desto aufgewühlter ist Björn B. "Die Sachen gehen einem nie aus dem Kopf", betont er, während schon wieder das Telefon klingelt. Seit drei Tagen hat findet er kaum noch Ruhe, Medienvertreter aus ganz Deutschland möchten ein Interview. Für das Gespräch mit unserer Zeitung nimmt er sich viel Zeit. Wir treffen den jungen Familienvater in einem Nachbarort der Kreisstadt Altenkirchen, wo er mit Ehefrau, kleiner Tochter und einem freundlichen Hund in einer hellen, modernen Wohnung lebt.

    "Wir haben über viele Jahre sehr gewalttätige, schreckliche Erfahrungen gemacht", beschreibt er das Martyrium, dem er und seine Geschwister ausgesetzt waren: "Er hat die Menschen immer nur fertig gemacht." Prügel waren an der Tagesordnung. "Er hat uns mit einem Bundeswehrkoppel zusammengeschlagen", schildert Björn B. nur einen von vielen Fällen. Der Angeklagte machte auch vor seiner Ehefrau nicht Halt: "Mama wurde bewusstlos geschlagen."

    Detlef S. wird "Vater" von Björn, als dieser ein halbes Jahr alt ist. Viel später adoptiert er die Kinder aus der früheren Ehe seiner Frau. Den Familiennamen S., mit dem der er nur Schreckliches verbindet, hat Björn abgelegt - er führt jetzt den Geburtsnamen seiner Frau.

    Zwischen zahlreichen gewalttätigen Erfahrungen ist Björn ein Tag im Februar 1998 besonders in Erinnerung geblieben. Aus nichtigem Anlass ("der Adoptivvater rastete sehr schnell aus") bezog er wieder einmal Dresche. Björn erleidet einen Nervenzusammenbruch, zittert von Kopf bis Fuß und kommt ins Krankenhaus. Sein Hilferuf ans Jugendamt ist erfolglos. Er erinnert sich an Sätze, dass eine härtere Erziehung in Großfamilien ganz normal sei und das Versprechen "wir kümmern uns". "Das hat dann achteinhalb Jahre gedauert", sagt 27-Jährige traurig, "alle haben die Augen zugemacht. Keiner hat der Familie geholfen", klagt er an.

    Björns älterer Bruder zieht mithilfe der Polizei aus dem Haus in Fluterschen aus. 2002 geht auch er, zwei Familien aus Fluterschen und einem Nachbarort unterstützen ihn. "Ich wüsste nicht, wo ich sonst jetzt wäre", betont er.

    Auch als er nicht mehr mit dem Adoptivvater unter einem Dach lebt, will er der Familie helfen. "Ich habe jedes Jahr beim Jugendamt nachgehört, nichts hat sich getan", resümiert er. Seine Frau, die er 2004 kennengelernt hat, weiß erst seit eineinhalb Jahren von den traumatischen Erlebnissen ihren Mannes. "Meine Frau gibt mir Kraft. Ich bin ihr sehr dankbar", betont er, erneut mit den Tränen kämpfend. Wird er seinem Adoptivvater jemals verzeihen, das Erlebte vergessen können? Nein, sagt Björn B., "dem Mann gegenüber kann man nichts verzeihen. Mein Leben ist kaputt."

    In den vergangenen Jahren hatte sich Björn B. eine kleine Firma aufgebaut, einen Garten- und Hausmeisterservice. Die besteht inzwischen nicht mehr, denn "als im vergangenen Jahr mit der Verhaftung von Detlef S. alles öffentlich wurde, blieben die Aufträge aus", sagt Björn.

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