40.000
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Bad Kreuznach

Bad Kreuznacher Ärztin hilft beim Aufbau der Zukunft in Afghanistan

Bereits seit 2002 hilft die Bad Kreuznacher Ärztin Najiba Behmanesh (wieder) beim Aufbau ihres Heimatlandes Afghanistan mit. Derzeit behandelt sie kostenlos Kranke und plant eine neue Schule. HELFT UNS LEBEN unterstützt sie dabei mit 40 000 Euro.

Die Medikamenten-Spenden stapeln sich in ihrer Praxis und warten auf die Reise nach Afghanistan: Najiba Behmanesh bringt jedes Jahr zwei Tonnen in ihr Heimatland. Die Bundeswehr übernimmt für sie kostenlos den Transport. Foto: Cordula Karbasch
Die Medikamenten-Spenden stapeln sich in ihrer Praxis und warten auf die Reise nach Afghanistan: Najiba Behmanesh bringt jedes Jahr zwei Tonnen in ihr Heimatland. Die Bundeswehr übernimmt für sie kostenlos den Transport.
Foto: Cordula Karbasch

Bad Kreuznach. Najiba Behmanesh sitzt im Hof eines Hauses von Verwandten im nördlichen Afghanistan und behandelt Patienten. Fast 200 Frauen und deren Kinder hocken auf dem Boden, harren von morgens früh bis zum Einbruch der Dunkelheit dort aus. Najiba Behmanesh ist Ärztin aus Bad Kreuznach, die jedes Jahr zweimal für ein paar Wochen in ihr Herkunftsland reist. Im Koffer hat sie dringend benötigte Medikamente für ihre Landsleute – und hilft mit, die Zukunft des Landes zu gestalten.

Sie warten alle auf eine Behandlung: Die Frauen und Kinder im Hof eines Hauses im nördlichen Afghanistan haben kaum jemals die Chance, einen Arzt aufzusuchen. Najiba Behmanesh aus Bad Kreuznach behandelt sie kostenlos.
Sie warten alle auf eine Behandlung: Die Frauen und Kinder im Hof eines Hauses im nördlichen Afghanistan haben kaum jemals die Chance, einen Arzt aufzusuchen. Najiba Behmanesh aus Bad Kreuznach behandelt sie kostenlos.
Foto: privat

Mehr als drei Jahrzehnte Krieg haben tiefe Spuren in der Heimat der Bad Kreuznacher Ärztin hinterlassen. Auch Jahre nach dem Sturz der Taliban herrscht noch kein Frieden, und der langjährige Konflikt beeinträchtigt die Gesundheitsversorgung im Land stark. „Die Landbevölkerung hat oft keine Möglichkeit, sich medizinisch versorgen zu lassen. Viele Menschen müssen lange Fahrten auf sich nehmen, um Krankenhäuser zu erreichen. Das ist gefährlich, und die Qualität der Hilfe ist nicht immer, wie sie sein sollte“, weiß Najiba Behmanesh. Eine desolate Situation, die sich auch auf die Lebenserwartung auswirkt: Sie liegt mit durchschnittlich 46 Jahren um 20 Jahre niedriger als in den Nachbarstaaten.

Einer, der unter der verheerenden medizinischen Versorgung leidet, ist der kleine Omed. Er ist acht Jahre alt, Diabetiker und sitzt zusammen mit seiner Mutter auf dem Boden im Hof der Cousine von Najiba Behmanesh. Das Gebäude liegt in der kleinen Gemeinde Puli Khumri in der nördlichen Provinz Baghlan. Während hierzulande eine Insulintherapie für den Jungen ganz selbstverständlich wäre, bekommt er diese in seinem Heimatort nur sporadisch. Dann nämlich, wenn Najiba Behmanesh anreist und rund eineinhalb Tonnen Medikamente mitbringt, darunter das dringend benötigte Insulin. Die Bundeswehr hilft der 61-Jährigen dabei, das kostbare Gut in den Mittleren Osten zu schaffen. „Wie das wird, wenn die Soldaten wieder abgezogen werden, weiß ich nicht.“

Dass Omed bis jetzt überlebt hat, ist zu einem großen Teil das Verdienst der Kreuznacher Ärztin. Najiba Behmanesh gibt seiner Mutter Insulin mit und Hinweise, wie gespritzt werden muss, damit sie eine Therapie einleiten kann. Die jedoch ist nicht auf Dauer: Wenn das Insulin verbraucht ist, hat Tarik erst einmal keine Chance auf Nachschub – es sei denn, die Ärztin ist wieder im Land und hilft ihm. Sein Zuckerspiegel ist in den Zeiten zwischen den Behandlungen viel zu hoch und schädigt seine Organe. Im Ernstfall drohen dem Jungen Koma und Tod.

Najiba Behmanesh lässt sein Schicksal ebenso wenig kalt wie das vieler anderer Landsleute. Doch musste sie zunächst anerkennen, dass ihre Hilfe Grenzen hat. „Ich habe mir selbst immer wieder gesagt: Ich tue, was ich kann. Mehr geht eben nicht.“ Das fällt ihr schwer, vor allem, da sie weiß: Die Menschen in ihrem Heimatland sind sehr arm. Nach Schätzungen der Vereinten Nationen sind mehr als zwei Millionen Menschen in Afghanistan in diesen Tagen durch Kälte, Krankheiten und Unterernährung gefährdet. „Oft schlägt der ganze Stress auf den Magen und führt zu quälenden Schmerzen“, berichtet die Ärztin. Auch Bluthochdruck, Depressionen oder Infektionskrankheiten wie Tuberkulose und Nierenerkrankungen, verursacht durch die schlechte Wasserqualität, behandelt sie immer wieder.

Doch die Arbeit als Medizinerin ist nur ein Baustein ihrer Hilfe. Bis 1979 hat sie selbst in Afghanistan gelebt, ist dort zur Schule gegangen und hat anschließend Medizin studiert. Ihr Vater setzte die Ausbildung seiner Tochter auch gegen Widerstände durch. Doch mit 28 Jahren musste sie fliehen. Als Ärztin an einem Krankenhaus sollte sie sich öffentlich zur kommunistischen Regierung bekennen, und auch islamistische Gruppierungen forderten ihre Treue. Beides lehnte sie ab, und so verließ sie gemeinsam mit ihrem Mann Mohamed Reza Behmanesh (64) und ihrer damals sechs Monate alten Tochter Afghanistan. Sie versuchten ihr Glück in Pakistan, im Iran, in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Nirgends bekamen sie eine Arbeits- und Aufenthaltserlaubnis, und so führte der Weg der kleinen Familie schließlich nach Deutschland. Ihre Heimat trägt die Ärztin dabei immer noch im Herzen, auch wenn sie sagt: „Ich möchte heute nicht mehr zurück.“ Von ihren Wurzeln hat sie sich ein wenig entfremdet, meint sie, und ist sich sicher: „Von hier aus kann ich mehr helfen.“

Das ist ihr wichtig. Denn nachdem Najiba Behmanesh 2002 zum ersten Mal wieder nach Afghanistan gereist ist, kümmert sie sich zunächst um traumatisierte Frauen. Wenige Jahre später begann sie mit ihren Schulprojekten, erst für Mädchen, dann auch für Jungen. „Es ist schon ein Wunder, dass die Eltern bereit sind, alle Kinder gemeinsam unterrichten zu lassen“, sagt sie. Najiba Behmanesh schaffte Zelte und Möbel an, kaufte Ziegelsteine, kümmerte sich um geeignete Grundstücke. Als Vorsitzende des Vereins „Afghanistan-Hilfe, die ankommt“ unterstützt sie zudem 20 alleinerziehende Mütter mit ihren Kindern, die monatlich umgerechnet 30 Euro bekommen. „Das ist zwar nicht viel, aber immerhin eine Motivation, um die Kinder zur Schule zu schicken“, sagt sie. Denn wenn die Kinder vom Unterricht abgemeldet werden, erlischt auch der monatliche Zuschuss.

Nun steht ein weiterer Neubau in einem Stadtteil von Puli Khumri an, der von HELFT UNS LEBEN, der Hilfsorganisation unserer Zeitung, mit 40 000 Euro unterstützt wird. „Die Hauptstadt der Provinz Baghlan ist in all den Jahren des Krieges nicht sehr zerstört worden, daher ist die Bevölkerung von ehemals 20 000 auf 150 000 Einwohner angewachsen“, erzählt die Ärztin. Der Bedarf ist also da, und ein ummauertes Grundstück gibt es bereits für das Gebäude, in dem in Zukunft 1200 Jungen und Mädchen von 30 Lehrkräften unterrichtet werden sollen. Bisher sind die Kinder in mehr oder weniger zerfetzten Zelten untergebracht, die keinen Schutz vor Wind und Wetter bieten. „Eltern, Lehrer und Schüler sind bereit, für die Bildung ihrer Kinder alles auf sich zu nehmen. Sie wollen sogar das Schulgebäude selbst bauen, wenn wir ihnen das Material zur Verfügung stellen“, berichtet die Ärztin.

(Von unserer Redakteurin Cordula Kabasch)

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