Archivierter Artikel vom 01.06.2022, 12:00 Uhr
Limburg

Limburg stellt Gutachten vor: Bahnhofsplatz braucht anderes Image

Der Bahnhofsplatz in Limburg gilt als Angstraum, obwohl er schon seit Jahren mit Videokameras überwacht wird. Er gilt als Platz, den viele meiden. Dort versammeln sich Menschen, auf deren Begegnung kein Wert gelegt wird, schlimmer noch, mit denen es eine Begegnung zu vermeiden gilt. Dabei ist der Platz besser als sein Ruf.

Professor Dr. Michael May und Elvira Schulenberg haben sich in ihrer Sozialraumanalyse mit dem Bahnhofsplatz beschäftigt und Einschätzungen und Wünsche von Passanten und Nutzenden aufgenommen.  Foto: Stadt Limburg
Professor Dr. Michael May und Elvira Schulenberg haben sich in ihrer Sozialraumanalyse mit dem Bahnhofsplatz beschäftigt und Einschätzungen und Wünsche von Passanten und Nutzenden aufgenommen.
Foto: Stadt Limburg

Die Kriminalitätszahlen sind seit Jahren rückläufig. Vom Bahnhofsplatz aus sind alle Ziele in Limburg und der Region mit Bus und Bahn zu erreichen.

„Es gilt, dem Platz ein anderes Image zu geben. Ihn auch für die attraktiver zu machen, die sich dort aufhalten.“ Das fordert Professor Dr. Michael May von der Hochschule RheinMain. Zusammen mit der wissenschaftlichen Mitarbeiterin Elvira Schulenberg hat er für den Bahnhofsplatz eine Sozialraumanalyse erstellt. In der wurden Menschen, die diesen Platz auf ihrem Weg durch die Stadt oder zum Wechsel der Verkehrsmittel passieren, ebenso befragt wie Menschen, die sich dort über längere Zeit des Tages aufhalten und dort viel Zeit verbringen.

„Der Bahnhofsplatz wird bei Umfragen immer genannt, wenn es um das subjektive Sicherheitsgefühl geht. Er ist offensichtlich ein Angstraum für viele“, verdeutlicht der Erste Stadtrat Michael Stanke die Wahrnehmung des Platzes. Gleichzeitig sei der Bahnhofsplatz ein enorm wichtiger Mobilitätsanker mit viel Bewegung.

Die Stadt habe in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten viel in den Bereich Sicherheit oder auch in die Platzgestaltung investiert und sei im vergangenen Jahr mit einer Streetworkerin auch ganz stark in eine vorbeugende Arbeit eingestiegen. Unter dem Aspekt der Prävention sei auch die Sozialraumanalyse zu sehen. „Wir brauchen bei der Beurteilung des Bahnhofsplatzes durchaus auch einmal einen Perspektivwechsel“, macht Stanke deutlich.

Aktiv befragt wurden im Rahmen der Analyse Passanten, die den Platz aus unterschiedlichen Gründen überqueren und Personen, die ihn als Aufenthaltsstätte nutzen. 68 Personen waren es insgesamt, davon 53 Prozent weiblich und 47 Prozent männlich, 30 Prozent mit Migrationshintergrund und mit einem Anteil von 40 Prozent im Alter von 14 bis 24 Jahren sowie neun Prozent mit einem Alter Ü 60.

Der Platz hat ein schlechtes Image. Es ist ein Treffpunkt für Menschen, die oft kein wirkliches Zuhause haben, zugleich ist es ein Ort, an dem viele Männer zusammenkommen, die oft einen Migrationshintergrund aufweisen. Allein das lässt den Platz auf andere bedrohlich wirken. „Dabei ist der Platz in den zurückliegenden Jahren immer sicherer geworden“, sagt Elvira Schulenberg bei der Vorstellung der Sozialraumanalyse und verweist dabei auf die polizeiliche Kriminalstatistik. Diese weise für den Bahnhofsplatz deutlich gesunkene Zahlen an Delikten aus. Die Zahl der registrierten Straftaten habe sich über einen Zeitraum von 2017 bis 2021 deutlich reduziert und auch der oft beklagte Handel mit illegalen Drogen sei erheblich gesunken.

Angst unbegründet?

Nach Einschätzung von Elvira Schulenberg stimmen das subjektive Empfinden im Hinblick auf die Sicherheit auf diesem Platz und die objektiv ermittelten Daten und Zahlen nicht überein. „Die Kriminalität sinkt, das Unsicherheitsempfinden steigt“, so ihr Fazit. Die Kriminalitätsfurcht hat dabei eine soziale Komponente, die sich auf die Bedrohung der Gesellschaft durch Kriminalität bezieht und eine personale Ebene, die durch die individuelle Betroffenheit geprägt wird. Beeinflusst werden diese Wahrnehmungen und Einstellungen auch durch Verhaltensweisen, die gegen Regeln des angemessenen Verhaltens im öffentlichen Raum verstoßen oder auch zu sichtbaren Spuren wie zerschlagene Flaschen führen.

„Im Rahmen der Analyse war es uns wichtig, Kontakt zu den Personen aufzunehmen, die dort verweilen, die den Platz nutzen, um sich dort aufzuhalten“, sagt Professor May. Es kommen auf dem Platz sehr unterschiedliche Gruppen zusammen, wobei unter den Zugewanderten viele aus Osteuropa stammen. Dabei gibt es durchaus Spannungen unter denen, die schon lange in Limburg leben, und denen, die von außerhalb kommen. „Etwas merkwürdig war für uns, dass wir auf dem Bahnhofsplatz keine Jugendgruppen identifizieren konnten, die dort einen Stammplatz haben“, macht May deutlich. Die vorhandene Kriminalität auf dem Platz spielt sich nach Einschätzung von May innerhalb der verschiedenen Gruppen ab.

Die befragten Passantinnen und Passanten sowie Nutzenden des Bahnhofsplatzes hatten in der Umfrage die Möglichkeit, ihre Wünsche zu äußern. „Die meisten Wünsche, etwa zwei Drittel, hatten etwas mit der Gestaltung des Raums, mit der Gestaltung und der Ausstattung des Bahnhofsplatzes zu tun“, verdeutlicht May, das Thema Sicherheit ist mit 26 Prozent da deutlich weniger ausgeprägt.

Viele Wünsche geäußert

Die Passanten wünschen sich vor allem mehr Grünflächen, bessere Sitzmöglichkeiten und belebende Veranstaltungen. Was die Aufenthaltsqualität angeht, steht auch bei den Nutzenden der Wunsch nach besseren Sitzmöglichkeiten und mehr Grün ganz oben auf der Wunschliste, zudem fehlen Schattenplätze. Es gibt noch andere Wünsche, zum Beispiel nach einem besseren WLAN-Angebot am Bahnhofsplatz oder nach der kostenfreien Nutzung von öffentlichen Toiletten. Hier unterscheiden sich die Wünsche zu den Passanten deutlich, die hätten gerne eine bessere Beschilderung und weniger Autos.

Die Kriminalitätsfurcht führt bei den Passanten zu dem Wunsch nach mehr Polizeipräsenz und Kontrollen besonders am Abend und am Wochenende, nach besserer Beleuchtung und einer Anlaufstelle in Notfällen. Die Nutzenden wünschen sich eine schnellere Hilfe, wenn Polizei, Ordnungsamt oder Rettungsdienst alarmiert werden.

Die Passanten wünschen sich nach der Befragung eine Lösung für Konsumierende und Wohnungslose, die Nutzenden wiederum Aufenthaltsorte für den Tag, dass sie als Wohnungslose ernst genommen werden und es auch eine positive Medienarbeit gibt.

Ausstellung geplant

Zivilcourage zeigen und ein anderes Klima im Umgang miteinander schaffen, dies können sich zumindest vier befragte Passanten vorstellen. Der Austausch und die Begegnung mit der gesamten Bevölkerung ist für die Nutzenden des Bahnhofsplatzes ein großer Wunsch, ebenso das aufsuchende Angebot in der Sozialen Arbeit und schließlich werden auch Sprachkurse für wünschenswert erachtet, denn viele können sich mit ihrer Muttersprache nicht verständlich machen.

Noch vor der Sommerpause soll im Rahmen der Sozialraumanalyse eine Ausstellung von Bildern stattfinden, mit denen die Nutzenden des Bahnhofsplatzes zum einen ihre Situation darstellen und gleichzeitig auch Ideen vermitteln, wie sich Lebensbereiche verbessern lassen.

Neue Sichtweise

„Eine Erweiterung des eigenen Horizonts ist sehr wichtig“, dankte der Erste Stadtrat für die neuen Sichtweisen auf den Bahnhofsplatz. Diesen anderen Blickwinkel gilt es auch in die Gremien der Stadt zu transportieren. Das soll geschehen, wenn die schriftlich ausgearbeitete Sozialraumanalyse vorliegt. „Wir wissen aus unserer engen Zusammenarbeit mit der Caritas und durch unsere eigenen Bemühungen, dass vorbeugende Sozialarbeit viel Einsatz erfordert, in den meisten Fällen jedoch auch zu einem spürbaren Ergebnis und zu einem besseren Miteinander führt“, so der Erste Stadtrat. red

„Die Kriminalität sinkt, das Unsicherheitsempfinden steigt.“

Elvira Schulenberg über das subjektive Empfinden und die objektiv ermittelten Daten und Zahlen

Rhein-Lahn-Zeitung Diez
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