Archivierter Artikel vom 17.07.2021, 07:13 Uhr
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Limburg-Weilburg

Kreis Limburg-Weilburg: Wildwechsel häufigste Unfallursache

Der Landkreis Limburg-Weilburg ist waldreich. Das bedeutet, wer dort auf einer der zahlreichen Landstraßen unterwegs ist, dem kann im Prinzip überall Wild vors Auto laufen. Das endet nicht immer glimpflich: So war jeder vierte Verkehrsunfall im Kreis im Jahr 2020 auf Wildwechsel zurückzuführen, wie das Polizeipräsidium Westhessen in seiner Unfallstatistik veröffentlicht. Mit 789 Unfällen ist der Wildwechsel damit die Unfallursache Nummer eins. Die Polizei spricht auf ihrer Homepage von der „unterschätzten Gefahr“ durch Wildunfälle. Diesem Tenor folgen auch Peter Medenbach, Vorsitzender der Jägervereinigung Oberlahn und Wolfgang Rusert vom Amt für öffentliche Ordnung beim Landkreis, zu dem auch das Jagdwesen gehört. „Die größte Gefahr bei einem Wildunfall geht nicht vom Tier, sondern vom Menschen aus“, macht Wolfgang Rusert deutlich. Er erläutert: „Wer sieht, dass ein Reh auf die Fahrbahn läuft, der will dem Tier nicht wehtun und deshalb ausweichen. Doch dabei können schlimme Unfälle mit Personenschaden entstehen, wenn man die Kontrolle über das Auto verliert und beispielsweise in den Gegenverkehr lenkt.“ Deshalb gelte es, kontrolliert, das heißt mit beiden Händen am Lenkrad, abzubremsen. „Wer sieht, dass Wild auf die Fahrbahn kommt: Blick in den Spiegel, abblenden, denn gerade nachts fahren die meisten auf der Landstraße mit Fernlicht, und angemessen bremsen. Das heißt, keine Vollbremsung machen, damit man niemanden gefährdet, der hinter einem fährt.“ Es könne dann passieren, dass das Reh vor Schreck stehen bleibt. Dann gelte es, nach dem Blick auf den Gegenverkehr drum herum zu fahren. „Läuft ein Tier unmittelbar vors Auto, sodass keine Zeit mehr bleibt, gilt ebenfalls: Nicht ausweichen, sondern die Ruhe bewahren und bremsen“, sagt Peter Medenbach. Wurde das Reh oder Wildschwein angefahren, sei der jeweilige Jagdpächter des Ortes zu verständigen. „Wer den nicht kennt, der ruft die Polizei an, die den entsprechenden Jäger kontaktieren kann“, weiß Medenbach. „Beim Polizeianruf müssen genaue Angaben gemacht werden, wo man sich befindet, damit der Jäger, sollte das Reh angefahren worden und geflüchtet sein, das Tier mit seinem Hund an der richtigen Stelle suchen kann“, erklärt Rusert und Medenbach fügt an: „Oder, damit der Jäger das Tier, das angefahren im Graben liegt, von seinem Leid erlösen kann.“ Wichtig sei außerdem zu beachten: Einfach weiterfahren kann zu einem Bußgeld führen. „Es stellt eine Ordnungswidrigkeit dar, wenn man das nicht meldet, denn es gibt eine gesetzliche Anzeigepflicht“, sagt Rusert. Grundsätzlich gilt: „Unabhängig von der polizeilichen Aufnahme können Wildunfälle auch ausschließlich mit dem zuständigen Jagdpächter beziehungsweise Jagdausübungsberechtigten abgewickelt werden, ohne dass die Polizei hinzugezogen werden muss“, wie die Polizei Westhessen in ihrer Unfallstatistik angibt. Potenziell könne einem zu jeder Tag- und Nachtzeit ein Tier vors Auto laufen, aber da viele überwiegend nachts aktiv sind, sei die Gefahr im Dunkeln größer, sagt Medenbach. Gefährdet seien aber vor allem die Morgen- und Abenddämmerungen. Rusert erklärt: „Die Tiere ziehen sich tagsüber in den Wald zurück, gerade auch weil sie Schutz vor Menschen suchen. Mit der Dämmerung sind sie dann außerhalb des Waldes in den Feldern auf Futtersuche. Da muss nur ein saftiges grünes Rapsfeld auf der einen, der Wald auf der anderen Seite und eine Straße dazwischen sein, schon kreuzt das Rehwild den Berufsverkehr.“ In den Monaten Mitte Juli bis Mitte August sei das Rehwild auch tagsüber sehr aktiv, denn es hat dann Paarungszeit. Die Wahrscheinlichkeit, im Landkreis Limburg-Weilburg mit einem Reh zusammenzustoßen, ist am höchsten. Wolfgang Rusert gibt Einblicke: „Die Anzahl der Fallwild-Unfälle, das heißt, der Unfälle, bei denen tatsächlich ein Tier überfahren wurde, lag vom 1. Februar 2020 bis 31. Januar 2021 bei 646 Mal Rehwild, 10 Mal Rotwild, 128 Wildschweinen und 131 Füchsen.“ Diese von den Jagdrevieren gemeldete Unfallzahl liegt mit 953 Unfällen um 164 über den Zahlen der Polizei, da einige Wildunfälle direkt zwischen den Revieren und den Autofahrern geklärt werden und damit nicht in der Statistik der Polizei erscheinen. Ein Vergleichswert: Im Jahr 2016 waren es laut Zahlen der Jagdreviere 783 Rehwild-, 15 Rotwild-, 181 Wildschwein- und 201 Fuchs-, demnach insgesamt 1160 Wildunfälle. Die Wahrscheinlichkeit, mit einem Wildschwein zusammenzustoßen, ist den Zahlen zufolge zwar geringer, doch sehe die Situation da noch einmal anders aus, so Peter Medenbach. Es gelte, wenn das Tier angefahren wurde, aber noch lebt, nicht aus dem Auto auszusteigen. „Von dem Wildschwein kann eine Gefahr ausgehen, deshalb lieber im Auto bleiben, Warnblinker an und den Jäger beziehungsweise die Polizei kontaktieren“, rät Medenbach. Da sei es wichtiger, sich zu schützen, als nach dem Tier zu schauen. Überhaupt müsse man sehen, dass es nur menschlich sei, sich um das Wohl der Tiere zu sorgen, dass das aber nicht die erste Priorität sein dürfe. „Natürlich möchte man kein Tier anfahren, das über die Straße läuft, das tut einem leid, aber ausweichen ist in dieser Situation einfach zu gefährlich“, betont Wolfgang Rusert. Es nütze auch nichts, mit Lichtsignalen zu versuchen, das Tier zum Weiterlaufen zu animieren. „Es mag einem leidtun, wenn man ein Tier überfährt, ist im Zweifelsfall aber ungefährlicher, als sich und mögliche Insassen durch Ausweichmanöver zu gefährden.“ Soll heißen: Im Fahrzeug sind Autofahrer am sichersten. „Ein Reh wiegt rund 20 Kilo und je nach Geschwindigkeit ist der Aufprall heftiger oder schwächer, aber für Sie ist die Gefahr einfach geringer“, sagt Rusert abschließend.

Von Anna-Lena Fischer Lesezeit: 5 Minuten