Archivierter Artikel vom 27.04.2022, 11:55 Uhr
Rhein-Lahn/Limburg

Ein Alltag mit Demenz: Bistumsexpertin erklärt im Interview, wie Kirchen helfen können

Die Problematik geht alle an und betrifft viele: Vom 30. April bis 7. Mai findet die „Woche für das Leben“ statt. Im Mittelpunkt steht das Thema Demenz. Im Interview spricht Sonja Sailer-Pfister, Referatsleiterin 3. und 4. Lebensalter der Limburger Diözesanverwaltung, wie sich das Bistum für Betroffene engagiert und wo es konkrete Hilfe und Unterstützung anbietet.

Sonja Sailer-Pfister, Referatsleiterin 3. und 4. Lebensalter im bischöflichen Ordinariat.
Sonja Sailer-Pfister, Referatsleiterin 3. und 4. Lebensalter im bischöflichen Ordinariat.
Foto: Bistum Limburg

Frau Sailer-Pfister, die „Woche für das Leben“ der beiden großen Kirchen vom 30. April bis 7. Mai rückt in diesem Jahr das Thema Demenz in den Mittelpunkt. Welche Ziele verfolgt die katholische Kirche damit?

Immer mehr Menschen sind von Demenz betroffen. Die beiden Kirchen möchten auf die Thematik aufmerksam machen und dazu beitragen, Menschen mit Demenz als wertvolle Mitglieder der Gesellschaft anzuerkennen und ihnen Teilhabe zu ermöglichen.

Die Kirchen wollen die spirituellen Bedürfnisse und den Glauben demenziell erkrankter Menschen als Kraftquelle im Umgang mit der Krankheit in den Mittelpunkt stellen und dafür Sorge tragen, dass auch Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen passende Angebote finden, zum Beispiel in der Seelsorge, durch demenzsensible Gottesdienste oder auch durch thematische Veranstaltungen, Beratung und Gesprächskreise. Besonders aufmerksam möchte ich machen auf die Veranstaltungen im Rahmen der „Woche für das Leben“ im Bistum Limburg. Herzliche Einladung zu allen Angeboten.

Demenz gilt vielen Menschen als eine der schlimmsten Erkrankungen überhaupt. Für nicht wenige ist es eine persönliche Horrorvorstellung, selbst dement zu werden. Wie kann da Kirche wirklich helfen?

Die Kirchen können und müssen dementen Menschen Raum geben und dürfen sie und ihre Angehörigen mit ihren Ängsten und Sorgen nicht allein lassen. Dazu gilt es, noch mehr Aufmerksamkeit und Öffentlichkeit für diese Thematik zu schaffen und Demenzkranke und ihre Angehörigen aus der Isolation zu holen und zu unterstützen.

Eine Herausforderung ist sicher, Seelsorge für Menschen mit Demenz anzubieten und bereits bestehende Angebote auszubauen, dafür Seelsorgende speziell auszubilden und zur Verfügung zu stellen. Im Bistum Limburg gibt es Demenzberatungsstellen, zum Beispiel die Fachstelle Demenz der Caritas Main-Taunus und die Demenzberatung vom Caritasverband Frankfurt. All diese Angebote sind Versuche, Ängste abzubauen und den Alltag mit Demenz zu gestalten.

Die evangelische und katholische Kirche haben sich verpflichtet, bei der „Nationalen Demenzstrategie“ der Bundesregierung mitzuarbeiten. Welche konkreten Schritte werden auf diözesaner Ebene aktuell getan, und was kann man zukünftig noch erwarten?

Ein erster Schritt war, eine AG Demenz im Bistum Limburg zu gründen. Diese ist ökumenisch besetzt, und es werden alle Akteure, die sich mit der Thematik Demenz beschäftigen, vernetzt. Dazu gehören zum Beispiel die Hessische Alzheimergesellschaft, Fach- und Beratungsstellen sowie Einrichtungen der Erwachsenen- und Familienbildung.

Die AG hat das Ziel, die Umsetzung der geplanten Maßnahmen, zu denen sich die Kirchen in der Demenzstrategie verpflichtet haben, auf Bistumsebene zu begleiten und umzusetzen. Dazu gehören beispielsweise die Erstellung von Materialien und Arbeitshilfen, was im Rahmen der „Woche für das Leben“ in einem ersten Schritt schon geschehen ist. Es geht aber auch um Entwicklung von Fort- und Weiterbildungskonzepten für Seelsorge mit Demenzkranken und die Organisation von Studien- und Fachtagen. Für 2024 ist auf Bundesebene kirchlicherseits ein großer Fachkongress geplant, um dieses Thema präsent zu halten und auch in den Kirchen weiterzuentwickeln.

Mit Blick auf die Kirchen wird in Fachkreisen immer wieder von demenzsensiblen Gemeinden gesprochen. Was genau meint das?

In demenzfreundlichen Kommunen und Kirchengemeinden bemüht man sich darum, dass Menschen mit Demenz und deren An- und Zugehörige nicht „verloren gehen“, sondern ein soziales Umfeld vorfinden, das sie auffängt. Demenzsensibilität heißt, sich auf die Welt der Menschen mit Demenz einzulassen und ihnen Zugangswege zu verschaffen.

Der Schriftsteller Arno Geiger hat es in seinem Buch „Der alte König in seinem Exil“ aus dem Jahr 2014 so ausgedrückt: „Da mein Vater nicht mehr über die Brücke in meine Welt gelangen kann, muss ich hinüber zu ihm.“ Es geht darum, ein demenzsensibles Umfeld zu gestalten, ein Umfeld, in dem Menschen mit Demenz angenommen werden und teilhaben können. Schließlich geht es auch darum, Versorgungsformen bei fortgeschrittener Demenz weiterzuentwickeln und auch die Hospiz- und Palliativversorgung auszubauen und auch eine christliche Sterbebegleitung für Menschen mit Demenz zu gewährleisten.

Anlässlich der „Woche für das Leben“ erscheint eine Handreichung zur Gestaltung inklusiver Gottesdienste, die auf die Bedarfe Demenzkranker eingeht. Wie unterscheiden sich diese Gottesdienste von „normalen“ Gottesdiensten?

Die Seniorenpastoral auf Bundesebene, die auch vonseiten des Bistums Limburg unterstützt wird, hat eine Handreichung „Mit demenziell veränderten Menschen Gottesdienst feiern“ verfasst, die allen Gemeinden und Gottesdienstfeiernden zu Verfügung steht. Grundsätzlich gilt – wie bei allen Gottesdiensten –, dass eine Atmosphäre unbedingter Wertschätzung und Achtung zu schaffen ist und auf die Bedürfnisse der Menschen mit Demenz und ihrer Angehörigen eingegangen werden muss – auch wenn sie sich anders verhalten! Es sollten bekannte Lieder und ein bekannter Ablauf gewählt werden. Das hat einen Erinnerungs- und Wiedererkennungseffekt. Und: Kurze Sätze und den Menschen Zuspruch geben, keine theologischen Reflexionen.