Archivierter Artikel vom 09.08.2020, 18:04 Uhr
Diez

20. August als Jahrestag einer dunklen Stunde der Stadtgeschichte gewählt: Erste Diezer Stolpersteine erinnern an Kinder

Am Anfang gibt es noch Probleme mit der Standfestigkeit – das Banner mit der Aufschrift „Steine gegen das Vergessen“ muss noch fixiert werden, sodass es nicht umkippt. Danach können die Mitglieder des Diezer Arbeitskreises Stolpersteine aber loslegen. Denn es gilt, die Passanten auf dem Marktplatz, die gerade ihre Wochenendeinkäufe erledigen, auf die erste Diezer Stolpersteinverlegung aufmerksam zu machen. Nachdem im Limburger Raum – aber auch im Aartal – bereits seit Jahren auf diese Weise auf die Opfer des NS-Regimes aufmerksam gemacht wird, ist es nun auch in der Grafenstadt so weit. Am Donnerstag, 20. August, werden eine Stolperschwelle und 20 Stolpersteine verlegt. „Das sind noch längst nicht alle jüdischen Bürger, die vor ihrer Vertreibung in Diez lebten“, sagt Arbeitskreismitglied Dr. Michael Ströder. „Wir gehen da von rund 30 bis 40 Personen aus“, ergänzt Jens Reutzel, der sich als Lehrer am Sophie-Hedwig-Gymnasium schon länger mit Spuren des jüdischen Lebens in Diez beschäftigt. Nicht mit eingerechnet sind dabei die Bewohner des Deutsch-Israelitischen Kinderheims, das einst auf dem heutigen Grundstück des St.-Vincenz-Krankenhauses stand. Das Schicksal des Heims und seiner Bewohner spielt nun bei der Stolpersteinaktion eine besondere Rolle: Denn zum 20. August 1935 – also vor 85 Jahren – wurden die Kinder von einem Mob die Schlosstreppe hinuntergetrieben und aus der Stadt vertrieben.

Von Johannes Koenig
Das Deutsch-Israelitische Kinderheim auf einer historischen Postkarte von 1897. In einer pogromartigen Aktion wurden am 20. August 1935 Kinder und Erzieher über die Schlosstreppe auf den Markplatz getrieben und am nächsten Tag nach Frankfurt deportiert.  Foto: Stadtarchiv Diez
Das Deutsch-Israelitische Kinderheim auf einer historischen Postkarte von 1897. In einer pogromartigen Aktion wurden am 20. August 1935 Kinder und Erzieher über die Schlosstreppe auf den Markplatz getrieben und am nächsten Tag nach Frankfurt deportiert.
Foto: Stadtarchiv Diez

„Das war uns wichtig, die Aktion an diesem Tag durchzuführen“, betont Ströder. Er selbst hat verschiedene persönliche Anknüpfungspunkte an das Heim – was ihm zum Teil aber erst sehr viel später im Leben bewusst wurde. Denn bevor der Neubau des heutigen Sophie-Hedwig-Gymnasiums fertig wurde, hatte er dort von 1968 bis 1970 Unterricht. „Niemand hat mir damals gesagt, dass das mal ein jüdisches Heim war.“ Das Gebäude wurde dann 1971 auch abgerissen. Ein persönlicher Augenöffner war das 1999 von Adolf Morlang und Klaus-Peter Hartmann verfasste Werk „Boykottiert-Emigriert-Deportiert-Liquidiert“. Das inzwischen vergriffene Buch enthält verschiedene Quellen zur Geschichte der Diezer Juden in der NS-Zeit. In der Folgezeit stellte Michael Ströder unter anderem fest, dass sein Vater 1933 dieselbe Grundschule besuchte wie ein Großteil der Heimkinder. „Nichts hat er davon erzählt“, so Ströder. Die Grundschule war ein Vorläufer der heutigen Karl-von-Ibell-Schule. In deren Unterlagen fand man dann auch eine Liste mit 31 Namen der 1935 vertriebenen Heimkinder. Diese Liste ist nun auch Teil der kleinen Broschüre, die der Arbeitskreis anlässlich der Stolpersteinverlegung zusammengestellt hat. Mindestens 6 der dort aufgeführten 31 Kinder wurden später in Konzentrationslagern ermordet. Bei weiteren ist ihr Schicksal ungeklärt, andere konnten durch sogenannte Kindertransporte in sichere Drittländer noch rechtzeitig gerettet werden.

Werben für ihr Projekt am Marktplatz (von links): Dr. Alfred Meurer, Matthias Lang, Dr. Michael Ströder und Thomas Rösel.  Foto: Johannes Koenig
Werben für ihr Projekt am Marktplatz (von links): Dr. Alfred Meurer, Matthias Lang, Dr. Michael Ströder und Thomas Rösel.
Foto: Johannes Koenig

Um an die Institution Kinderheim zu erinnern, wird am 20. August am Schlossberg 23 eine sogenannte Stolperschwelle verlegt. Es folgen verschiedene Stolpersteine für die Familien Kadden und Bettmann, die das Heim betreuten. Auf dem Markplatz wiederum geht es um die Schicksale von Hermann Stern und der Familie Bodenheimer. Sie hatten das damalige Kaufhaus A. Königsberger am Marktplatz 1 und 3 – heute Standort von Ernsting's family – übernommen. Die noch bestehende architektonische Gestaltung der beiden Gebäude geht auf diese Zeit zurück. Denn obwohl es sich eigentlich um zwei getrennte, unterschiedliche Häuser handelt, erstreckt sich das Ladengeschäft über beide Gebäude. Eine Maßnahme, die damals umgesetzt wurde.

Aber unter welchen Kriterien wurden eigentlich – jenseits des Kinderheims und seiner Bewohner – die Namen und Biografien für die erste Stolpersteinverlegung in Diez ausgewählt? „Es handelt sich vor allem um Personen und Familien, die Diez nach dem Pogrom von 20. August 1935 schnell verlassen haben“, sagt Michael Ströder. „Das stimmt so nicht ganz“, widerspricht ihm sein Arbeitskreiskollege Matthias Lang. Denn der hatte sich unter anderem um das Schicksal der Familien Löb und Löwenberg gekümmert – und die Biografie von Emil Löb (geboren im Jahr 1900) fiel ihm da gewissermaßen in den Schoß. „Denn die Familie Löb betrieb Viehhandel und lebte eigentlich in Staffel.“ Ihr Schicksal war bereits in Staffel im Rahmen einer Stolpersteinaktion aufgegriffen worden. Und auch für Emil Löb sollte dort ein Stolperstein verlegt werden. Gerade noch rechtzeitig fiel aber auf, dass er im November 1931 nach Diez in die Koblenzer Straße 3 gezogen war. Das Haus gehörte den Eltern seiner Braut Irma Löwenberg, die er einen Monat später auch heiratete. Da es ja nun bereits Recherchematerial zu Emil Löb gab, bot es sich an, ihn und seine Frau ebenfalls am 20. August zu berücksichtigen. „Ich hatte aber nicht damit gerechnet, dabei auf eine jüdische Großfamilie zu treffen“, fährt Matthias Lang fort. Denn im Haus lebten unter anderem noch die Schwiegereltern Adolf und Settchen sowie die Familienmitglieder Thea, Walter und Leo Löwenberg. Hinzu kam ab 1932 noch Töchterchen Florentine Löb. Sie wurde, wie auch ihr Vater, 1942 in Auschwitz ermordet, nachdem der Familie zeitweise die Flucht nach Frankreich gelungen war. Dort war 1940 bereits Irma Löb ums Leben gekommen. „Wahrscheinlich während Kampfhandlungen“, vermutet Matthias Lang.

Trotz der Sommerhitze ist das Interesse der Passanten am Infostand groß. „Trotz Corona sind am 20. August Besucher natürlich ausdrücklich willkommen“, betont Museumsdirektor, Dr. Alfred Meurer. Er engagiert sich auch im Arbeitskreis, da dieser kein eigenständiger Verein ist und daher Unterschlupf unter dem Dach des Museums- und Geschichtsvereins gefunden hat. Denn dieser kann dann zum Beispiel auch Spenden entgegennehmen. „Während der Stolpersteinverlegung ist auf die Einhaltung der Hygienevorschriften zu achten“, ergänzt Meurer noch. Dazu zählen unter anderem Sicherheitsabstand und ein Mund-Nasen-Schutz.

Von unserem Reporter Johannes Koenig

Das war uns wichtig, die Aktion an diesem Tag durchzuführen.

Mit der Stolpersteinverlegung am 20.

Programm: Erste Verlegung von Stolpersteinen in Diez

Los geht es mit der Verlegung der Stolpersteine am Donnerstag, 20. August, um 14 Uhr am Schlossberg 23 am St.-Vincenz-Krankenhaus in Diez. Nach einer kurzen Begrüßung werden dort um 14.15 Uhr eine Stolperschwelle für das Deutsch-Israelitische Kinderheim und Stolpersteine für Herz, Gudula und Bertha Kadden verlegt.

Die nächste Station ist der Schlossberg 19 (14.45 Uhr), wo Bianka und Hermann Bettmann mit Stolpersteinen gedacht werden soll. Weiter geht es zum Markplatz 3 (15.30 Uhr) und dem letzten freiwilligen Wohnort von Herman Stern und Josef, Lina und Ruth Bodenheimer. Es folgt die Koblenzer Straße 5 (16 Uhr), dort lebten Adolf, Mathilde und Herta Arfeld. Acht Stolpersteine werden dann schließlich in der direkten Nachbarschaft (Koblenzer Straße 3) um 16.15 Uhr verlegt. Erinnert wird so an Settchen, Adolf, Leo, Walter und Thea Löwenberg sowie an Emil, Irma und Florentine Löb. Um 16.30 Uhr folgt dann noch auf der Alten Lahnbrücke die Verlesung der Biografien der Familien Arfeld und Löwenberg/Löb. joa
Rhein-Lahn-Zeitung Diez
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