Archivierter Artikel vom 20.01.2022, 20:32 Uhr
Herdorf/Betzdorf

Walter Krystosek sammelt seit mehr als 60 Jahren: Herdorfer zeigt seine kuriosen und seltenen Postkarten

Auf der Suche nach der ältesten Betzdorfer Postkarte hatte sich die Rhein-Zeitung kürzlich an die Leserschaft gewandt. Vor allem ging es darum, ältere Exemplare ausfindig zu machen als die bisher älteste bekannte Karte von 1890 (die RZ berichtete). Die Leser sollten in privaten Alben, Schubladen oder Kartons, im Keller oder auf dem Speicher forschen. Jetzt ist wieder einer von ihnen fündig geworden: Der 87-jährige Walter Krystosek aus Herdorf.

Von Joachim Weger

Walter Krystosek (87) aus Herdorf sammelt seit rund 60 Jahren historische Postkarten und Briefe. In dem beachtlichen Fundus schlummern weit über 900 Exemplare zu etlichen Themen, auch Kurioses und Denkwürdiges.
Walter Krystosek (87) aus Herdorf sammelt seit rund 60 Jahren historische Postkarten und Briefe. In dem beachtlichen Fundus schlummern weit über 900 Exemplare zu etlichen Themen, auch Kurioses und Denkwürdiges.
Foto: Joachim Weger

„Es war für mich eine tolle Aufgabe, meine komplette Sammlung nach solchen Stücken zu durchsuchen“, gestand Krystosek, der sich auf die RZ-Suchanfrage gemeldet hatte und prompt zu einem „Hausbesuch“ einlud. Um es vorweg zu sagen: Eine ältere Betzdorfer Postkarte als die aus dem Jahr 1890 gibt es auch in der Herdorfer Sammlung nicht. Aber dafür fand sich viel Kurioses, was Sammlerherzen höherschlagen lässt und viele Leser interessieren wird.

Insgesamt hat der rüstige Senior nämlich mehr als 900 historische Briefe und Karten zusammengetragen. Inzwischen trägt er sich altersbedingt mit dem Gedanken, einen Teil der Sammlung zu veräußern. „Ich sammle fast seit meiner Hochzeit, also seit rund 60 Jahren“, erzählt Krystosek beim Auslegen einer kleinen Auswahl auf dem Hobbytisch zur Besichtigung. Rasch wird dem historisch interessierten Betrachter klar, dass er hier sehr seltene Stücke vor sich hat.

Diese denkwürdige Bildpostkarte aus Paris erinnert an das unmenschliche Kapitel des Sklavenhandels. Ganz offiziell trägt die Rückseite der Werbekarte den Begriff Sklavenhändler und sogar dessen Namen.
Diese denkwürdige Bildpostkarte aus Paris erinnert an das unmenschliche Kapitel des Sklavenhandels. Ganz offiziell trägt die Rückseite der Werbekarte den Begriff Sklavenhändler und sogar dessen Namen.
Foto: Joachim Weger

Zahlreiche Karten sind aus Oberschlesien, aus der Heimat des Vaters, viele andere wiederum von Bruder Hans aus Berlin. Einen Großteil jedoch hat Walter Krystosek im Lauf langer Jahre auf Trödelmärkten, Börsen und Messen erstanden. Zu den wahren Raritäten gehören 1877 und 1889 postalisch versandte Briefe aus Göttingen, Altenburg und Hameln.

Daneben werden Bildpostkarten zu besonderen Ereignissen verwahrt, etwa zum Lutherfest 1921 auf der Wartburg, zum Opernhaus Frankfurt oder auch mit erlesenen Darstellungen von Reichskanzler Bismarck, von der amerikanischen Präsidentenfamilie Roosevelt oder vom 1901 erbauten deutschen Passagierschiff „Kronprinz Wilhelm“. Eine undatierte Werbebildkarte eines Sklavenhändlers aus Paris wirkt dagegen schaurig. Gleich nebenan schlummern malerische Mondscheinkarten sowie unter bitteren Tränen geschriebene Feldpostbriefe an die Lieben daheim.

Der spätere US-amerikanische Präsident Franklin D. Roosevelt und seine Familie sind auf dieser Postkarte von 1907 abgebildet.
Der spätere US-amerikanische Präsident Franklin D. Roosevelt und seine Familie sind auf dieser Postkarte von 1907 abgebildet.
Foto: Joachim Weger

„Doch jetzt geht’s um Betzdorf“, verspricht Walter Krystosek getreu dem Motto „Das Beste kommt zum Schluss!“. Neben zwei Bahnpoststempeln von 1915 und einer Textkarte aus dem Hotel Gobrecht von 1895 ist es im wahrsten Sinne des Wortes ein bildschöner „Gruß aus Betzdorf“, der sich einzigartig als Blickfang erweist: Die farbige und kunstvoll verzierte Bildpostkarte von 1898 führt den Blick des Betrachters über die Bahnanlagen nach Hohenbetzdorf. Laut Stempel legte die Karte bloß eine kurze Strecke zurück, und zwar von Neunkirchen nach Struthütten.

Als zusätzliches Schmankerl haben sich vor 124 Jahren die Absender des prima erhaltenen Paradestücks beim feucht-fröhlichen Damentreff im Hellertal persönlich mit Bleistift verewigt. Heute noch lesbar sind Familiennamen wie etwa Müller, Fischbach, Späth, Hirtz, Petri, Weber, Debus, Daub, Ginsberg, Gontermann, Reifenrath und Jung.