Archivierter Artikel vom 03.09.2019, 04:20 Uhr

Orte der Erinnerung

In Kolumbien den Zauber der Vergangenheit spüren

Kolumbiens Kolonialstädte locken mit Geschichte, beeindruckenden Naturlandschaften und schöner Architektur. Aber es gibt hier mehr zu erleben: etwa Weltliteratur zum Nachleben oder leckere Ameisen.

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Auf dem Bolívar-Platz
Auf dem Bolívar-Platz in Cartagena verkaufen María Márquez und María Reyes exotische Früchte.
Foto: Manuel Meyer – dpa

Cartagena de Indias (dpa/tmn) – Es herrschen turbulente Zeiten im Land, als Gabriel García Márquez die kolumbianische Küstenstadt Cartagena de Indias erreicht.

Villa de Leyva
Villa de Leyva ist eine der schönsten Kolonialstädte Kolumbiens.
Foto: Manuel Meyer – dpa

Wie viele andere war auch der spätere Literaturnobelpreisträger (1927-2014) Hals über Kopf aus der Hauptstadt Bogotá geflohen, wo im April 1948 ein blutiger Bürgerkrieg tobte. „Gabo“ war damals erst 21 Jahre alt, wollte Journalist werden und hatte keinen einzigen Peso in der Tasche.

Königsweg von Barichara nach Guane
Ein deutscher Auswanderer erweckte den steinigen Königsweg von Barichara nach Guane wieder zu neuem Leben.
Foto: Manuel Meyer – dpa

Oliveros führt zum ehemaligen Wohnhaus des Schriftstellers. Es befindet sich direkt hinter der alten Stadtmauer mit Blick aufs türkisblaue Meer. Neben dem monumentalen Kloster von San Pedro Claver, dem „Apostel der Schwarzen“, zeigt er das alte Redaktionsgebäude der Tageszeitung „El Universal“, wo der junge Nachwuchsjournalist damals sein Handwerk lernte. Wie García Márquez ist auch Oliveros Kolumnist in „El Universal“.

Orlando Oliveros
Journalist und Gabo-Experte Orlando Oliveros.
Foto: Manuel Meyer – dpa

Spaziergänge zu den Schauplätzen der Romane

Dino-Fossil
Dino-Fossile im paläontologischen Forschungszentrum der Villa de Leyva.
Foto: Manuel Meyer – dpa

Oliveros kannte García Márquez persönlich nicht. Doch als Programmverantwortlicher von Gabos „Stiftung Neuer Iberoamerikanischer Journalismus“ kennt er dessen Geschichte und Werke um so besser. Neben realen Schauplätzen aus Gabos Leben begegnen Besucher auf Spaziergängen durch die malerische Altstadt Cartagenas aber vor allem Szenen und Orten aus seinen Romanen.

San Felipe de Barajas
Die spanische Festung San Felipe de Barajas.
Foto: Manuel Meyer – dpa

Im Park Fernández de Madrid erinnert Oliveros daran, wie Gabo hier den jungen Florentino stundenlang im Schatten der Mandelbäume auf Fermina warten ließ. Die Szene stammt aus seinem Erfolgsroman „Die Liebe in den Zeiten der Cholera“.

Plaza Mayor von Villa de Leyva
Die Plaza Mayor von Villa de Leyva ist einer der größten Plätze Amerikas.
Foto: Manuel Meyer – dpa

Stadt hat den Schriftsteller beeinflusst

Arkarden der Plaza de los Coches
Unter den Arkarden der Plaza de los Coches werden seit Jahrzehnten lokale Süßwaren verkauft, die auch Gabo liebte und in seinen Romanen verewigte.
Foto: Manuel Meyer – dpa

García Márquez verbrachte nur einige Jahre in Cartagena, lebte danach in Europa und zuletzt in Mexiko. „Doch die Stadt beeinflusste sein Werk wie kein anderer Ort auf der Welt“, versichert Oliveros. So wollte er auch, dass ein Teil seiner Asche hier beigesetzt wird.

Büste von Gabriel García Márquez
Unter der Büste von Gabriel García Márquez im Innenhof des ehemaligen Klosters La Merced wurde ein Teil seiner Asche beigesetzt.
Foto: Manuel Meyer – dpa

Das karibische Flair, die pastellfarbenen Häuser mit blumengeschmückten Holzbalkonen, verträumte Innenhöfe, weiße Strände, imposante Kolonialgebäude, die spanische Festung San Felipe de Barajas – Cartagenas quirlige Altstadt, Unesco-Weltkulturerbe, verzauberte García Márquez.

Stadtführung mit Melissa Hernández
Auf Melissa Hernández gastronomisch-literarischen Stadtführungen dürfen Pantcones de queso natürlich nicht fehlen.
Foto: Manuel Meyer – dpa

„Onkel Gabito liebte Cartagena. Er kehrte immer wieder zurück. Zumal auch seine Mutter und Geschwister hier weiterhin lebten“, erklärt Melissa Hernández. Sie kannte ihn gut. Ihre Familien sind eng befreundet. Melissa, Chefköchin, führt heute Touristen auf den gastronomischen Spuren von Gabos Büchern durch die Altstadt.

Zeitreise in Barichara
Barichara gleicht einer Reise ins Kolumbien der Kolonialzeit.
Foto: Manuel Meyer – dpa

Auf der Plaza de los Coches herrscht buntes Treiben: Pferdekutschen holpern über das Kopfsteinpflaster. Unter den Arkaden der Kolonialhäuser verkaufen Händlerinnen lokale Süßwaren aus Kokos und Rohrzucker, die Gabo ebenfalls in seinen Romanen erwähnt. Weltliteratur zum Nachleben.

Juan de Dios
Juan de Dios vom paläontologischen Forschungszentrum in Villa de Leyva beim Säubern von Dino-Fossilen.
Foto: Manuel Meyer – dpa

Ameisen mit großen Hinterteilen

Straße von Barichara
Barichara – Eine Reise ins Kolumbien der Kolonialzeit.
Foto: Manuel Meyer – dpa

Rund eine Flugstunde südlich von Cartagena lockt auch Barichara mit einem Gaumenschmaus, aber einem ästhetisch erst einmal gewöhnungsbedürftigen – geröstete Riesenameisen. Eigentlich sind nur die Hinterteile groß, weshalb die Gourmet-Insekten auch „Hormigas culonas“ (dickärschige Ameisen) genannt werden.

Plaza de Aduana
Die Plaza de Aduana, der Zollplatz, ist Cartagenas ältester Platz.
Foto: Manuel Meyer – dpa

Margarita Higuera zupft nur die Flügel ab, legt die Ameisen in Mehl ein, und ab in die Tonpfanne. Knusprig und salzig schmecken sie. „Die Ameisen haben eine fast 500 Jahre alte Tradition in der Küche der Urbevölkerung, dem Stamm der Guane“, erklärt Ernährungsexpertin Higuera. Aphrodisierend sollen sie sein und viele Proteine haben.

Wasserfälle bei Villa de Leyva
Wasserfälle in der Umgebung von Villa de Leyva laden zu Wanderungen ein.
Foto: Manuel Meyer – dpa

Wer im Frühling auf dem Camino Real von Barichara ins Dorf wandert, kann die Bauern auf der Suche nach den Ameisen sehen. Der „Königsweg“ der spanischen Konquistadoren war lange in Vergessenheit geraten, bis der deutsche Kaufmann und spätere Großgrundbesitzer Georg von Lengerke ihn im 19. Jahrhundert wiederentdeckte und erneut begehbar machte. Der schmale, sieben Kilometer lange Steinweg führt vorbei an Kakteen und Akazien durch den Canyon hinunter bis nach Guane.

Barichara
Barichara ist umgeben von einer schroffen Berglandschaft und tiefen Canyons.
Foto: Manuel Meyer – dpa

Nationalmonument als „Ort der Erholung“

«dickärschigen Ameisen»
Baricharas Lokalspezialität die «dickärschigen Ameisen».
Foto: Manuel Meyer – dpa

Guane gleicht ein wenig Barichara: Gepflasterte Straßen, weiß verputzte Lehmhäuser mit roten Ziegeldächern, alte Kirchen. Eine Reise ins Kolumbien der Kolonialzeit – und alles wirkt trotzdem wie neu. Kein Wunder, dass in Barichara viele lateinamerikanische Telenovelas gedreht werden. Die Kleinstadt auf 1200 m Höhe ist fast kitschig schön und seit 1978 Nationalmonument. So kann es hier im Sommer auch richtig voll werden. Doch außerhalb der kolumbianischen Ferienzeit macht Barichara seinem Namen alle Ehre. In der Sprache der Guane bedeutet er „Ort der Erholung“.

Cartagena ist bunt
Cartagenas Altstadt begeistert mit bunten Häusern und ihren blumenbehängten Holzbalkonen.
Foto: Manuel Meyer – dpa

Man schlendert durch die steilen Kopfsteinpflastergassen, besucht die Kapellen, Plätze oder den Friedhof mit seinen künstlerisch einzigartigen Grabsteinen. Es gibt viele Skulpturen von lokalen Künstlern in den Parks zu sehen, dazu gute Restaurants. Aber viel zu tun gibt es nicht.

Altstadt von Cartagena
Cartagenas Altstadt ist Unesco-Weltkulturerbe und wird gerne als Königin der Karibik bezeichnet.
Foto: Manuel Meyer – dpa

Dafür ist die Umgebung um so spannender. Schroffe Berge, tiefe Canyons und riesige Wasserfälle machen die Region zu Kolumbiens Outdoor-Paradies. Eine halbe Stunde von Barichara entfernt befindet sich San Gil. Hier wird Adrenalinjunkies einiges geboten – Abseilen, Höhlenexpeditionen, Gleitschirmfliegen, Mountain-Bike. Doch eine der touristischen Hauptattraktionen der alten Kolonialstadt sind die zahlreichen Dinosaurierfunde.

Kolonialdorf Guane
Das schmucke Kolonialdorf Guane war einst vom indigenen gleichnamigen Volk bewohnt.
Foto: Manuel Meyer – dpa

Paläontologen bei der Arbeit über die Schulter schauen

„Heute befindet sich unsere Region im Zentrum Kolumbiens. Doch vor Millionen von Jahren war hier eine Meeresbucht. Deshalb haben wir die größte Sammlung maritimer Reptilienfossile Südamerikas“, erklärt Juan de Dios vom paläontologischen Forschungszentrum, in dem Besucher bis zu 300 versteinerte Dino- und Schalentierfossile bewundern können. „Darunter auch die älteste Meeresschildkröte, die jemals gefunden wurde. 125 Millionen Jahre ist das Fossil alt“, sagt Juan de Dios stolz. In dem Zentrum kann man den Paläontologen durch eine Scheibe beim Säubern und Präparieren der Fossilien über die Schulter schauen.

In der Region gibt es so viele Funde, dass sie gleich in verschiedenen Freilichtmuseen ausgestellt werden müssen. Im Museum „El Fósil“ ist eines der weltweit größten versteinerten Skelette eines Krokodilähnlichen Kronosaurus zu sehen. Oftmals sieht man in Villa de Leyva sogar in Steinwänden und Treppen ganz normaler Häuser prähistorische Fossilien, weil die Steinblöcke als Baumaterial benutzt wurden.

Ein richtiger Hingucker ist aber das 1572 gegründete Villa de Leyva selber. Das koloniale Juwel auf 2100 Meter Höhe zählt gerade einmal 9000 Einwohner, hat mit seinem 120 mal 120 Meter messenden Zentralplatz aber einen der größten Plätze in ganz Amerika. Rundherum reihen sich alte Gebäude, Kirchen und sechs Museen. In seinen Gassen aus Kopfsteinpflaster scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Kolumbiens koloniales Erbe hat viele Überraschungen zu bieten.

Kolumbiens Kolonialstädte

Anreise: Airlines wie Iberia, Avianca, Lufthansa oder Air Europa fliegen von verschiedenen deutschen Flughäfen Bogotá oder Cartagena de Indias an. Für die Einreise ist nur ein noch sechs Monate gültiger Reisepass nötig.

Sprache: Spanisch

Währung: 1 Euro = 3.645 Kolumbianische Pesos (COP)

Sicherheit: Die Sicherheitslage in Kolumbien hat sich in den letzten Jahren erheblich verbessert. Touristische Regionen sind recht sicher zu bereisen. Für einige ländliche Gebiete gibt es jedoch Sicherheitswarnungen. Mehr Infos bei Auswärtigen Amt unter www.auswaertiges-amt.de

Infos: Fremdenverkehrsamt Kolumbien, Fürstenbergerstraße 223, 60323 Frankfurt, Tel 069 – 13023832, frankfurt@procolombia.co, www.colombia.travel