Archivierter Artikel vom 06.08.2020, 04:45 Uhr

Wunderwelt im Glaspalast

In den Gewächshäusern von Kew Gardens

Hier versammeln sich botanische Superlative: das größte Gewächshaus, die langlebigste Topfpflanze, die älteste Orchideenkollektion. Das königliche Kew in London ist der Garten der Gärten.

Kew GardensLesezeit: 4 Minuten
Kew Gardens
Kew Gardens ist eine riesige Anlage mit mehreren Gewächshäusern – von teils enormen Ausmaßen.
Foto: Christoph Driessen/dpa-tmn

London (dpa/tmn). Etwa 15 Meter hoch ist die Palme im berühmten Palm House der Londoner Kew Gardens, und deshalb wird in den nächsten Jahren irgendwann der Moment kommen, in dem Will Spoelstra sie fällen muss. „Sonst könnte sie irgendwann durchs Glasdach brechen“, sagt der Pflanzenfachmann. „Ist natürlich furchtbar, so eine ikonische Palme umzulegen. Das bricht einem das Herz.“

Eine Institution
Das Palmenhaus entstand in den 1840er Jahren.
Foto: Christoph Driessen/dpa-tmn

Egal ob Farn-Fetischist, Edelweiß-Ästhet oder Rosen-Jünger: Für Pflanzenfreunde jeder Art gibt es nichts Größeres als die Royal Botanic Gardens in London. Das königliche Kew. Der Garten der Gärten. Eine riesige Parkanlage mit gewaltigen Gewächshäusern aus der Zeit von Queen Victoria (1819 bis 1901).

Blütenpracht
In Kew Gardens können Besucher zum Beispiel wunderschöne Orchideen bestaunen.
Foto: Board of Trustees/RBG Kew/dpa-tmn

Zu der Zeit, als das britische Empire ein Viertel der Welt umfasste, nahmen sich die Botaniker von Kew vor, ein Imperium der Pflanzen zu schaffen. Sämtliche Arten sollten in ihren geheizten und berieselten Kunstwelten unter Londons meist bewölktem Himmel vertreten sein.

Höhenweg durch die Baumkronen
Ein Höhenweg durch die Kronen uralter Braumriesen ist eine der neueren Attraktionen von Kew Gardens.
Foto: RBG Kew/dpa-tmn

Das Empire ist nun schon lange Geschichte, aber der Anspruch von Kews Botanikern ist geblieben. Allein die Orchideen-Kollektion – die älteste der Welt – zählt mehr als 5000 Arten.

Will Spoelstra
Will Spoelstra ist Supervisor des Palmenhauses – und verbringt den ganzen Tag im Regenwald unter Glas.
Foto: Christoph Driessen/dpa-tmn

Reise in eine andere Welt

Temperate House
Das Temperate House gilt als größtes erhaltenes Gewächshaus des 19. Jahrhunderts weltweit – es wurde kürzlich umfangreich restauriert.
Foto: Christoph Driessen/dpa-tmn

„Es ist heute nicht mehr möglich, alle Spezies der Welt zu zeigen, aber wir haben noch immer den Ehrgeiz, einen relevanten Teil auszustellen“, sagt Will Spoelstra. Darüber hinaus sei die Millennium Seed Bank ein wichtiger Bestandteil von Kew. „Dort speichern wir Samen“ – von möglichst allen Pflanzenarten der Erde.

Betörend
Im Inneren des Palmenhauses kann man sich in den tropischen Regenwald versetzt fühlen.
Foto: Christoph Driessen/dpa-tmn

Ein Besuch in den Gewächshäusern ist ein Erlebnis mit allen Sinnen. Man öffnet die Tür und befindet sich in einer anderen Klimazone. Feuchtwarme Hitze und Blütenduft umfangen den Besucher. Ein feiner Regenschleier geht aus dem Blätterhimmel nieder. Wunderbar nostalgisch muten die geschwungenen viktorianischen Wendeltreppen an. Sie führen hinauf zu den Galerien unter dem Glasdach, von denen aus Besucher auch die höchsten Palmenspitzen begutachten können.

Altehrwürdiges Gewächshaus
Altehrwürdiges Gewächshaus: im Inneren des Temperate House.
Foto: Christoph Driessen/dpa-tmn

Die älteste Topfpflanze der Welt

Wunderbare Pflanzenwelt
Im Temperate House gibt es überall etwas zu entdecken, nicht nur für Gartenfreunde.
Foto: Christoph Driessen/dpa-tmn

Das Palm House ist Will Spoelstras Reich. Es gilt als ältestes noch existierendes Gewächshaus der Welt. Die Konstruktion aus Stahl und Glas wurde in den 1840er Jahren errichtet. Es war das erste Gewächshaus dieser Größe: 110 Meter lang, 30 Meter breit und 19 Meter hoch. Der 32 Jahre alte Spoelstra ist hier Supervisor.

Wasserlilie
Diese Pflanze würde auch zu Hause gut aussehen: Im Wasserlilienhaus lassen Besucher erfahrungsgemäß öfters mal etwas mitgehen.
Foto: Christoph Driessen/dpa-tmn

Der langlebigste Bewohner ist noch älter als das Gebäude: Es handelt sich um eine Encephalartos altensteinii, die 1773 von Kews erstem Pflanzenjäger Francis Masson (1741 bis 1805) in Südafrika eingetopft wurde und 1775 in Kew Gardens ankam. Seitdem hat sie das Gelände nicht mehr verlassen und gilt heute als älteste Topfpflanze der Welt.

Blütenpracht
Blütenpracht im Wasserlilienhaus – manch ein Besucher versucht hier, etwas mitgehen zu lassen.
Foto: Christoph Driessen/dpa-tmn

Spannende Arbeit im künstlichen Regenwald

„Ich liebe es, hier sozusagen im tropischen Regenwald zu arbeiten und bin unglaublich an Palmen interessiert“, sagt Spoelstra. „Ich finde, sie sind sehr besonders, sehr majestätisch und fast wie von einem Bildhauer gestaltet.“ Viele Besucher bitten den Mann mit dem grünen Daumen um Tipps für ihre eigenen Pflanzen.

Mitunter beschäftigen den Botaniker auch weniger nette Besucher: „Die Leute versuchen schon ab und zu, was mitgehen zu lassen, zum Beispiel im Wasserlilien-Haus. Darauf müssen wir ein Auge haben.“

Stutzen unter Schmerzen

In den kommenden Jahren steht eine Renovierung des Palm House an, so wie dies mit dem Temperate House, dem größten noch erhaltenen Gewächshaus des 19. Jahrhunderts, schon geschehen ist. Das Haus ist wunderbar hergerichtet worden, aber die dort ausgestellten Pflanzen sind jetzt durchweg kleiner als vor einigen Jahren, sie müssen erst wieder wachsen. Der alte Bestand wurde großenteils aussortiert.

So wird es auch den Palmen von Will Spoelstra ergehen: Die größten werden nicht gerettet werden können. „Das wird hart.“

Info-Kasten: Kews Gardens

Anreise: Von der Londoner Innenstadt aus geht es mit der U-Bahn-Linie District Line zur Kew Gardens Station.

Geld: Ein britisches Pfund entspricht etwa 1,09 Euro (Juli 2020)

Informationen: Visit Britain, Alexanderplatz 1, 10178 Berlin (Tel.: 030/315 71 90).

Internet: www.kew.org

© dpa-infocom, dpa:200805-99-54497/4

Kew Gardens