Archivierter Artikel vom 01.08.2019, 05:25 Uhr

Kanadas Sunshine Coast

Der größte Irrtum von Captain Vancouver

Ein paar nette Städtchen, viel Kunst und noch mehr Natur: Ein kleiner Küstenabschnitt im Westen Kanadas verzaubert mit urwüchsigen Fjorden, Orcas und Grizzlys. Nur einer war dort „not amused“!

Lesezeit: 4 Minuten
Natur pur
Wer Abgeschiedenheit liebt, ist am Desolation Sound richtig.
Foto: Bernhard Krieger – dpa

Lund (dpa/tmn). George Vancouver hat die Fjorde im Norden der Sunshine Coast gehasst. Kaum Wind zum Segeln und das Wasser zu tief zum Ankern.

Hafen von Lund
Im Hafen von Lund startet die Reise der «Pacific Bear».
Foto: Maya Treuheit/Sunshine Coast Tourism – dpa

Frustriert notierte der Offizier der englischen Expeditionsflotte Ende des 18. Jahrhunderts in sein Bordbuch: „Kein einziger Anblick, der dem Auge geschmeichelt hätte.“

Kapitän Lance Holroyd
Kapitän Lance Holroyd am Steuer der «Pacific Bear», einem zum Kreuzfahrtschiff umgebauten Fischkutter.
Foto: Bernhard Krieger – dpa

Ein Naturparadies

Orcas
Immer wieder lassen sich an der Wasseroberfläche auch Orcas blicken.
Foto: Bernhard Krieger – dpa

Vancouver trug für den neu entdeckten Pazifikarm den Namen Desolation Sound (trostloser Sund) in die Karte ein. Dabei handelt es sich in Wahrheit um ein Naturparadies – und einen Geheimtipp.

Robben
Auch Robben gehören zur großen Tiervielfalt am Desolation Sound.
Foto: Pacific Coastal Cruises & Tours – dpa

Während die nach dem Entdecker benannte kanadische Metropole und die vorgelagerte Vancouver Island im Sommer überrannt werden, geht es an der 180 Kilometer langen Sunshine Coast relativ gelassen zu.

Steile Wasserfälle
Fast zu schön, um wahr zu sein: Steile Wasserfälle ergießen sich in den Desolation Sound.
Foto: Pacific Coastal Cruises & Tours – dpa

Wer von Vancouver nicht mit einem Wasserflugzeug oder den Propellermaschinen der Pacific Coastal Airlines einfliegt, braucht ein Auto, zwei Fähren und fünf Stunden.

Steg der Homfray Lodge
Die «Pacific Bear» ankert am Steg der Homfray Lodge.
Foto: Pacific Coastal Cruises & Tours – dpa

Abgeschiedenheit der Fjorde

«Homfray Lodge» am Fuße des Mount Denman
In der «Homfray Lodge» am Fuße des Mount Denman wohnen die Gäste in Holzchalets direkt am Fjord.
Foto: Pacific Coastal Cruises & Tours – dpa

„Abgeschiedenheit kann ein Vorteil sein“, sagt Lance Holroyd schmunzelnd. Auch er ist Kapitän. Anders als George Vancouver aber liebt er die Fjorde, die nördlich der Städtchen Sechelt, Powell River und Lund wie riesige Krakenarme tief ins Land hineinreichen.

Bären-Guide Alesta
Bären-Guide Alesta auf einem Beobachtungsturm. Sie gehört zu den First Nations, wie sich die ursprünglichen Einwohner Kanadas nennen.
Foto: Bernhard Krieger – dpa

„Wenn wir im Hochsommer Badewetter haben, sind auch sie voll mit Booten, ansonsten herrscht himmlische Ruhe“, sagt Holroyd am Steuer der „Pacific Bear“. Gemächlich gleitet der zum Kreuzfahrtschiff umgebaute Fischkutter aus dem Hafen von Lund. Orcas, Buckelwale und Seehunde lassen sich hier häufig blicken.

Grizzlybären
Von Beobachtungstürmen aus kann man Grizzlys bei der Nahrungssuche beobachten.
Foto: Bernhard Krieger – dpa

Über steile Felswände stürzen Wasserfälle hinab, dichte Wälder klettern die Flanken mächtiger Berge empor. Was mag Captain Vancouver damals über die Leber gelaufen sein?

Totempfähle
Bunt und beeindruckend ist die First-Nations-Kunst, so wie die aus Baumstämmen geschnitzten Totempfähle.
Foto: Kelly Funk/Sunshine Coast Tourism – dpa

Rund 1000 Fotos und drei Stunden später macht die „Pacific Bear“ an der „Homfray Lodge“ fest. Die Blockhütte am Fuße des fast 2000 Meter hohen Mount Denman ist für Pacific Coastal Cruises ein Heimathafen mitten in der Wildnis. Maximal 16 Passagiere hüpfen vom Schiff auf den Steg der Lodge, wo Kajaks für Paddeltouren und Boote für die Touren zu den Orcas und Grizzlybären liegen.

Kajakfahren
Die wilde Küste des Desolation Sound bietet sich zum Kajakfahren an.
Foto: Andrew Strain/Sunshine Coast Tourism – dpa

Beobachtungsareal am Klite River

Desolation Sound
Geheimtipp an der Sunshine Coast: Der Desolation Sound.
Foto: Andrew Strain/Sunshine Coast Tourism – dpa

Die Orcas nähern sich den Schlauchbooten manchmal bis auf wenige Meter, und auch die Grizzlys kommen an Land verdammt nah. Vor allem im Toba Inlet. Das Beobachtungsareal am grün schimmernden Klite River ist eines der jüngsten in British Columbia. Betrieben wird es von First Nations, wie sich die ursprünglichen Einwohner Kanadas nennen.

„Entlang des Flusses stehen vier Beobachtungstürme“, sagt Alesta, die aus den Reihen der First Nations stammt. Neben ihrem Studium auf Vancouver Island arbeitet sie als Bären-Guide. Kaum hat sie sich mit ihrer Gruppe auf einer Brücke über dem Klite River postiert, taucht auch schon der erste Grizzly auf. Gemächlich watet das Tier durchs flache Wasser. „Es ist ein mittelgroßes Weibchen“, sagt Alesta und verspricht: „Gleich wird es Lachse fangen!“

Zweihundert Meter flussabwärts treffen wir die Bärin wieder. Vor einem der Türme reißt sie mit ihren mächtigen Pranken geschickt einen Lachs nach dem anderen aus dem Fluss. „Die Bären brauchen 20 000 Kalorien am Tag, dafür fangen sie bis zu 20 Fische“, erklärt Alesta. Sie gehört zur neuen Generation der First Nations: gut ausgebildet, selbstbewusst, offen. An der Sunshine Coast gibt es viele Guides wie sie, die Besuchern Natur und Kultur näherbringen.

Kunsthochburg und Urlaubsparadies

Die Sunshine Coast ist eine Kunsthochburg mit mehr Künstlern pro Kopf als jede andere Region Kanadas. Besonders beeindruckend sind die Werke der Totempfahl-Schnitzer.

Der verheißungsvolle Name der Sunshine Coast hat mit den First Nations allerdings nichts zu tun. Einer der Siedlerpioniere versuchte schon 1914 mit dem Slogan „The Sunshine Belt“ Sommerurlauber an die 180 Kilometer lange Küste zu locken. Als 1951 eine Fährverbindung eingerichtet wurde, griff die Gesellschaft die Idee auf und bewarb das neue Ziel als Sunshine Coast. Darauf wäre der griesgrämige Captain Vancouver wohl nie gekommen.

Tourismus-Webseite von British Columbia

Sunshine Coast Tourism

Pacific Coastal Cruises

Pacific Coastal Airlines

Anreise: Die meisten Flüge nach Vancouver bietet Air Canada an. Von dort erreicht man die Sunshine Coast in rund fünf Stunden mit dem Auto oder mit Flügen mit Pacific Coastal Airlines nach Powell River.

Einreise: Deutschen reicht ein gültiger Reisepass und eine vorher online eingeholte elektronische Reisegenehmigung (eTA) der kanadischen Behörden zur Einreise.

Informationen: www.sunshinecoastcanada.com