Archivierter Artikel vom 11.08.2020, 04:40 Uhr

USA-Reise

Auf den Spuren der ersten Siedler in Neuengland

Vor 400 Jahren siedelten die ersten Pilger an der Küste des heutigen US-Bundesstaates Massachusetts. Sie flohen vor der Kirche und hofften auf ein besseres Leben. Eine Spurensuche in Neuengland.

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Das Leben der ersten Siedler
Im Freilichtmuseum Plimoth Plantation erfahren Besucher, wie das Leben der ersten Siedler in der Neuen Welt sich gestaltete.
Foto: Verena Wolff/dpa-tmn

Plymouth (dpa/tmn) – Gemütlich ist es nicht in dem kleinen Holzhaus mit Strohdach, das so idyllisch auf einem Hügel liegt und den Blick auf den Atlantik freigibt. Wände aus Lehm, eine Feuerstelle, ein Tisch, Bänke, Krüge und Teller. Und eine junge Frau in einfacher Kleidung, die Gemüse schneidet.

Boston
Boston war einst die wichtigste Stadt der englischen Kolonien und galt als besonders puritanisch.
Foto: Kyle Klein Photography/dpa-tmn

So muss es gewesen sein, damals vor 400 Jahren, als die Pilgerväter in Cape Cod in der Neuen Welt landeten und die Plimoth Plantation gründeten. Heute gibt es sie noch immer, als Freilichtmuseum, in dem das harte Leben der frühen, englischen Kolonie in den heutigen USA nachgestellt wird. Und auch das Leben der Ureinwohner.

Schiff «Charles W. Morgan»
Das Schiff «Charles W. Morgan» ist eine der Attraktionen im Mystic Seaport Museum.
Foto: Joe Michael/Mystic Seaport Museum/dpa-tmn

Abkehr von der alten Heimat

Pilgrim Monument
Pilgrim Monument vor dem Provincetown Museum – vom Turm aus hat man einen schönen Blick über Cape Cod.
Foto: Tim Grafft/Massachusetts Office of Travel and Tourism/dpa-tmn

Einfach war das Leben zu dieser Zeit nicht. Aber die Saints, wie sich die ersten religiösen Flüchtlinge nannten, konnten sich auf eines verlassen: Hier hatten sie ihre Ruhe vor der Kirche in England, deren Gehabe ihnen so gar nicht gefiel. „Sie lasen selbst die Bibel und wollten mehr nach dem leben, was in der Heiligen Schrift geschrieben stand“, sagt Ted Curtin, der Besucher durch das Museum führt.

Göran Buckhorn
Göran Buckhorn ist Geschichtsexperte im Mystic Seaport Museum.
Foto: Verena Wolff/dpa-tmn

Das gefiel weder Krone noch Kirche. So brachen am 6. September 1620 im britischen Plymouth 102 Männer, Frauen und Kinder sowie rund 30 Besatzungsmitglieder auf. Sie kamen auf der „Mayflower“ unter und segelten in die Sturmsaison auf dem Nordatlantik. Viele Passagiere waren die gesamten 66 Tage der Reise seekrank, andere siechten unter anderen Krankheiten. Menschen starben, Kinder wurden geboren.

John McNiff
John McNiff ist Archäologe und Nationalpark-Ranger beim Roger Williams National Memorial.
Foto: Verena Wolff/dpa-tmn

Unter ihnen war William Bradford, der später der erste Gouverneur der kleinen Kolonie werden sollte. Eigentlich sollte der Jahrestag der Gründung in diesem Jahr mit zahlreichen Festivitäten gefeiert werden, in ganz Neuengland. Doch Corona hat diese Pläne zunichte gemacht.

Hyannis Port
Neuengland-Feeling: Hyannis Port auf der Halbinsel Cape Cod in Massachusetts.
Foto: Massachusetts Office of Travel and Tourism/dpa-tmn

Das Leben im „neuen England“ war hart

Freedom Trail in Boston
Regierungsgebäude: The State House ist eine Sehenswürdigkeit auf dem Freedom Trail in Boston.
Foto: Kyle Klein Photography/dpa-tmn

Einfach hatten es die Siedler nach ihrer anstrengenden Reise nicht. Am 9. November 1620 war endlich Land in Sicht: das heutige Cape Cod an der nördlichen Küste des Bundesstaates Massachusetts. In dem Ort, den sie schließlich Plimoth Plantation nannten, fanden die Siedler sauberes Wasser, und es gab fruchtbares Land.

Denkmal in Plymouth
Wo die Siedler ankamen: Denkmal zum 300. Jahrestag der Besiedlung in Plymouth in Massachusetts.
Foto: Verena Wolff/dpa-tmn

Somit feierten die Siedler das erste Weihnachtsfest in ihrer neuen Welt bereits im heutigen Plymouth. Allerdings: Den ersten Winter überlebte nur rund die Hälfte derer, die in England die „Mayflower“ betreten hatten. „Es war kalt, sie waren nicht gut ausgerüstet, und Krankheiten hielten sich hartnäckig“, erzählt Curtin.

Friedhof im Park Boston Common
Ort mit viel Geschichte: Friedhof im Park Boston Common, welcher bereits 1634 eingerichtet wurde.
Foto: Verena Wolff/dpa-tmn

Kontakt mit den Ureinwohnern

Neuengland
Wer viel über den Ursprung der Vereinigten Staaten von Amerika erfahren will, sollte durch Neuengland reisen – dort gingen die ersten Siedler an Land.
Foto: dpa-infografik GmbH/dpa-infografik GmbH/dpa

Bradford berichtet in seinen Aufzeichnungen über das freie, aber harte Leben in Neuengland. Von Begegnungen mit den Ureinwohnern, die das Land schon seit Jahrtausenden bewirtschafteten.

Freilichtmuseum Plimoth Plantation
Im Freilichtmuseum Plimoth Plantation wird Besuchern das entbehrungsreiche Leben der ersten Siedler nähergebracht.
Foto: Verena Wolff/dpa-tmn

„Die ersten Siedler kamen recht gut mit ihnen aus“, berichtet Curtin. Die Wampanoag zeigten den Engländern, wie man Bohnen, Kürbis und Mais anbaute und Wild in den Wäldern erlegte.

Zu Konflikten kam es jedoch schnell wegen der unterschiedlichen Weltanschauungen. Die Briten wollten das Land besitzen, die Ureinwohner lebten nach der Maxime, es nur zu bewirtschaften.

Bald fuhren Schiffe regelmäßig hin und her über den Atlantik. Doch erst rund ein Jahrzehnt nach der „Mayflower“ kamen die Puritaner, die weiter südlich in der Massachusetts Bay Colony siedelten. Sie glaubten, dass sie erfolgreich sein würden, wenn sie Gott nur besonders ehrten. Das hatte zur Folge, dass die Puritaner als besonders streng und spaßbefreit galten.

Boston erzählt von der Einwanderungsgeschichte

Besonders puritanisch war Boston, das lange die wichtigste Stadt in den britischen Kolonien war. 1634 wurde der erste Park eingerichtet, der Boston Common, der bis heute der Mittelpunkt der Stadt ist. Ein Jahr später öffnete mit der Boston Latin die erste öffentliche Schule des Landes, und 1636 nahm die Universität Harvard den Betrieb auf.

Seit 1951 können Besucher am rund vier Kilometer langen Freedom Trail entlang spazieren und die wichtigsten Sehenswürdigkeiten der Stadt, die gleichzeitig Meilensteine in der Entwicklung der Vereinigten Staaten waren, auf eigene Faust erkunden.

Alte Konflikte in der Neuen Welt

Im 17. Jahrhundert rumorte es in den Kolonien. Wie in England prallten unterschiedliche Auslegungen der Religion auch in der Neuen Welt aufeinander. Roger Williams war einer, der mit den puritanischen Führern in Boston aneinandergeriet und die Kolonie verlassen musste. Der Pfarrer, Theologe und Autor setzte sich für Religionsfreiheit, die Trennung von Kirche und Staat sowie den fairen Umgang mit den Ureinwohnern und die Abschaffung der Sklaverei ein.

Williams ging südwärts und gründete die Providence Plantations. „Zwei Jahre später gründete er die erste Baptisten-Kirche in Amerika“, berichtet John McNiff, Archäologe und Nationalpark-Ranger beim Roger Williams National Memorial in Providence.

Wie es zur „Mayflower II“ kam

Zu dieser Zeit war die „Mayflower“ längst außer Dienst gestellt. In den 1950er Jahren baute man in Großbritannien einen Nachbau des legendären Schiffes. Die „Mayflower II“ segelte auf der alten Route nach Plymouth und lag dort viele Jahre vor Anker. „Doch wie das so ist mit einem Holzschiff, es muss regelmäßig gewartet und erneuert werden“, sagt Göran Buckhorn. Er ist der Geschichtsexperte im Mystic Seaport Museum in dem gleichnamigen Ort in Connecticut.

Dort lag die „Mayflower II“ drei Jahre lang und wurde von einem Team von rund 30 Arbeitern auf Vordermann gebracht. Sie lag eine Weile in Boston vor Anker und soll künftig wieder als schwimmendes Museum in Plymouth besucht werden können – in ihrem Heimathafen.

So können sich Reisende in Neuengland ein Bild vom Leben der ersten Siedler machen. Auf dem Wasser, an Land, in der Plimoth Plantation.

© dpa-infocom, dpa:200810-99-112902/6

Freilichtmuseum Plimoth Plantation

Roger Williams National Memorial

Freedom Trail

Mystic Seaport Museum

Neuengland

Reiseziel: Zu den Neuengland-Staaten gehören von Norden nach Süden: Maine, Vermont, New Hampshire, Massachusetts, Connecticut und Rhode Island. Die letzten vier gehören zu den 13 Gründerstaaten der USA.

Anreise: Der größte Flughafen ist Boston, der normalerweise nonstop von verschiedenen Fluggesellschaften aus Deutschland angeflogen wird. Die Flugzeit beträgt rund sieben Stunden. Von dort aus gehen Anschlussflüge in alle Himmelsrichtungen, viele Ziele in Neuengland sind allerdings bequem mit dem Auto zu erreichen.

Einreise: Deutsche Urlauber brauchen kein Visum für die USA, müssen aber eine elektronische Einreiseerlaubnis einholen. Sie kostet 14 US-Dollar und gilt zwei Jahre. Derzeit sind Reisen in die USA nicht möglich.

Information: Discover New England, c/o Get It Across, Neumarkt 33, 50667 Köln (Tel.: 0221/47 67 12 25).