Archivierter Artikel vom 14.04.2020, 05:05 Uhr

Offroad für Fortgeschrittene

Als Selbstfahrer durch die Mongolei

Die Mongolei individuell am Steuer eines Geländewagens zu erkunden, ist ein großes Abenteuer. Denn Straßen gibt es kaum im einstigen Reich von Dschingis Khan – Handy-Empfang allerdings schon.

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Reiten am Ugii-See
Nomaden nehmen Touristen mit in den Sattel.
Foto: Stefan Weißenborn/dpa-tmn

Ulan Bator (dpa/tmn) – Über die Schotterpiste hat jemand eine Reihe Felsbrocken gelegt. Eine Straßensperre? Wir umfahren die Barriere – denn in der Mongolei hat jede Piste mäandernde Nebenpisten. Doch nur einige Meter weiter bereuen wir unsere deutsche Autofahrer-Hybris.

Hecht am Haken
Der Ugii-See auf 1300 Metern Höhe hat Badetemperatur – Einheimische bieten Angeltrips mit dem Motorboot an.
Foto: Stefan Weißenborn/dpa-tmn

Vor uns liegt ein reißender Bach. Die ausgewaschene Kante ist gut einen Meter hoch. Hier kommen wir auch mit unserem zähen russischen Geländewagen, Typ Patriot, nicht weiter. Rechts neben uns fließt der Orkhon-Fluss durch sein weitläufiges Tal. Abbiegen ausgeschlossen.

Geübte Handgriffe
Kamelhirte Davaajav Sharav beim Melken eines Muttertieres.
Foto: Stefan Weißenborn/dpa-tmn

Einen Roadtrip auf eigene Faust durch die Mongolei unternehmen? Nicht immer ist das einfach – aber es ist auch nicht unmöglich.

Boxenstopp
Boxenstopp an einer Tankstelle in der mongolischen Provinz Töv – an der ellenlangen Ausfallstraße von Ulan Bator in Richtung Westen.
Foto: Stefan Weißenborn/dpa-tmn

Unterwegs auf unbefestigten Straßen

Jurte
Jurte, Solarpanel, Satellitenschüssel, Autos – so sehen viele mobile Behausungen in der Mongolei aus.
Foto: Stefan Weißenborn/dpa-tmn

Die Mehrheit der Reisenden im Land lässt sich auf organisierten Pauschaltrips in alten UAZ-Bussen umher kutschieren, im russischen Pendant zum VW Bulli, nur nicht klimatisiert und unkomfortabel. Und überteuert, findet Max Rettenwender. Der Geschäftsführer eines großen Autovermieters in Ulan Bator hat die Plattform Escape to Mongolia ins Leben gerufen, über die sich Reisende ihre Selbstfahrertour zusammenstellen können. Es gebe im Prinzip nur eine Einschränkung dabei: „Die Leute müssen sich eine individuelle Reise trauen.“

Orkhon-Wasserfall
Der Orkhon-Wasserfall zählt zu den großen Touristenattraktionen in der zentralen Mongolei – obwohl die Anfahrt beschwerlich ist.
Foto: Stefan Weißenborn/dpa-tmn

Roadtrip ist dafür allerdings das falsche Wort, denn Straßen gibt es kaum in der Mongolei. Nur rund 2500 Kilometer sind im zweitgrößte Binnenland der Welt mehr oder minder befestigt.

Als Selbstfahrer durch die Mongolei
Das Konzept der Reise lautet: Fahren, staunen, campen – hier nahe des Orkhon-Wasserfalls.
Foto: Stefan Weißenborn/dpa-tmn

Gegensätze in Ulan Bator und ein Ausritt

Tiere voraus
Eine Viehherde macht sich auf den Weg zum Ufer des Orkhon-Flusses.
Foto: Stefan Weißenborn/dpa-tmn

Unsere Reise beginnt in der Hauptstadt Ulan Bator, eine verrückte architektonische Mixtur: Plattenbauten aus kommunistischen Zeiten in den Randbezirken, im Zentrum glitzernde Hochhäuser, in deren Schatten Klöster mit Pagodendächern. Raus aus der Stadt. Eine Landschaft wie aus einer Modelleisenbahn-Welt zieht vorbei: Hügel mit Teppichen von Grün überzogen, nur Bäume oder Büsche hat noch niemand aufgeklebt.

Steinerne Schildkröte
Diese steinerne Schildkröte jenseits der Klostermauern von Erdene Dsuu ist eines der wenigen Überbleibsel der alten mongolischen Hauptstadt Charchorin.
Foto: Stefan Weißenborn/dpa-tmn

Nach gut 300 Kilometern meldet die Navi-App auf dem Handy, dass wir rechts abbiegen sollen. Mit Tempo 30 rumpeln wir für 50 Kilometer eine Spur im Grasland entlang bis zum Ugii-See. Das klare Gewässer in 1300 Metern Höhe hat Badetemperatur und ist fischreich.

Wildwuchs der Architektur
Ulan Bator ist ein Wildwuchs der Architektur: Hochhäuser wie der «Blue Sky Tower» im Hintergrund stehen in direkter Nachbarschaft zu Tempelanlagen.
Foto: Stefan Weißenborn/dpa-tmn

Vom Motorboot aus – man kann vor Ort Fahrten buchen – ziehen wir zwei kapitale Hechte aus dem Wasser. Ein Exemplar bereitet der Koch unseres Camps für umgerechnet zehn Euro am Abend zu. Und nach der Nacht in der Jurte und einem Frühstück mit landestypischem Milchtee wartet eine Reiteinheit. Ein Mann im Deel, dem traditionellen mongolischen Mantel, reitet vorweg. Mit einem wilden Ritt durch die Weite hat das allerdings nichts zu tun: Zu groß ist die Angst, die an fremde Reiter nicht gewöhnten Pferde könnten die Fremdlinge abwerfen.

Mit dem Motorrad
Ein typisches Fortbewegungsmittel in der Mongolei ist das Motorrad – auch immer mehr Hirten satteln vom Pferd um.
Foto: Stefan Weißenborn/dpa-tmn

Alte Tempel und eine steinerne Schildkröte

Russisches Pendant zum VW Bulli
In alten UAZ-Bussen lässt sich die Mehrheit der Mongolei-Reisenden im Rahmen von organisierten Pauschaltrips umher fahren.
Foto: Stefan Weißenborn/dpa-tmn

Gut im Sattel saß dagegen Dschingis Khan. Der Herrscher begründete das mongolische Reich – das größte Weltreich, das jemals regiert wurde, und zwar von Charchorin aus. Nach einstündiger Fahrt über Asphalt erreichen wir die heutige Nachfolgesiedlung Karakorum.

Erdene Dsuu
Erdene Dsuu ist eine im 16. Jahrhundert errichtete Klosteranlage und zählt zum Unesco-Weltkulturerbe.
Foto: Stefan Weißenborn/dpa-tmn

Sie wird vor allem wegen Erdene Dsuu besucht, einem Weltkulturerbe. Im 16. Jahrhundert errichtet, war es die erste buddhistische Klosteranlage der Mongolei. Einst lebten hier 10 000 Mönche. 1937 wurde die Anlage unter kommunistischer Herrschaft nahezu vollständig zerstört. Einige Tempel stehen noch, darunter der älteste des Landes.

Mit Findlingen übersät
Der kleine Fluss Ulaan Gol, der sich später 20 Meter tief in den Orkhon ergießt.
Foto: Stefan Weißenborn/dpa-tmn

Jenseits der Klostermauern entdecken wir zwischen Ziegen und Schafen eine verwitterte steinerne Schildkröte, sesselgroß. Es ist eines der wenigen Überbleibsel der alten mongolischen Hauptstadt Charchorin.

Geröllfeld
Hinter dem Ort Bat-Ulzii auf dem Weg zum Orkhon-Wasserfall muss ein Geröllfeld vulkanischen Ursprungs bewältigt werden – daran führt kein Weg vorbei.
Foto: Stefan Weißenborn/dpa-tmn

Wildcampen und mongolischer Wodka

Kamelhirte Davaajav Sharav
Der Kamelhirte Davaajav Sharav in seiner Jurte: Auf dem Ofen steht ein Bottich mit Kuhmilch.
Foto: Stefan Weißenborn/dpa-tmn

Später passieren wir Khujirt mit seinen heißen Quellen, den bekanntesten Kurort der Mongolei, und finden ein paar Kilometer weiter in einer Senke einen Platz für die Nacht. Wir schlagen unser Zelt auf, im Land der Jurten ist Wildcampen fast überall erlaubt.

In einer Woche Roadtrip von Ulan Bator aus bekommt man einen guten Eindruck von der typischsten aller mongolischen Landschaften: der Steppe. Wer zum Chöwsgöl Nuur, einem See im Nordwesten, will oder in die Gobi im Süden, der sollte dafür allerdings mehr Zeit einplanen.

Auf der Weiterfahrt wartet eine der größten Herausforderungen: Hinter Bat-Ulzii quält sich der Patriot im Zickzackkurs über eine erstarrte Lavazunge mit scharfkantigen Basaltfelsen. Insassen und Ladung werden heftig durchschüttelt. Wir brauchen fünf Stunden für 75 Kilometer.

Auf verschlungenen Wegen in die Mini-Gobi

Tags darauf, als wir die Abbruchkante vor dem Kühlergrill haben, finden wir schließlich eine Stelle, an der wir den Wasserlauf durchfahren können. In der Dunkelheit erreichen wir Elsen Tasarkhai, einen Landstrich, der auch Mini-Gobi genannt wird, weil er der großen Wüste im Süden ähnelt. Wir checken im „Altai Camp“ ein. Rund um Elsen Tasarkhai ist die touristische Infrastruktur gut entwickelt, denn der riesige Sandstreifen liegt an einer der am besten ausgebauten Straßen des Landes. Mehrere sogenannte Ger-Camps empfangen hier Gäste.

Interessant ist der Besuch bei einem Kamelhirten wie Davaajav Sharav. Er führt ein Junges zur Kamelmutter, lässt es trinken und melkt dann die Mutter weiter. Rund 3000 Liter Ertrag im Jahr bringe seine Herde von 60 Tieren, daneben besitzt er Rinder, Ziegen, Schafe und Pferde.

In Abwandlung des Nationalgetränks Airag aus vergorener Stutenmilch produziert Sharav Kamel-Airag, Choormog genannt. Als Zeichen der Gastfreundschaft lädt uns der Nomade in seine Jurte. Er lässt uns von dem sauren und leicht alkoholhaltigen Trunk probieren, reicht nach altem Ritus Schnupftabak und zückt nach einer Respektpause sein Handy – auch er nutzt Facebook. Seine Frau Shatar Luvsan rührt derweil in einem Bottich mit Kuhmilch, der dampfend auf dem Ofen steht.

Vom Land in die Stadt

Davaajav Sharav und Shatar Luvsan stehen für den Übergang. Die beiden Söhne sind noch Hirten geworden, doch die Tochter studiert. Auch in der Mongolei zieht es immer mehr Menschen in die Stadt.

Es folgt der Rückweg nach Ulan Bator. Die Navi-App meldet Rushhour. Bis zum Hotel für die letzte Nacht benötigen wir für die verbliebenen vier Kilometern zwei Stunden – selbst auf der gröbsten Piste in der mongolischen Wildnis waren wir doppelt so schnell.

Info-Kasten: Selbstfahrer-Touren in der Mongolei

Anreise und Formalitäten: Je nach Saison nonstop mit MIAT Mongolian Airlines von Berlin-Tegel nach Ulan Bator. Andere Airlines fliegen die Hauptstadt der Mongolei von Deutschland aus mit Zwischenstopp an. Benötigt wird ein noch mindestens sechs Monate gültiger Reisepass.

Reisezeit: Juni bis Mitte September.

Offroad-Touren: Das Selbstfahrer-Angebot von Escape to Mongolia ist nach Angaben von Sixt Mongolia einzigartig in der Mongolei. Im Preis enthalten sind Zelt, Schlafmatten, Kochutensilien, Flughafentransfer und zwei Hotel-Übernachtungen an den An- und Abreisetagen. Es genügt der deutsche Führerschein. Zur Offline-Wegfindung empfehlen sich Apps wie Google Maps oder Maps.me, für Telefonate und Datenverkehr eine SIM-Karte eines mongolischen Netzbetreibers mit Datenvolumen.

Information: www.escapetomongolia.com

© dpa-infocom, dpa:200409-99-651871/2

Tourismus-Webseite der Mongolei

Escape to Mongolia