Das Ziel ist grün

Gartenreisen liegen im Trend

Dem heimischen Garten sind natürliche Grenzen gesetzt – räumlich, finanziell. Manche Menschen fahren daher extra in den Urlaub, um sich wahre Prachtgärten anzuschauen. Wissenswertes zu Gartenreisen.

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Garten Tulln
Die Garten Tulln wurden 2008 angelegt. Die 70 Musterschaugärten kommen ohne Torf, Chemie oder Pestizide aus.
Foto: Die Garten Tulln/dpa-tmn

Tulln/Magdeburg (dpa/tmn) – Der Weise geht in den Garten, besagt ein Sprichwort. Aber nicht nur der. Dass Urlauber unterwegs einen hübschen Park oder botanischen Garten besuchen, ist nichts Neues. Doch Gärten selbst werden zunehmend zu einem eigenständigen Reiseziel.

Karl Ploberger
Karl Ploberger ist österreichischer Gartenjournalist und Biogärtner.
Foto: Christoph Boehler/dpa-tmn

„Die Menschen möchten eine positive Gegenwelt genießen, das verstärkt sich nochmals in Zeiten von Corona“, glaubt Franz Gruber, der Geschäftsführer von Die Garten Tulln in Niederösterreich. Die Anlage wurde 2008 als Landesgartenschau eingerichtet und blieb. Die 70 Musterschaugärten kommen ohne Torf, Chemie oder Pestizide aus.

Franz Gruber
Franz Gruber ist Geschäftsführer von Die Garten Tulln in Niederösterreich. Die Anlage wurde 2008 als Landesgartenschau eingerichtet.
Foto: Daniela David/dpa-tmn

Die Besucher erholen sich hier im Grünen und bekommen gleichzeitig Tipps zum ökologischen Gärtnern. „Mittlerweile empfinden die Gäste ökologisch sinnvoll gestaltete Gärten als schön“, sagt Gruber. Also lieber blühende Blumenwiese als kurz geschorener Rasen.

Isabelle Van Groeningen
Isabelle Van Groeningen, Gartenhistorikerin von der Königlichen Gartenakademie in Berlin.
Foto: Daniela David/dpa-tmn

Wachsende Beliebtheit und eine lange Geschichte

Carsten Seick
Reiseveranstalter Carsten Seick hat sich auf geführte Gartentouren während Kreuzfahrten spezialisiert.
Foto: Daniela David/dpa-tmn

Die Begeisterung fürs Grün ist an den Gästezahlen der gärtnerischen Hotspots abzulesen. Im vergangenen Jahr kamen allein auf die Blumeninsel Mainau im Bodensee etwa 1,2 Millionen Besucher, in den Garten des Malers Claude Monet in der Normandie 715 000 und in die Gärten von Schloss Trauttmansdorff in Meran rund 400 000.

Garten am Heever Castle
Akkurat angelegt ist der Garten am Heever Castle. Englische Gartenkunst steht für große Tradition.
Foto: Daniela David/dpa-tmn

Dabei ist Gartentourismus kein neues Phänomen. Im 17. Jahrhundert gehörte zur Grand Tour der Adligen immer auch der Besuch von Gartenanlagen dazu. Im 18. Jahrhundert reiste man nach England, um sich von der neuartigen Gartenkultur inspirieren zu lassen.

Schloss Trauttmansdorff
Die Gärten von Schloss Trauttmansdorff sind weltbekannt. 400.000 Besucher kamen im vergangenem Jahr.
Foto: Die Gärten von Schloss Trauttmansdorff/dpa-tmn

Prachtgärten in Deutschland

Blumeninsel Mainau
Im vergangenen Jahr kamen allein auf die Blumeninsel Mainau im Bodensee etwa 1,2 Millionen Besucher.
Foto: Sebastian Gollnow/dpa/dpa-tmn

Der Gartenreisende von heute steht vor der Qual der riesigen Auswahl. Nach den Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs lagen die Gärten brach, inzwischen sind aber viele historische Anlagen restauriert. Gerade nach der Wende wurden im Osten Deutschlands zahlreiche Gartendenkmäler aufwendig saniert.

Gärten in Sachsen-Anhalt
In Sachsen-Anhalt gibt es viele schöne und üppig angelegte Gärten zu bestaunen.
Foto: Felicitas Remmert/Gartenträume Sachen-Anhalt e.V/dpa-tmn

Ein Paradebeispiel hierfür sind die Gärten in Sachsen-Anhalt. „Bei uns trifft Gartengenuss auf eine lange Geschichte“, sagt Felicitas Remmert vom Verein „Gartenträume – Historische Parks in Sachsen-Anhalt“, zu dem 50 Parks in Sachsen-Anhalt gehören.

Fürst-Pückler-Park
Die Seepyramide steht im Fürst-Pückler-Park. Auf der Pyramide wächst wilder Wein, dessen Laub sich herbstlich verfärbt. Die von Hermann Fürst von Pückler-Muskau in Branitz mit großem Feingefühl kompon
Foto: dpa

Herzstück dieser Gartenlandschaft ist der Wörlitzer Park, der zweifellos zu den schönsten Landschaftsgärten im englischen Stil in Europa zählt. Aufgrund seiner Größe und Vielfalt kann der Flaneur einen ganzen Tag in diesem Stück Arkadien verbringen.

Garten von Claude Monet
Der Garten von Claude Monet im französischen Giverny ist weltbekannt: Der Maler verewigte ihn in seinen Bildern.
Foto: Daniela David/dpa-tmn

Auch der Fürst-Pückler-Park in Branitz in Brandenburg, die Herrenhäuser Gärten in Hannover oder der private Landschaftspark von Schloss Dennenlohe in Franken sind beliebte Gartenziele. Besonders interessant ist es, vor Ort den Persönlichkeiten nachzuspüren, die hinter dem Gartenkonzept stehen.

Wörlitzer Park
Der Wörlitzer Park zählt zu den schönsten Landschaftsgärten im englischen Stil in Europa.
Foto: Daniela David/dpa-tmn

Die Gärten im eigenen Land lassen sich meist individuell ansteuern. Das nächste grüne Refugium wartet oft schon ganz in der Nähe. Mit der Initiative Offene Gärten schließen auch kleinere Privatgärten tageweise ihre Gartenpforte für Neugierige auf.

England ist das Garten-Eldorado

Deutschlands Gärten müssen sich international nicht verstecken. Doch England war und ist das Sehnsuchtsziel für Gartenreisende. Englische Gartenkunst steht für große Tradition, üppige Pflanzenpracht und reichlich Farbe im Beet.

Wer sich im englischen Linksverkehr nicht selbst ans Steuer setzen möchte, bucht eine Gartenreise mit dem Bus. Bei professionellen Anbietern darf eine hochkarätige Führung erwartet werden. Auf anspruchsvollen Gartenreisen steht durchaus eine Tea Time „mit Ihrer Ladyschaft“ im Garten eines noblen Anwesens auf dem Programm.

„Besonders in den Privatgärten, die sonst nicht zugänglich sind, kommen wir mit den Gastgebern gut ins Gespräch“, erzählt Isabelle Van Groeningen. Die Gartenhistorikerin von der Königlichen Gartenakademie in Berlin führt Gruppen in die Pflanzenparadiese Englands.

Dabei locken nicht mehr nur die weltberühmten Gärten im Süden Englands, etwa Sissinghurst oder Great Dixter, auch der Norden will nun entdeckt werden. So soll im Mai 2021 bei Manchester das derzeit größte Gartenprojekt Europas eröffnen: 62 Hektar umfasst der Bridgewater Garden der Royal Horticultural Society, der weltgrößten Gartenwohlfahrtsgesellschaft.

Auch Jüngere zieht es in die Gärten

Gartenreisen sind längst nicht mehr nur etwas für die Generation über 50. Das Thema Garten hat auch Jüngere infiziert. „Das Gartenreise-Image hat sich eindeutig zum Positiven gewandelt“, stellt Carsten Seick von Dr. Seick Kultur- und Gartenreisen fest. Der Reiseveranstalter hat sich auf geführte Gartentouren während Kreuzfahrten spezialisiert – kein Landgang ohne Garten.

Wer sich für eine organisierte Gartenreise entscheidet, sollte auf den thematischen Schwerpunkt des Veranstalters achten. Einige Reisen sind zum Beispiel rein botanisch fokussiert.

Wie gut sich ein Garten dem Besucher erschließt, hängt von der Persönlichkeit und der Erfahrung der Guides ab. Zumeist sind das Fachleute. Ein Beispiel ist der österreichische Gartenjournalist Karl Ploberger, der durch TV-Sendungen über Gärten und Buchpublikationen bekannt ist. Rund die Hälfte des Jahres verbringt er auf Gartenreisen. „Viele Gärten kenne ich seit 20 Jahren und kann so auch von ihrer Entwicklung erzählen“, sagt der Biogärtner.

Mit wem, wie und wohin auch immer man eine Gartenreise unternimmt – fit genug sollte man sein, um ein- bis zweistündige Spaziergänge und längeres Stehen bei Führungen durchzuhalten. Dafür wird man fast immer mit einer überwältigenden Pracht belohnt.

© dpa-infocom, dpa:200824-99-288603/2

Die Garten Tulln

Blumeninsel Mainau

Gärten von Schloss Trauttmansdorff

Gartenträume Sachsen-Anhalt

Schloss Dennenlohe

Bridgewater Garden

Gartenreisen

Gärten auf dem Land sind häufig nicht gut mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu erreichen, daher empfiehlt sich ein Auto zur Anreise. Viele Gärten bieten Veranstaltungen, vom Lichterfest bis zum inszenierten Vulkanausbruch. Wegen Corona ist das Programm in diesem Jahr zusammengeschrumpft. Picknicktage im Park finden aber statt. Für ausführliche Gartenbesichtigungen sollte man sich mit bequemem Schuhwerk, Regenjacke und Sonnenhut versehen.