Metropole in Süditalien

Ein Märtyrer und Maradona: Besuch bei Neapels Schutzpatronen

Neapels Bewohner sind fromme Menschen, Hausaltäre zieren die Gassen der Altstadt. Zu einer Art neuem Stadtheiligen ist der verstorbene Fußballer Maradona avanciert – der Kult nimmt skurrile Züge an.

Stadtpatron San Gennaro
Heiligenkult in Neapel: Diese Wandzeichnung des Straßenkünstlers Jorit Agoch im Viertel Forcella zeigt den Stadtpatron San Gennaro.
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Neapel (dpa/tmn). Wie die meisten Bewohner Neapels hat auch Gianmarco ein Heiligenbild von Stadtpatron San Gennaro an seine Windschutzscheibe geklemmt. „Ohne seinen Schutz wäre unser Leben kaum vorstellbar“, sagt der Taxifahrer und steuert seinen Wagen die Seepromenade entlang. Der Blick auf die hügelige Metropole mit ihren Burganlagen und auf den tiefblauen Golf von Neapel ist herrlich.

Maradona überall
Maradona ist in Neapel Kult – nach seinem Tod ist der Fußballer für viele zu einer Art Ersatzheiligem geworden.
Foto: Jan Woitas/dpa-Zentralbild/dpa-tmn

Die Neapolitaner verehren den Patron der Stadt, der im Jahr 305 nach Christus als Märtyrer starb und 1631 die Gebete der Einwohner erhört haben soll: Er habe einen Ausbruch des Vesuvs gestoppt und die Stadt in Süditalien damit vor der Zerstörung bewahrt, so geht die Legende.

Altar
Ein Altar für den verstorbenen Star: Die Bar Nilo ist reich verziert mit Bildern von Maradona.
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Eine Liebesgeschichte der besonderen Art

Bar Nilo
Der Meister lebt weiter – in den Herzen: Nicht nur in der Bar Nilo wird an den großen Fußballer Maradona erinnert.
Foto: Jan Woitas/dpa-Zentralbild/dpa-tmn

„Wegen der Nähe zum Vesuv hielten es Neapels Bewohner schon immer für überlebenswichtig, sich einem Heiligen anzuvertrauen, der sie vor der Wut des Vulkans schützt“, erklärt der Geschichtswissenschaftler Gianni Russo. Glaube und Aberglaube lägen dicht beieinander in Neapel. Russo schwenkt demonstrativ sein Cornicello am Autoschlüssel, ein dunkelrotes Hörnchen, das gegen den bösen Blick schützen soll.

Vesuv
Der Vesuv überragt Neapel durchaus bedrohlich – kein Wunder, dass es hier den Schutz eines Heiligen braucht.
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Die tief katholischen Neapolitaner haben viele Schutzpatrone. Doch San Gennaro hat inzwischen ernstzunehmende Konkurrenz bekommen: Diego Maradona. Seit seinem Tod im November 2020 im Alter von nur 60 Jahren ist der legendäre Fußballer eine Art neuer Stadtheiliger. Immerhin führte er den SSC Neapel zweimal zur italienischen Meisterschaft.

Katakomben des San Gennaro
In den Katakomben des San Gennaro können Besucher prachtvolle Fresken bestaunen.
Foto: Ciro Fusco/ANSA/epa/dpa-tmn

Maradonas Konterfei prangt in fast jeder Straße an Hauswänden, Laternen oder Türen. In der traditionsreichen Via San Gregorio Armeno in Neapels Altstadt ist seine Figur in allen Größen und Varianten ein Bestseller – gerne auch in Engelsversion mit Flügeln. „Niemand verbindet derart problemlos Heiliges und Profanes wie wir Neapolitaner“, sagt Gianni Russo scherzend. „Neapel und Maradona, das ist eine Liebesgeschichte der besonderen Art.“

Maradona-Trikots
In den Quartieri Spagnoli gehen die Maradona-Trikots weg wie warme Semmeln.
Foto: Ute Müller/dpa-tmn

Haupthaar hinter Glas

Wandgemälde
Gegenüber der Kneipe Bodega de Dios liegt ein moderner Maradona-Tempel unter freiem Himmel, gekrönt von einem riesigen Wandgemälde des Stars.
Foto: Ute Müller/dpa-tmn

Ein paar Gassen weiter befindet sich die Bar Nilo, wo der Maradona-Kult skurrile Züge annimmt. Hier kann man echtes Haupthaar des argentinischen Fußballers bewundern, aufbewahrt hinter Glas. Der Barbesitzer Bruno Alcidi soll einst nach einem Auswärtsspiel in Mailand hinter Maradona im Flugzeug gesessen haben. An der Kopfstütze vor sich entdeckte er angeblich einen kleinen Haarbüschel des großen Idols und nahm diesen mit, aufbewahrt in einer Zigarettenschachtel.

Gianni Russo
Der Historiker Gianni Russo weiß, warum die Neapolitaner den Schutz ihrer Heiligen suchen.
Foto: Ute Müller/dpa-tmn

Daheim in Neapel bastelte sich Alcidi seinen ganz privaten Schrein mit dem „capello miracoloso die Maradona“, dem wundersamen Haar des Fußballers sowie mit Fotos und einer Marienfigur.

Promenade von Neapel
Zahlreiche Boote liegen vor Anker: Blick auf die Seepromenade von Neapel.
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Allabendlich treffen sich die Fans

Neben Alcidis Bar gibt es noch eine weitere Pilgerstätte für Maradona-Fans. Dafür muss man sich durch das steile und enge Gassennetz in den Quartieri Spagnoli nach oben kämpfen. Gegenüber der Kneipe Bodega de Dios liegt ein moderner Maradona-Tempel unter freiem Himmel, gekrönt von einem riesigen Wandgemälde des Stars.

Allabendlich treffen sich hier die Fans. Auf dem Platz gegenüber der Kneipe gibt es Trikots und Devotionalien. Susi Bostik, die Tochter des Kneipenwirts, ist stolz auf den Star: „Er hat unserer Stadt und dem armen Süden Italiens die Würde zurückgegeben. Seit Maradona haben wir keine Minderwertigkeitskomplexe gegenüber dem Norden mehr.“ Und es hat sich noch etwas verändert. „Früher traute sich kein Fremder hier hoch, doch inzwischen ist unser Viertel sicher“, sagt Bostik.

Unweit von Bostiks Bar, an der Piazzetta Parrocchiella, wird Ugo Russo mit einem grelltürkisen Wandgemälde gehuldigt. Der Junge wurde im Alter von 15 Jahren von der Polizei getötet, als er bei einem Raubüberfall eine Plastikpistole zückte. Das Bild soll bald verschwinden. Susi Bostik und ihre Freunde sind damit zwar nicht einverstanden. Doch es gibt einen Trost: „Wir haben ja unser Idol, nämlich Diego Maradona“, sagt die Neapolitanerin.

© dpa-infocom, dpa:211117-99-32921/2

Reise- und Sicherheitshinweise für Italien

Neapel

Anreise: Es gibt mehrere Direktverbindungen von deutschen Städten zu Neapels Flughafen. Die Anreise ist auch über Rom möglich, von dort erreicht man Neapel mit dem Zug in etwa 70 Minuten (45 bis 50 Euro).

Einreise: Für die Einreise ist ein digitales EU-Covid-Zertifikat (Grüner Pass) nötig, das den Nachweis einer Impfung, Genesung oder eines negativen Corona-Tests enthält. Für viele Bereiche des öffentlichen Lebens ist der Pass obligatorisch.

Informationen: Italienische Zentrale für Tourismus, Barckhausstraße 10, 60325 Frankfurt (Tel.: 069/23 74 34, www.enit.de).