Archivierter Artikel vom 20.01.2021, 10:20 Uhr

«Ozzies» mit Herz und Haus

Australier adoptieren Backpacker in Not

Corona hat die Pläne vieler Rucksacktouristen in Australien auf den Kopf gestellt. Gelegenheitsjobs im Lockdown? Fehlanzeige. Damit sie in unsicheren Zeiten gut unterkommen, gründete ein Paar die Plattform „Adopt a Backpacker“. Nun will die Initiative global durchstarten.

Lesezeit: 4 Minuten
Backpacker
Miguel Fuentes (l-r) von den Philippinen und die Holländerin Nikki de Weerd stehen neben ihren «adoptierten Backpackern» Alice und Claire.
Foto: Privat/Nikki de Weerd/Miguel Fuentes/dpa

Sydney (dpa). Nach einigen Monaten auf Reisen quer durch Australien
wollte Nicole Pern aus Unna bei Dortmund sich an der Westküste
eigentlich Arbeit suchen. Die 20-Jährige war mit einem
Working-Holiday-Visum in „Down Under“ – aber dann kam Corona, und mit
dem Virus der Lockdown.

Gründer der Plattform
Um Backpackern aus aller Welt zu helfen, die Corona-Krise möglichst kostensparend zu überstehen, gründeten Miguel und Nikki Ende März 2020 die Plattform «Adopt A Backpacker».
Foto: Privat/Nikki de Wee – dpa

„Das hat mich komplett aus dem Nichts getroffen“, sagt Pern. Eine
Weile zog sie mit ihrem Freund noch von Campingplatz zu Campingplatz,
bis auch die schließen müssen. Dann entdeckte sie auf Facebook
zufällig eine Seite namens „Adopt a Backpacker“ (Adoptiere einen
Rucksacktouristen) – und kam die nächsten zwei Monate mietfrei bei
einem Australier nahe Mandurah unter. „Das war eine so wundervolle
Zeit“, schwärmt Nicole.

Nicole Pern
Nicole Pern aus Unna im Ruhrgebiet. Sie war schon eine Weile in Australien, als plötzlich Corona zuschlug und ihre Pläne durcheinanderwirbelte. Trotz der Pandemie entschied sich die 20-Jährige, zu ble
Foto: dpa

Wie ihr ging es vielen jungen Menschen, die mit einem
Ferien-Arbeits-Visum einen längeren Aufenthalt in Australien geplant
hatten. Plötzlich standen sie ohne Geld und Gelegenheitsjobs da. Als
eine gute Freundin wegen dieser Situation unvermittelt aus Australien
abreisen musste „und all ihre Träume direkt vor unseren Augen
zerplatzten“, kam der Holländerin Nikki de Weerd (25) und dem
Philippiner Miguel Fuentes (35) eine Idee.

Gastfreundschaft der Australier
Paulina Täschlein aus der Nähe von Nürnberg (l) mit Gastvater Jeremy und ihrer Freundin Jenny. Auch Paulina hat dank der Plattform «Adopt A Backpacker» die Gastfreundschaft der Australier erleben dürf
Foto: dpa

Idee aus der Not geboren

Um Backpackern aus aller Welt zu helfen, die Krise möglichst
kostensparend und sicher zu überstehen, gründeten sie Ende März 2020
die erste „Adopt A Backpacker“-Facebookseite. Nach dem Start in
Westaustralien verbreitete sich die Initiative wie ein Lauffeuer:
Schon nach einer Woche gab es in jedem australischen Bundesstaat eine
eigene Gruppe, wenige Monate später auch in Neuseeland und Kanada,
mittlerweile sogar in Frankreich und Großbritannien. „Unser Netzwerk
hat mittlerweile 35.000 Mitglieder weltweit“, erzählt Nikki.

Gestrandete Backpacker und Menschen mit genügend Wohnraum können hier
direkt in Kontakt treten – und das tun sie. „Wir schätzen, dass wir
seither 10.000 bis 15.000 Menschen helfen konnten“, sagt Miguel. „Wir
denken, dass etwa 15 Prozent von denen, die die Plattform bisher
genutzt haben, aus Deutschland stammen – und ehrlich gesagt bekommen
deutsche Backpacker immer extrem gute Bewertungen von den
Gastgebern.“

Kostenfreie Unterkunft gegen Hilfe im Haushalt

Was „Adopt a Backpacker“ von anderen Plattformen und Couchsurfern
unterscheidet: Rucksacktouristen werden ermutigt, als Gegenleistung
für die kostenfreie Unterkunft den Gastgebern zu helfen – etwa im
Haushalt, bei der Gartenarbeit oder beim Babysitten.

Das australische Ehepaar Beth und Denis etwa hat gleich fünf Reisende
aufgenommen und zeigt sich auf Instagram begeistert von seinen
„großartigen Adoptivkindern“ Arthur, Leah, Harvey, Cameron und
Jannik: „Was für enthusiastische und respektvolle junge Leute, die
unser unordentliches Anwesen in einen wunderschönen Garten verwandelt
haben.“ Ein Pärchen aus Italien dankt seinem Gastgeber Andy, der „ein
Vater, ein Bruder und ein Freund“ geworden sei und den beiden die
Tierwelt, tolle Strände und traumhafte Berge gezeigt habe. „Besser
hätten wir es in dieser wirklich schwierigen Situation so weit weg
von zu Hause nicht treffen können.“

Auch Paulina Täschlein aus Polsingen in der Nähe von Nürnberg hat
dank der Plattform die Gastfreundschaft der Australier erleben
dürfen. Sie war nicht einmal zwei Monate dort, als die Pandemie
ausbrach. „Adopt a Backpacker“ entdeckte die 21-Jährige in der
unsicheren Zeit zufällig im Internet – und inserierte zusammen mit
ihrer Freundin Jenny. „Schon nach kurzer Zeit kamen sehr viele
Angebote von Familien, die uns aufnehmen wollten. Wir waren
überwältigt“, sagt die 21-Jährige.

Schließlich zogen die beiden für zwei Monate zu Jeremy im
Weinanbaugebiet Swan Valley nordöstlich von Perth. „Er wohnte alleine
in seinem neuen großen Haus und hatte zwei Zimmer mit Bad frei – und
dachte, da könnte er doch Backpacker während Corona miteinziehen
lassen.“ Das sei eine „wundervolle Zeit“ gewesen: „Wir waren
rundumsorgt, und er wurde zu unserem australischen Dad, mit dem wir
zusammen gekocht und Ausflüge gemacht haben.“

Am echten Leben der „Ozzies“ teilhaben

Zurück bekommen die meisten Backpacker von ihren Gastgebern einen
Einblick in die Kultur des Landes und die Erfahrung, am echten Leben
der „Ozzies“ teilzuhaben. Der Austausch stärke die Arbeitsmoral der
Backpacker und vermittele ihnen die richtigen Werte für ihre
künftigen Reisen, sagen Nikki und Miguel. Die beiden haben selbst
auch bereits zwei Mal junge Reisende in Not „adoptiert“. Ziel ihrer
Plattform sei es letztlich, „das Reisen so unterhaltsam, sicher und
erschwinglich wie möglich zu gestalten“.

Derzeit arbeitet das Paar zusammen mit einem Team an einer
nutzerfreundlichen Webseite, die Backpackern rund um die Erde auch
nach Corona bei ihren Reisen und Abenteuern helfen soll, gut
unterzukommen. Das könne letztlich die ganze Art ändern, wie junge
Rucksacktouristen um die Welt ziehen, sind Nikki und Miguel
überzeugt: „So bekommen sie eine Chance, von einer netten Familie in
sicherer Umgebung „adoptiert“ zu werden. Aber es gibt ihnen auch
Möglichkeit, sich stärker in die lokale Kultur zu integrieren und
dabei Geld für die Unterbringung zu sparen.“

© dpa-infocom, dpa:210120-99-96672/4

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