Archivierter Artikel vom 21.07.2020, 04:55 Uhr

Von Glas bis Granit

Altes Handwerk in Österreichs Waldviertel

Wälder und Wiesen prägen Österreichs Waldviertel, ein stilles Land abseits großer Touristenströme. Hier laden Traditionshandwerker wie Weber und Schleifer zu Werkstattbesuchen ein.

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Keramik-Werkstatt Hrouza
Schalen, Teller, Kannen: Einblick in die Keramik-Werkstatt Hrouza.
Foto: Bernd F. Meier/dpa-tmn

Zwettl (dpa/tmn). Traditionsbewusstsein, Ausdauer, Beharrlichkeit: Diese Eigenschaften zeichnen seit jeher die Menschen im Waldviertel in Niederösterreich aus. Die Region war nach dem Zweiten Weltkrieg einige Jahre von den Sowjets besetzt, ihre Bewohner abgeschnitten.

Naturseifen
Naturprodukt: Seifen aus den Klosterschul-Werkstätten Schönbach.
Foto: Bernd F. Meier/dpa-tmn

Heute gilt das Waldviertel nördlich von Linz als Musterregion für alte Handwerke und Manufakturen. Besucher können den Fachleuten über die Schulter schauen und selbst Hand anlegen – zum Beispiel beim Glas schleifen oder Holzschalen drechseln. Eine Auswahl:

Reinhard Kartusch
Goldschmied Reinhart Kartusch arbeitet mit einem besonders harten Material: Granit.
Foto: Bernd F. Meier/dpa-tmn

Gläserner Glanz im Kristallium

Oswald Weidenauer
Oswald Weidenauer brennt Whisky und Schnaps – auf dem Gelände seines ehemaligen Milchkuh-Bauernhofes.
Foto: Bernd F. Meier/dpa-tmn

Einst gab es im Waldviertel 120 Glashütten. Erwin Webers Schleiferei Kristallium ist einer der letzten Betriebe, der alle Höhen und Tiefen überstanden hat. „Kristallglas schleifen ist ein schwieriges Gewerbe geworden“, sagt der Schleifermeister. In siebter Generation führt Weber den Handwerksbetrieb, der seit 1750 besteht und sich heute auf Glaspokale konzentriert hat. „Schnörkellos, nicht überladen, dem Geschmack unserer Zeit folgend.“

Hochprozentiges
Hochprozentiges: In der Destillerie Weidenauer bekommen Urlaubsgäste im Waldviertel Whisky und Schnaps für Zuhause.
Foto: Bernd F. Meier/dpa-tmn

Damit knüpft er die goldenen Zeiten des Bleikristallschliffs in den 1960er und 1970er Jahren an, als kunstvolle Sets aus Kammschale, Puderdose und Parfümzerstäuber so manche Frisierkommode zierten und das Gewerbe brummte. In sechs Schritten entstehen heute wie damals Gläser vom Rohling bis zum Silberschliff. Besucher können unter Anleitung selbst zum Glasschleifer werden.

Geldbörsen aus der Manufaktur
Exquisites Mitbringsel: Taschen und Geldbörsen mit Karpfenhaut gibt es in der Manufaktur von Rudolf Schuh.
Foto: Bernd F. Meier/dpa-tmn

Mehr Infos bei: Glasschleiferei Kristallium, Hirschenwies 53, A 3970 Moorbad Harbach, Tel.: 0043 2858/52 36, www.kristallium.at

In der Frottierweberei
Unterwegs im Betrieb: Monika Strobl und Walter Greulberger in der Frottierweberei Wirtex.
Foto: Bernd F. Meier/dpa-tmn

Granit und Holz vom Bierfass

Garnrollen
Damit die Füße warm bleiben: Garnrollen für Socken stapeln sich in der Strumpffabrik von Johannes Säuerl.
Foto: Bernd F. Meier/dpa-tmn

Für Goldschmied Reinhart Kartusch ist das Waldviertel eine steinreiche Gegend: Der Granitstein, der hier im Boden steckt, ist mehr als 400 Millionen Jahre alt. Der Handwerker fertigt Armbänder, Halsketten und Ohrstecker aus rotem Granit, direkt aus dem Wald am Berg Nebelstein – und Armbanduhren mit Zifferblättern aus Granit und Armbändern aus dem Holz 50 Jahre alter Bierfässer.

Sonnenuhr
Sonnenuhr an der gotischen Stiftskirche Mariä Himmelfahrt in Zwettl – sie kommt aus der Manufaktur von Johann Jindra.
Foto: Bernd F. Meier/dpa-tmn

Aus gutem Grund: Weitra gilt als älteste Bierbraustadt in Österreich, dort wird seit 1321 durchgehend Bier gebraut. Einblicke in sein Handwerk gibt Kartusch gerne: Besucher können bei ihm einen Schlüsselanhänger aus Granit fertigen.

Andreas Reiter
Geübte Handgriffe: Hier fertigt Drechslermeister Andreas Reiter einen Schuhlöffel.
Foto: Bernd F. Meier/dpa-tmn

Mehr Infos bei: Granitschmuck Reinhart Kartusch, Rathausplatz 18, A 3970 Weitra, Tel.: 0043 2856/23 31, www.granitschmuck.at

Seifensiederin Hildegard Neumaier
Seifensiederin Hildegard Neumaier gibt Kurse in den Klosterschul-Werkstätten Schönbach.
Foto: Bernd F. Meier/dpa-tmn

Karpfen im Teich und auf Handtaschen

Beim Glasschliff
Schwieriges Gewerbe: Erwin Weber beim Glasschliff in seiner Schleiferei Kristallium.
Foto: Bernd F. Meier/dpa-tmn

Den Karpfen die Haut abziehen, sie gerben und geschmeidig halten: Wie das genau funktionert, ist Betriebsgeheimnis in der Manufaktur von Rudolf Schuh. Der Wiener fertigt Handtaschen, Gürtel, Geldbörsen, Schlüsselanhänger und Schuhe mit Karpfenleder.

Felder
Mittelgebirgslandschaft im südlichen Waldviertel – die Region liegt im Bundesland Niederösterreich.
Foto: Bernd F. Meier/dpa-tmn

Auf die Idee mit dem Fischleder brachte Schuh ein Paar aus der Mandschurei, das von Textilien mit Lachsleder erzählte. Als der Tüftler in den 1960er Jahren ins Waldviertel übersiedelte und Karpfenteiche übernehmen konnte, stand die ungewöhnliche Geschäftsidee fest: Die Fischhaut ist wertvoll, das Filet eher Nebensache. Seine Manufaktur ist in Österreich einzigartig.

Granit-Zifferblätter
Mal was anderes: Uhren mit Ziffernblättern aus Granit gibt es bei Reinhart Kartusch zu kaufen.
Foto: Bernd F. Meier/dpa-tmn

Mehr Infos bei: Yupitaze Fischtextil, Reitzenschlag 24, A 3874 Litschau, Tel.: 0043 664/110 85 89, www.yupitaze.at

Drei Generationen setzen auf Socken

Johannes Säuerl besitzt mehrere Bentleys. Keine Luxusautos, sondern Strickmaschinen. Auf denen fertigt die Manufaktur Trachtenstrümpfe. Drei Generationen hat der 1947 gegründete Familienbetrieb.

Harte Zeiten hat das kleine Unternehmen überstanden. Bis in die späten 1960er Jahre fertigten die Säuerls Innenfutter für Lederhandschuhe – bis zum Einbruch. Dann stiegen sie um und machten sich im wahrsten Sinne des Wortes auf die Socken. Heute ist ihre Strickerei die erste Adresse für Socken und Stutzen aus Schaf- und Baumwolle, die zum Outfit von Trachtenvereinen zählen.

Mehr Infos bei: Strumpfwarenerzeugung Johannes Säuerl, Dr.-Albert-Schweitzer-Gasse 3, A 3860 Heidenreichstein, Tel.: 0043 2862/52 144, www.saeuerl.at

Hochprozentiges vom Bauernhof

Früher hatten die Weidenauers Milchkühe auf ihrem Bauernhof. Doch irgendwann lohnte ihre geringe Zahl den Aufwand nicht mehr. Die Familie stieg um und machten das Schnapsbrennen – einst nur für den Eigenbedarf – zur Vollzeitbeschäftigung.

Die Rohstoffe Dinkel, Hafer, Ur-Roggen und Einkorn kommen nahezu vollständig von den eigenen Feldern. 35 verschiedene Obstbrände umfasst das Angebot, etwa den 35-prozentigen Kriecherlbrand, eine Spezialität des Waldviertels aus einer wilden Form der Zwetschge.

Zehn Whiskysorten reifen im ehemaligen Heuboden heran – in neuen Fässern und in gebrauchten Süßwein- und Sherryfässern, die für die besonderen Noten der verschiedenen Whiskys sorgen.

Bei Verkostungen im urigen Gewölbekeller des Gehöftes lernen Liebhaber der hochprozentigen Tropfen die verschiedenen Geschmacksnoten kennen – und vor allem schmecken.

Mehr Infos bei: Destillerie Oswald Weidenauer, Leopolds 6, A 3623 Kottes, Tel.: 0043 2873/727, www.weidenauer.at

Flauschiges Frottier

Eigentlich sind die Strobls Landmaschinenhändler. „Bei Wirtex haben wir Arbeitskleidung gekauft und mit unserem Firmenlogo besticken lassen“, erzählt Monika Strobl. Doch dann war es damit aus, Wirtex ging in Konkurs. 2013 konnten die Strobls die älteste Frottierweberei Österreichs übernehmen – und an Traditionen anknüpfen.

Schon 1863 entstand der Betrieb als Handweberei in einem Bauernhaus und gab in guten Jahren bis zu 300 Beschäftigten Lohn. Heute hat Wirtex 15 Beschäftigte, und 28 Maschinen weben in den ehemaligen Stallungen und Scheunen Küchen- und Handtücher, Saunatücher und Frottierwaren aus Bambusfaser, reiner Baumwolle oder Leinen-Baumwollmischung. Dabei werden die Webautomaten wie vor 200 Jahren von Jacquard-Lochkarten gesteuert, einer Erfindung des gleichnamigen französischen Seidenwebers aus dem 19. Jahrhundert.

Besucher lernen beim Rundgang durch den Betrieb: Frottier ist nicht gleich Frottee, es ist dichter und saugfähiger. Einen Klassiker der Waldviertler Weberei haben sie neu aufgelegt: das karierte Grubentuch. Früher von Bergleuten genutzt, sind die blau oder auch schwarz-roten Tücher heute unverwüstliche Küchen- und Handtücher.

Mehr Infos bei: Frottierweberei Wirtex, Frühwärts 62, A 3842 Thaya, Tel.: 0043 2856/29 98, www.wirtex.at

© dpa-infocom, dpa:200720-99-858022/4

Tourismusregion Waldviertel

Glasschleiferei Kristallium

Granitschmuck Kartusch

Yupitaze Fischtextil

Drechslerei Reiter

Hrouza Kachelöfen und Keramik

Säuerl Strumpfwarenerzeugung

Destillerie Weidenauer

Frottierweberei Wirtex

Klosterschul-Werkstätten Schönbach

Schlosserei-Sonnenuhren Jindra

Waldviertel

Reiseziel: Das Waldviertel im Nordwesten von Niederösterreich hat 99 selbstständige Gemeinden mit rund 220 000 Einwohnern. Das Mittelgebirgsland an der Grenze zu Tschechien ist geprägt von Wald- und Landwirtschaft und traditionellem Handwerk.

Anreise: Mit dem Flugzeug, der Bahn oder dem Auto via Passau nach Linz und von dort weiter ins Waldviertel.

Informationen: Waldviertel Tourismus, Sparkassenplatz 1/2/2, A 3910 Zwettl (Tel.: 0043 2822/54 109, E-Mail: info@waldviertel.at, www.waldviertel.at).