Archivierter Artikel vom 01.11.2018, 05:00 Uhr

Nichts für Frostbeulen

Im Winter durchs Watt wandern

Eine Wattwanderung verbinden die meisten mit nackten Füßen im Schlick. Davon ist im Winter abzuraten. Wandern können Kältebeständige dennoch – mit der richtigen Kleidung und einem fachkundigen Guide. Am Ende gibt es eine zünftige Belohnung.

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Wattwanderer
Verfrorenes Grüppchen: Für eine Winterwattwanderung sollte man sich wärmer anziehen als für einen normalen Spaziergang.
Foto: Teresa Nauber – dpa

Westerdeichstrich (dpa/tmn) – Höchstens ein paar Grad über null: So kalt ist die Nordsee im Februar. Wer mitten im Winter durch sie hindurchmarschiert, sollte das wissen, findet Johann P. Franzen. Mag ja alles harmlos aussehen, jetzt, bei Ebbe.

Ein Wattwurm
Tadaa: ein Wattwurm. Bewegen tut er sich bei der Kälte zwar nicht. Aber immerhin – es gibt auch im Winter Getier im Watt.
Foto: Teresa Nauber – dpa

Aber wer zwischen zwei der kleinen Rinnsale gerät, die gerade so gemütlich vor sich hinplätschern, und von der Flut erwischt wird – dem steht das Wasser schnell bis zum Hals. Der Wattführer guckt grimmig. Mit seinem Meer ist nicht zu scherzen. Schon gar nicht bei der Kälte.

Zwischen den Prielen
Zwischen den Prielen kann man bei Ebbe spazieren gehen. Doch kommt die Flut, werden die ruhigen Gewässer zu reißenden Flüssen.
Foto: Teresa Nauber – dpa

Halten die Stiefel dicht?

In der Ferne
Unendliche Weite: Im Winter verschmelzen Himmel und Watt zu einer einzigen Landschaft.
Foto: Teresa Nauber – dpa

Die paar vereinzelten Wattwanderer, die sich an diesem Morgen um ihn scharen, blinzeln leicht verängstigt. Ihre Fragen stehen ihnen ins Gesicht geschrieben: Hätte ich doch noch einen Pulli mehr anziehen sollen? Und diese Stiefel, halten die wohl dicht?

Im Watt stochern
Allzu viel Leben bekommen Wattwanderer im Winter nicht zu sehen. Doch wer lange genug gräbt, wird vielleicht doch noch fündig.
Foto: Teresa Nauber – dpa

Wattwandern, das verbinden die meisten mit dem Sommerurlaub an der Nordsee. Barfuß durch den Schlick und dicke Würmer aus dem Boden ziehen. Es gibt aber ein paar Furchtlose, die auch im Winter durchs Watt waten. Franzen bietet in Westerdeichstrich in der Nähe des Badeortes Büsum zweimal im Winter die „Drei-Priele-Tour“ an. Rund vier Stunden stapfen die Teilnehmer mit ihm durchs Watt.

Ein Mensch alleine
Es mag kalt sein an den Füßen, dafür stapfen im Winter nicht so viele Menschen durchs Watt.
Foto: Teresa Nauber – dpa

Los geht es vom Deich aus, wo der Wind einem bereits gnadenlos um die Ohren pfeift. Einmal im Watt angekommen, erschließt sich aber Franzens Liebe zu diesem besonderen Ort: Auf der ocker-braunen Fläche spiegelt sich der eisblaue Himmel, beides verschmilzt zu einer einzigen Landschaft. Lugt die Sonne zwischen den Wolken hervor, taucht sie die seltsame Szenerie in ein gespenstisches Licht.

Wattführer Johan P. Franzen
Johann P. Franzen ist Nationalpark-Wattführer. Interessierte geleitet er sommers wie winters sicher durchs Watt.
Foto: Teresa Nauber – dpa

Watt ist Weltkulturerbe

Herrliche Grünkohl-Platte
Grünkohl «mit alles»: Den Kohl muss man ein bisschen suchen, dafür schmecken die Würste nach einer langen Wanderung durchs Watt umso besser.
Foto: Teresa Nauber – dpa

Zu hören sind das Plätschern des Wassers, das Rauschen des Windes und ein Schmatzgeräusch, das die Gummistiefel auf dem Boden erzeugen. Ansonsten Stille. Die Unesco hat das ganze Wattenmeer von Dänemark bis in die Niederlande zum Weltnaturerbe erklärt.

Karl-Heinz Kolle
Karl-Heinz Kolle ist Chef des Büsumer Restaurants «Kolles alter Muschelsaal».
Foto: Christl Wastl – dpa

Wattführer Franzen steuert das Grüppchen zielsicher von einem Wasserlauf zum nächsten. Priele heißen diese Verbindungen zwischen zeitweise getrennten Meeresteilen. Franzen erklärt die Unterschiede zwischen Mischwatt, Schlickwatt, Sandwatt. Zu lange verharrt er nie an einer Stelle. Richtige Gummistiefel, lernt der Landmensch, die sind aus Kautschuk. „Darin bekommt ihr auch keine kalten Füße.“

Dramatisches Wolkenspiel
Dramatisches Wolkenspiel am Himmel über dem Watt bei Westerdeichstrich.
Foto: Teresa Nauber – dpa

Allein ins Watt zu gehen, ist gefährlich. Kommt die Flut, dann sehen unerfahrene Wattwanderer das Wasser nicht kommen. Zuerst füllen sich nämlich die Priele. Winzige Rinnsale können binnen Minuten zu reißenden Flüssen werden und die Wanderer umzingeln. Wer denkt, dass er da dann locker durchschwimmt, irrt. Viele Priele fließen rasend schnell. Im Winter tut die Wassertemperatur ihr übriges.

Ein einsamer Wattwurm

Der Wattführer hält ein letztes Mal an. Mit seiner Mistgabel reißt er Löcher in den Boden, bis er einen Wurm in den Händen hält. Das Tier verharrt regungslos, wird von allen Seiten fotografiert und darf sich dann zurück in den Boden graben. Mehr Getier, das stellt Franzen gleich klar, ist nicht im Winter.

Andererseits: Im Sommer durchs Watt – das kann jeder. Außerdem müsste der anschließende Grünkohlschmaus dann saisonbedingt ausfallen. Das wäre vor allem wegen der „Beilagen“ schade: Kasseler, Kochwurst, Schweinebacken und karamellisierte Kartoffeln schmecken am besten, wenn man vorher stundenlang im eiskalten Watt umhergetaumelt ist.

Wattenmeer-Kalender des Nationalpark-Haus Dornumersiel

Hooksiel / Wangerland

Wattwanderungen mit Johann P. Franzen

Nordsee Tourismus

Im Winter durchs Watt

Reiseziel: Winterwattwanderungen werden nicht nur in Büsum angeboten. Von der Küste vor den ostfriesischen Inseln etwa kann man bei gutem Wetter bis nach Norderney wandern. Auch von Amrum nach Föhr gibt es geführte Touren im Winter. In Hooksiel bieten Wattführer auch kürzere geführte Wanderungen an. Johann P. Franzen wandert auch 2019 wieder im Winter.

Informationen: Nordsee-Tourismus-Service GmbH, Zingel 5, 25813 Husum, Tel.: 04841/89 75 0, E-Mail: info@nordseetourismus.de.