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    Inuvik

    Schlaflos im Himmel – Der Ivvavik National Park in Kanada

    Mervin Joe sagt nicht viel. Er hört aufmerksam zu, manchmal funkeln seine Augen amüsiert. «Wenn wir oben sind, könnt ihr mit Fug und Recht behaupten, dass ihr schon mal halb im Himmel wart», sagt der Inuvialuit. So nennen sich die Inuit im westlichen Teil der kanadischen Arktis.

    Aussicht vom Inspiration Point
    Einsame Aussicht: Der Blick geht vom Inspiration Point über den Soper River zu den British Mountains.
    Foto: Ole Helmhausen – dpa

    Joe ist Parkranger und der Guide dieser Tour. Seit mehr als 20 Jahren ist er beruflich hier unterwegs, kennt die Wildnis. Die Gruppe hat gerade den steilen Anstieg zur Lookout Ridge gemeistert. Der Blick fällt über die grünen, wie mit Samt ausgelegten Berge. Nun folgen zwölf Kilometer – hin und zurück – durch Tundra und baumloses, steiniges Hochland. Das Ziel des Tages ist der Halfway to Heaven. Der Berg ist ein spitz gen Himmel zulaufender Steinhaufen. Wer oben steht, der befindet sich – genau: halb im Himmel.

    Wanderung im Nationalpark
    Im Gänsemarsch geht es bergan. Die Hänge im Nationalpark sind karg und oft steil.
    Foto: Holger Bergold – dpa

    Der Ivvavik National Park liegt in der äußersten Nordwestecke des Yukon-Territoriums. Ivvavik bedeutet in der Sprache der Inuvialuit «ein Ort, wo geboren wird». Selbst für kanadische Verhältnisse liegt der Park extrem weit ab vom Schuss. Kaum mehr als 100 Besucher zählt der Park im Jahr. Joe und seine Kollegen mussten die Gipfel selbst benennen, Namen gab es nicht. V-förmige Täler, kegelförmige Hügel und surreal geformte Felszungen – genannt «Tors» – erinnern daran, dass dieser Teil des Yukon von den Eiszeiten verschont blieb. So entstand eine der ältesten Landschaften des Kontinents.

    Rast mit traumhafter Aussicht
    Wanderer im Ivvavik National Park genießen die Aussicht über eine ansonsten menschenleere Wildnis.
    Foto: Ole Helmhausen – dpa

    Eine Straße hierher gibt es nicht. Man fliegt ein, von Inuvik am Dempster Highway aus. Schon der 75-minütige Flug bietet seltene Ausblicke. Zunächst folgt der Pilot der Küste der Beaufortsee. Dann geht es in geringer Höhe nach Süden über die British Mountains. Vor der Landung am Sheep Creek Basecamp dreht der Pilot eine Extrarunde, um die von leeren Benzinfässern markierte Landebahn zu begutachten.

    Auf dem Weg zum Inspiration Point
    Leichte Wanderungen starten im Sheep Creek Camp. Diese Gruppe ist unterwegs in Richtung Inspiration Point.
    Foto: Ole Helmhausen – dpa

    Treiben sich dort Dallschafe oder Wölfe herum? Grizzlybären? Die Landung ist erstaunlich weich, der Empfang durch Joe und seine Mitarbeiter herzlich. Im Sheep Creek Basecamp gibt es Unterkünfte für die Parkangestellten, eine sparsam zu benutzende Dusche, einen Geräteschuppen und einen kleinen Campingplatz für die Gäste. Ein elektrischer Zaun sichert das ganze Areal: Grizzlybären sind eher die Regel als die Ausnahme, Eisbären möglich.

    Sheep Creek Basecamp
    Das Sheep Creek Basecamp wirkt eher unscheinbar, mehr als ein paar Hütten und Zelte finden Reisende hier nicht – ein wenig Zivilisation in der Wildnis.
    Foto: Parks Canada – dpa

    Gegessen wird im Haupthaus, die deftigen Mahlzeiten werden von liebenswerten Inuvialuit- oder Gwich'in-Köchinnen zubereitet. Die Gwich'in sind ein indigener Stamm, der zwischen Alaska und Kanada lebt. Renie, um die 70 und wie Mervin eine Inuvialuit, erzählt von den Landforderungen ihrer Leute. Wie sie als Aktivistin mit Rekorder und Fotoapparat durch die Inuvialuit-Gemeinden zog, um die Ältesten zu interviewen und nach traditionellen Ortsnamen zu befragen.

    Louisa und Renie
    Louisa (l), eine Gwitch'in-Indianerin, und ihre Freundin Renie (r), eine Inuvialuit, versorgen die Gäste im Sheep Creek Basecamp.
    Foto: Ole Helmhausen – dpa

    «Es war schon surreal», erinnert sich Renie. «Da hatten wir seit Tausenden von Jahren hier gelebt, und dann kam die Regierung plötzlich daher und sagte, wenn wir das nicht beweisen könnten, würden sie hier überall nach Öl bohren.» Mit den Ergebnissen ihrer Feldforschung konnte sie maßgeblich dazu beitragen, dass die Ölfirmen nur mit Genehmigung der Inuvialuit ans Werk gehen können.

    Landebahn im Ivvavik National Park
    Eine richtige Landbahn gibt es im Ivvavik National Park nicht. Rostige Tonnen markieren die Piste nahe des Sheep Creek Base Camp.
    Foto: Ole Helmhausen – dpa

    Die größte Attraktion für Besucher sind die Tageswanderungen durch die monumentale Wildnis. Das Sheep Creek Basecamp liegt im Herzen der British Mountains. Ein gutes Dutzend Wanderungen beginnen quasi vor der Haustür. Markierte Trails gibt es nicht, deshalb ist ein Guide wie Mervin Joe notwendig. Dieser führt seine Gruppe auf dem Weg zum Halfway to Heaven über Kämme und Sättel, über Hänge und Bergrücken. Eine gute Kondition reicht, um auf den Wanderungen zu bestehen.

    Blick auf den Firth River
    Traumhafte Wildnis: der Firth River schlängelt sich unter dem Flugzeug auf dem Weg zum Ivvavik National Park.
    Foto: Holger Bergold – dpa

    Im Juni und Juli liegen die Temperaturen im Schnitt bei 14 Grad. Mit jähen Wetterstürzen ist allerdings zu rechnen. Ein Bonus ist die Mitternachtssonne. Wanderungen während der Sommersonnenwende Ende Juni bieten ein magisches Licht und ein Hochgefühl, das mit der Gewissheit, einen Ort zu sehen, den nur wenige Menschen je zu sehen bekommen, nur unzureichend zu erklären ist.

    Ein Grizzlybär
    Bewohner der Wildnis: Dass man im hohen Norden Kanadas Grizzlybären begegnen kann, darauf sollte man sich einstellen.
    Foto: Holger Bergold – dpa

    Der Pfad auf den Halfway to Heaven ist nun leicht erkennbar. Im Gänsemarsch steigt die Gruppe vorsichtig bergan. In den Tor auf dem Gipfel haben Wind und Wetter ein rundes Fenster gefressen. Was für ein Fotomotiv! Die Aussicht ist spektakulär. Man steht auf dem Dach des Doppelkontinents Amerika – unbeschreiblich. Joe lächelt und zückt sein Funkgerät. Auch diese Gruppe ist angekommen. Fast im Himmel.

    Dragon's Tor
    Verschnaufpause am Dragon's Tor. Im Hintergrund sieht man den Halfway to Heaven.
    Foto: Ole Helmhausen – dpa

    Ivvavik National Park / Parks Canada (eng.)

    Ivvavik National Park
    Abgelegener sind nur wenige Orte: Der Ivvavik National Park liegt im Norden des Yukon-Territoriums in der kanadischen Arktis. Schon die Anreise lohnt sich. Karte: dpa-infografik
    Foto: dpa-infografik

    SK Touristik

    Informationen zu den Northwest Territories

    Informationen zum Yukon-Territorium

    Der Ivvavik National Park

    Klima und Reisezeit: Der kurze arktische Sommer dauert von Anfang Juni bis August. Extreme Temperaturschwankungen sind immer möglich. Parks Canada, die Verwaltungsbehörde der kanadischen Wildnisgebiete, bietet ihre Campingtrips im Juni und Juli an.

    Anreise: Zuerst nach Whitehorse, Hauptstadt des Yukon, mit Condor nonstop ab Frankfurt. Von dort nach Inuvik mit Air Canada, Canadian North oder First Air. Alternativ mit dem Auto 1200 Kilometer über den Dempster Highway, Übernachtung in Eagle Plains. Von Inuvik nach Sheep Creek per Charterflugzeug, buchbar bei Parks Canada.

    Übernachtung: Im Sheep Creek Base Camp schlafen die Gäste in regensicheren Zwei-Mann-Zelten. In Whitehorse und Inuvik gibt es Hotels verschiedener Preiskategorien. Wer sich für die Anfahrt auf dem Dempster Highway entscheidet, sollte die Übernachtung im einzigen Motel von Eagle Plains so früh wie möglich buchen.

    Anbieter: Fünf- und siebentägige Campingtrips können auf der Webseite von Parks Canada unter «Base-Camping Trips» direkt gebucht werden. Im Preis für die Fünf-Tage-Trips sind Hin- und Rückflug ab Inuvik, die Benutzung aller Einrichtungen im Sheep Creek Base Camp, Zelte und Campingausrüstung, alle Mahlzeiten und geführte Touren enthalten. Die Sieben-Tage-Trips sind für Selbstversorger. Der Anbieter in Deutschland ist SK Touristik.

    Informationen: Northwest Territories Tourism, c/o Denkzauber GmbH, Neustadt 13, 47809 Krefeld, Tel.: 02151/51 24 669, E-Mail: nwt@infokanada.de; Yukon Tourism, c/o Bergold Promotions, Kleine Hochstraße 4, 60313 Frankfurt, Tel.: 069/21 93 67 0.

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