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    Als Großstädterin in der Uckermark

    Die Fahrradwege sind leer gefegt, die unzähligen Seen nicht überfüllt. In der Uckermark hat man Zeit für sich. Künstlern und Kreativen gefällt das schon länger. Aber wie fühlt sich Urlaub in einer der verlassensten Gegenden Deutschlands an?

    Familien-Wanderung
    Was tun in der Uckermark? Wandern ist eine der besten Option, auch für Familien.
    Foto: Klaus-Peter Kappest/tmu GmbH/dpa-tmn

    Lychen (dpa/tmn). Wer in Berlin wohnt, vergisst oft, dass außerhalb der Stadt auch noch etwas ist. Brandenburg zum Beispiel. Und dort: die Uckermark. Rund 80 Kilometer nordöstlich der Hauptstadt erstreckt sich eine der am dünnsten besiedelten Regionen Deutschlands.

    Wald in der Uckermark
    Das Fahrrad ist in der Uckermark nicht bloß ein Freizeithobby – sondern auch nützliches Verkehrsmittel in einer Region mit schwacher Infrastruktur.
    Foto: Klaus-Peter Kappest/tmu GmbH/dpa-tmn

    Mehr als 500 Seen, Moore und Flussläufe gibt es in der Uckermark. Fernsehköchin Sarah Wiener lebt hier, Model Eva Padberg auch. Die Uckermark, ein Sehnsuchtsort?

    Weites Feld
    Unterwegs mit dem Rad zwischen Rutenberg und Lychen: weite Felder und ein hoher Himmel.
    Foto: Alexandra Stahl/dpa-tmn

    Bus, S-Bahn, Regionalzug: Fast drei Stunden dauert es, bis ich von Berlin aus in Lychen in der nordwestlichen Uckermark bin. Das Städtchen hat 3600 Einwohner. Dass ohne Auto oder Fahrrad in der Uckermark alles ziemlich lange dauert, wird sofort klar. Noch sieben Kilometer sind es von Lychen bis in den Ortsteil Rutenberg. Dort liegt meine Ferienwohnung.

    Radweg in der Uckermark
    Die Radwege in der Uckermark hat man als Urlauber oft für sich allein – wie hier von Rutenberg nach Lychen.
    Foto: Alexandra Stahl/dpa-tmn

    Im Café „Kunstpause“, idyllisch an einem Hang gelegen mit Sitzplätzen in einem weitläufigen Garten, frage ich nach dem Weg. Hier gibt es glutenfreien Kuchen und Cappuccino mit Sojamilch, die Gewohnheiten der Großstädter sind längst auf dem Land angekommen. Mit Laptop oder Smartphone sitzt allerdings niemand am Tisch. Im Garten bin ich ganz alleine. Vogelgezwitscher statt WLAN-Netz. Nach Rutenberg laufe man am besten durch den Wald, sagt die Frau hinterm Tresen.

    «Rehof» Rutenberg
    Rustikal, doch von innen schick: Ferienwohnungen im «Rehof» Rutenberg. Die Besitzer kauften einst das alte Pfarrhaus und die umliegenden Gebäude.
    Foto: Alexandra Stahl/dpa-tmn

    Als ich den Waldweg suche, hält plötzlich ein sehr alter VW-Bus neben mir. „Soll ich Sie mitnehmen bis Rutenberg?“, ruft mir ein Mann mit schwarzer Hornbrille und breiten Koteletten zu.

    Oberpfuhlsee
    Die Uckermark ist voller Seen, deren Ufer nicht überlaufen sind – zum Beispiel der Oberpfuhlsee.
    Foto: Anja Warning/tma

    Conny Wimmer erzählt, er habe im Café mitbekommen, wo ich hinwolle. Er komme aus München und habe mit seiner Frau vor fünf Jahren ein Haus in Lychen gekauft. „Hier gibt's noch Freiraum, keine Zäune“, sagt er. Inzwischen hätten sich die Preise aber verdreifacht. Finden würde man auch nichts mehr. „Es gibt ja kaum was, man muss warten, bis einer wegstirbt“, sagt der 64-Jährige.

    Martin Hansen und Marieken Verheyen
    Martin Hansen und Marieken Verheyen betreiben den «Rehof» in Rutenberg.
    Foto: Alexandra Stahl/dpa-tmn

    Als ich aussteige, bittet Wimmer mich, „den Martin“ schön zu grüßen, ich wolle ja sicher zum „Rehof“. Man hilft sich nicht nur in der Uckermark. Man kennt sich auch.

    Jens Nagel
    Jens Nagel betreibt einen exotischen Kunst-Garten in Retzow bei Lychen. Man muss die Ruhe aushalten, sagt er über die Uckermark.
    Foto: Alexandra Stahl/dpa-tmn

    Martin Hansen, 58, und Marieken Verheyen, 62, haben das Pfarrhaus in Rutenberg und die dazugehörigen Gebäude zu Ferienwohnungen und einer Sauna umgebaut. Der Filmemacher und die Künstlerin lebten lange in Amsterdam, 2015 eröffneten sie den „Rehof“.

    Martina Busch
    Handweberin Martina Busch in ihrem Laden in Lychen: Sie ging für einige Jahre nach Aachen, kehrte aber in die Uckermark zurück.
    Foto: Alexandra Stahl/dpa-tmn

    „Man weiß, ob man hier leben kann, wenn man den ersten Winter übersteht“, sagt Hansen. Über die Sommermonate sind die Wohnungen fast alle ausgebucht. Man spreche da wohl etwas an in den Leuten. „Ich lasse die Stadt hinter mir und fange etwas Neues an, mit diesem Gedanken laufen viele rum.“ Hansen und Verheyen verkörpern ihn.

    Kronsee
    Rauskommen, runterkommen, in der Natur sein – dafür taugt die Uckermark – hier der Kronsee – bestens.
    Foto: Alexandra Stahl/dpa-tmn

    Die Wohnungen sehen aus wie aus einem Lifestyle-Magazin. Ausgewählte Möbel, Designerlampen, weiße Wände zwischen Holzbalken. Nur die Geräusche des Traktors, die durch die offenen Dachfenster zu hören sind, machen klar, dass dies keine Wohnung in Berlin-Mitte ist.

    Auf einem Spaziergang durch das 220-Seelen-Dorf fühle ich mich erst wie ein Eindringling. Außer mir ist niemand auf der Straße, in den Gärten sitzen alte Männer in weißen Unterhemden, fast alle haben einen Hund im Vorgarten. An einem Eingangstor hängt ein Schild, auf dem steht: „Unsere Kühe sind schöner als unsere Frauen“. Doch die wenigen Bewohner, mit denen ich Blickkontakt habe, lächeln mich an.

    In Rutenberg seien die Leute Touristen und Zugezogene gewohnt, sagt Martina Busch, die Handweberin ist und einen eigenen Laden in Lychen hat. Sie stammt aus der Uckermark und kam nach ein paar Jahren in Aachen zurück. „Es ist noch nicht zu Ende entwickelt hier, noch nicht alles umgegraben“, sagt sie. Die Region werde aber oft verklärt. „Die Landschaft ist so schön, aber die Leute hier haben kein einfaches Leben.“ Viele müssten pendeln, um Geld zu verdienen, die Einkommen seien niedrig, die Infrastruktur schlecht.

    Das Paradoxe ist: Die Besucherzahlen nehmen seit Jahren zu, während die Anwohner seit der Wende stetig wegzogen. Erst seit 2014 steigen die Einwohnerzahlen wieder leicht. Doch ein Boom ist das nicht.

    Was unternimmt man in der Uckermark? Intuitives Bogenschießen, Kanutouren, ein Ausflug auf einen Straußenhof oder zu einem Lyrikhaus zum Beispiel. In Rutenberg wirbt eine Frau mit Kräuterspaziergängen. Dazu kommen unzählige Strecken für Fahrradtouren. Die Wege habe ich fast immer für mich allein. Wer schwimmen will, findet fast überall einen See – und immer Platz. Alles ist weit, alles ist still. Die meisten Gegenden sind Naturschutzgebiete.

    Vermutlich ist genau das der Reiz der Uckermark: Nichts will einen betören. Das Handynetz ist ein Witz, viele Busse muss man einen Tag vor der Abfahrt bestellen. Außer sich zu bewegen, bleibt einem: kochen, schlafen, lesen. Es sind genau jene Dinge, die in einer Großstadt als Allererstes zu kurz kommen.

    Statistik zur Uckermark (PDF)

    Bevölkerungsentwicklung Uckermark

    Rehof Rutenberg

    Handweberei Busch

    Exotik-Kunst-Garten Jens Nagel

    Tourismus Uckermark

    Uckermark

    Anreise: Der Landkreis liegt etwa 80 Kilometer nördlich von Berlin und ist mit der Regionalbahn und dem Bus zu erreichen. Ein einfaches Ticket kostet 10 Euro. Weil die Infrastruktur vielerorts schlecht ist, lohnt eine Anreise mit dem Auto – oder gleich mit dem Fahrrad.

    Übernachtung: Moderne Ferienwohnungen wie auf dem „Rehof“ in Rutenberg gibt es ab 90 Euro pro Nacht. Günstigere Unterkünfte ab rund 30 Euro pro Nacht finden sich in vielen kleinen Orten aber auch.

    Informationen: Tourismusverband Uckermark, Stettiner Straße 19,
    17291 Prenzlau, Tel.: 03984/83 58 83, E-Mail: info@tourismus-uckermark.de.

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