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    Bei Opel trainieren die Werker bald an der Wii – Panorama: Spielen statt schrauben

    Frank Arlt ist ein leidenschaftlicher Zocker und fährt daheim in jeder freie Minute Autorennen auf der Spielekonsole. Seit ein paar Jahren hat der Opel-Manager auch im Büro ständig den Wii-Controller in der Hand - und seine Chefs strahlen vor Glück: Weil der Ingenieur ein neues Produktionstraining entwickelt, wollen sie künftig Millionen sparen.

    Arlt zockt nicht daheim im Wohnzimmer, sondern steht in einer Halle bei Opel in Rüsselsheim.
    Arlt zockt nicht daheim im Wohnzimmer, sondern steht in einer Halle bei Opel in Rüsselsheim.

    Und wenn ihm seine Chefs dabei über die Schulter schauen, huscht ihnen ein Strahlen übers Gesicht.
    Und wenn ihm seine Chefs dabei über die Schulter schauen, huscht ihnen ein Strahlen übers Gesicht.

    Die Augen schmal, den Blick fokussiert und die Miene verbissen: Frank Arlt steht vor einer Leinwand und ist sichtlich konzentriert. Während er im leeren Raum mit den Armen rudert und mit einem weißen Elektronik-Knochen in der Hand gestikuliert, wabern Autoteile durch die 3D-Projektion, wechseln Position und Farbe, bis irgendwann ein Werkzeug auftaucht, ein Countdown stoppt und ein neues Bild eingeblendet wird.

    Und wenn ihm seine Chefs dabei über die Schulter schauen, huscht ihnen ein Strahlen übers Gesicht.
    Und wenn ihm seine Chefs dabei über die Schulter schauen, huscht ihnen ein Strahlen übers Gesicht.

    Für Arlt ist das eine relativ gewöhnliche Situation. Schließlich ist der Hesse seit den seligen Zeiten des Commodore C64 leidenschaftlicher Computerspieler und verbringt seine Freizeit meist beim Autorennen auf Playstation & Co. Was die Sache ein bisschen ungewöhnlich macht, sind die äußeren Umstände: Arlt zockt nicht daheim im Wohnzimmer, sondern steht in einer Halle bei Opel in Rüsselsheim. Er ist nicht im Wochenende, sondern bei der Arbeit. Und statt Rennwagen über die Piste zu prügeln, schraubt er mit virtuellen Werkzeugen animierte Airbags in künstliche Lenkräder, zieht die Projektion von schlabberigen Kabelbäumen in 3d-Karossen oder steckt gerechnete Steuergeräte an grafische Spritzwände. Und wenn ihm seine Chefs dabei über die Schulter schauen, huscht ihnen ein Strahlen übers Gesicht.  Schließlich werden sie mit Arlts Spielerei bald Millionen sparen und obendrein noch Monate kostbarer Zeit gewinnen.

    Arlt gehört zum Manufacturing Engineering im Stammwerk Rüsselsheim und hat seine Spielleidenschaft in ein Projekt invest
    Arlt gehört zum Manufacturing Engineering im Stammwerk Rüsselsheim und hat seine Spielleidenschaft in ein Projekt investiert, das in der Autobranche bislang beispiellos ist.

    Denn Arlt gehört zum Manufacturing Engineering im Stammwerk Rüsselsheim und hat seine Spielleidenschaft in ein Projekt investiert, das in der Autobranche bislang beispiellos ist: Statt bei einem Generationswechsel wochenlang das Band zu stoppen und den Bau neuer Modelle an sündhaft teuren Vorserien-Fahrzeugen zu üben, die am Ende doch nur in der Schrottpresse landen, sollen seine Kollegen künftig zumindest einen Großteil des Trainings am Simulator absolvieren. „Spielen statt Schrauben“ lautet die Devise für das Projekt VISTRA, (Virtual Simulation and Training of Assembly and Service Processes in Digital Factories), das von der EU gefördert wurde und nach drei Jahren jetzt kurz vor dem Abschluss steht.

    Statt bei einem Generationswechsel wochenlang das Band zu stoppen, sollen seine Kollegen künftig zumindest einen Großtei
    Statt bei einem Generationswechsel wochenlang das Band zu stoppen, sollen seine Kollegen künftig zumindest einen Großteil des Trainings am Simulator absolvieren.

    „Mit diesen virtuellen Übungseinheiten wollen wir nicht nur Aufwand und Kosten für das Training bei einem Modellwechsel reduzieren“, rechtfertigt Arlt seinen professionellen Spieltrieb. Damit könnten auch Produktionsanläufe beschleunigt und die Fehlerquote gesenkt werden. Bei ersten Testläufen jedenfalls haben die an der Spielekonsole trainierten Probanden bis zu 40 Prozent besser abgeschnitten als die Kollegen mit dem konventionellen Training.

    „Spielen statt Schrauben“ lautet die Devise für das Projekt VISTRA.
    „Spielen statt Schrauben“ lautet die Devise für das Projekt VISTRA.

    Egal ob virtuell oder in der Wirklichkeit - ohne Training geht im Automobilbau gar nichts, sagt Arlt. Denn Astra & Co sind mittlerweile Puzzle mit über 13.000 Teilen, die in 1.200 Arbeitsschritten zusammen gebaut werden müssen. „Und viel mehr als 18 oder 20 Sekunden haben die Kollegen in der Montage für einen Takt kaum Zeit, wenn am Ende alle 60 Sekunden ein fertiges Auto vom Band rollen soll“, beschreibt der Experte den Knochenjob seiner Kollegen. „Und das natürlich möglichst ohne jeden Fehler.“

    Selbst wenn Arlt gar nicht den Anspruch hat, das konventionelle Training komplett zu ersetzen und schon mit einem 50-Prozent-Anteil zufrieden wäre, hat das Opel-Management bereitwillig die 400.000 Euro für das Projekt springen lassen. Denn so haben sich die Hessen nicht nur einen deutlich Vorsprung vor der Konkurrenz gesichert, die Arlt seit dem bei jedem öffentlichen Auftritt mit neugierigen Fragen löchert, und obendrein im Konzern ein paar Fleißpunkte gesammelt. „Schließlich funktioniert das Training bei uns in Rüsselsheim genauso wie in einer Chevrolet-Fabrik in Detroit oder bei Buick in China.“

    Ganz offensichtlich kommt das Projekt auch bei den Kollegen unten in der Montage gut an: „Wenn die freiwillig Überstunden machen und gleich nach dem ersten Training einen zweiten Durchlauf machen wollen, müssen wir uns über die Akzeptanz keine Sorgen machen“, schmunzelt Arlt. Nicht umsonst hat er Vistra wie ein Computerspiel angelegt, verschiedene Level und Schwierigkeitsstufen eingebaut und lässt natürlich auch die Stoppuhr mitlaufen. Das weckt den Spieltrieb und spornt gewaltig an.

    Obwohl Vistra das Potenzial für Millionen-Einsparungen birgt, ist das Projekt buchstäblich ein billiges Vergnügen. Denn statt aufwändiger Spezialtechnik nutzt Arlt durchweg Elektronik für den Heimgebrauch: Der Controller in seiner Hand stammt von Nintendos Wii, die Kinect-Kamera über der Leinwand von Microsoft und das Laptop ist ein Einsteiger-Modell wie es bei Saturn oder Media Markt an jeder Ecke liegt. „Was Kinderhände nicht kaputt bekommen, das hält auch am ehesten den harten Bedingungen im Werk statt“, sagt der Projektleiter. Außerdem kostet ein Trainingsset dann keine zigtausend Euro. In dem kleinen Aktenkoffer, mit dem Arlt seit ein paar Monaten über Kongresse tingelt und die einzelnen GM-Werke abklappert, steckt Technik für gerade mal 600 Euro, berichtet der Manager.  Entsprechend leicht lässt sich das Programm aufstocken, so dass möglichst schnell möglichst viele Mitarbeiter trainieren können.

    Pünktlich zum Weihnachtsgeschäft könnte es deshalb in den Spielwarenläden in und um Rüsselsheim zu ein paar Engpässen kommen. Denn nachdem Arlt die ersten Probeläufe durch hat, sich die Ergebnisse sehen lassen können und die Mitarbeiter augenscheinlich begeistert sind, bereitet Opel jetzt den Ernstfall vor: Ausgerechnet beim wichtigsten Serienanlauf im nächsten Jahr wollen die Hessen ihre Mannschaft im Stammwerk erstmals auch mit Vistra trainieren und gehend deshalb jetzt bald auf Einkaufstour.

    Projektleiter Arlt kann es kaum mehr erwarten, bis Vistra  Premiere hat und sich in der Serie bewährt. Nicht nur, weil er stolz ist wie Bolle auf das Projekt und die Arbeit seines Teams dann endlich Früchte trägt.  Sondern weil er dann vielleicht auch wieder ein bisschen mehr Freizeit hat - und auf der Spielekonsole keine Autos bauen, sondern sie im Rennen über die Rundstrecke scheuchen kann.

    Benjamin Bessinger/SP-X

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