Archivierter Artikel vom 13.12.2013, 13:20 Uhr

Früher Zuckerwerk, heute Kugeln: Christbaumtraditionen im Wandel

Nürnberg (dpa). Er ist der Mittelpunkt des Festes: der Weihnachtsbaum. Dabei war er nicht immer mit Kugeln geschmückt. Zeitweise hing er sogar kopfüber von der Decke. Eine kleine Kulturgeschichte.

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Christbaum auf dem Weihnachtsmarkt
Vieles hat sich verändert in der über 400-jährigen Geschichte des Christbaumes, wie er in Süddeutschland genannt wird.
Foto: Daniel Karmann – DPA

Viele Kinder würden wohl gerne die Zeit zurückdrehen, wenn sie wüssten, dass vor 200 Jahren statt Kugeln und Kerzen Süßigkeiten an den Weihnachtsbäumen hingen. «Der Schmuck hatte keinen rein dekorativen Charakter, sondern sollte einen Nährwert besitzen», erklärt Georg Seiderer von der Universität Erlangen-Nürnberg. Deshalb baumelten im 18. Jahrhundert Früchte, Nüsse oder Gebäck an den Zweigen, von denen die Kinder an den Festtagen naschen durften.

Vieles hat sich verändert in der über 400-jährigen Geschichte des Christbaumes, wie er in Süddeutschland genannt wird. Seiderer hat sich intensiv mit der Wandlung dieses Brauches beschäftigt. Der Historiker unterrichtet Neue Bayerische sowie Fränkische Landesgeschichte und Volkskunde an der Friedrich-Alexander-Universität. Dabei führen die Spuren auf der Suche nach dem ersten Weihnachtsbaum an den Rhein.

Den Ursprung des Christbaumes vermutet Seiderer im Elsass. Einen Hinweis darauf gebe ein Schriftstück aus Straßburg aus dem Jahre 1605: «Es wird darüber gesprochen, dass sogenannte Dannenbäum an Weihnachten aufgestellt werden», zitiert Seiderer. Diese Quelle sei eine der markantesten – wobei er nicht ausschließen könne, dass es schon vorher vereinzelt Weihnachtsbäume gegeben habe. Eine zunehmende Dichte an Quellen gebe es im 18. Jahrhundert. «Wir dürfen annehmen, dass sich der Brauch in dieser Zeit ausgebreitet hat.»

Zunächst wurden die Christbäume eher in evangelischen Gebieten aufgestellt, vielfach an öffentlichen Orten. Einen Hinweis darauf gibt etwa ein Kupferstich aus Nürnberg aus dem Jahre 1795. Dort steht inmitten einer Gaststube zwischen den Menschen auch ein festlich geschmückter Christkindlesbaum. Den Einzug in die privaten Haushalte vermutet der Historiker im Bürgertum des 19. Jahrhunderts: «Das Weihnachtsfest wurde nun als Familienfest stilisiert, und ein festlich geschmückter Baum war der Mittelpunkt der Stube.»

Mittlerweile ist der Brauch einer der beliebtesten im Lande. Hans-Georg Dreßler vom Bundesverband der Weihnachtsbaumerzeuger geht davon aus, dass in mehr als 80 Prozent der deutschen Familienhaushalte um die Weihnachtszeit eine Tanne aufgestellt wird. Im Jahr 2012 seien in der Bundesrepublik rund 24 Millionen Bäume verkauft worden. Die meisten Bäume werden in der Region produziert. 90 Prozent aller Tannen stammen dem Bundeslandwirtschaftsministerium zufolge aus dem Inland.

Dabei ändern sich die Trends: «Die gläsernen und verspiegelten Kugeln kamen erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts auf», schildert Seiderer. Davor dekorierten die Menschen ihren Baum zusätzlich zu den essbaren Köstlichkeiten auch mit Papierbändern, kleinen Puppen oder Wachsfiguren. Manche hängten ihn sogar kopfüber an der Decke auf – dort hatte man schon zuvor Zweige angebunden, die Traditionen vermischten sich.

Keineswegs musste der Christbaum übrigens eine Tanne sein. «In einigen Quellen ist auch von Eiben oder Buchsbäumen die Rede», berichtet Seiderer. Im Laufe der Jahre habe sich dennoch die Tanne durchgesetzt: «Vermutlich, weil sie auch im Winter grün ist.» Dies spiegelt sich auch im bekannten Weihnachtslied «O Tannenbaum» – darin blüht die Pflanze nicht nur zur Sommerzeit, sondern auch im Winter, wenn es schneit.