Archivierter Artikel vom 26.02.2021, 10:25 Uhr

Friseure erzählen

Die schlimmsten Haarsünden nach dem Lockdown

Für Kunden und Friseure ist es eine Erlösung: Seit Montag haben die Salons nach ihrer Corona-Zwangspause wieder geöffnet. Auf den Köpfen gibt es nach zweieinhalb Monaten Wildwuchs und missglückten Selbstversuchen einiges zu richten.

Missratene Lockdownfrisur
Nicht jeder Selbstversuch mit der Schere ist ihren Kunden geglückt. Die Friseure hatten seit ihrer Öffnung schon einiges zu richten.
Foto: Thomas Frey/dpa

Berlin (dpa). Ob 80er-Jahre-Haarschnitt wider Willen oder streichholzlanger grauer Ansatz – in der ersten Arbeitswoche nach den wochenlangen Salonschließungen haben viele Friseure die eine oder andere haarige Überraschung erlebt. Mitte Dezember mussten sie wegen der Corona-Pandemie bundesweit zumachen, die Haare der Deutschen wuchsen und wuchsen.

Unter strengen Corona-Auflagen haben die Profis nun direkt alle Hände voll zu tun, denn so mancher hat in seiner Ungeduld selbst zu Schere, Rasierer oder Farbe gegriffen. Friseure berichten von den größten Lockdown-Haarsünden.

Vokuhila nach missglücktem Griff zur Schere

Dennis Creuzberg, der in Berlin zwei Friseursalons betreibt, staunte, als ein Kunde plötzlich mit markanter vorne-kurz-hinten-lang-Frisur, wie man sie aus den 80er-Jahren kennt, auf dem Frisierstuhl Platz nahm. „Der hat sich zuhause einen Vokuhila geschnitten, obwohl er den normalerweise nicht trägt. Er wollte sich die Ohren freischneiden, und jetzt ist aber auch der Nacken so extrem lang geworden, wo er sich nicht rangetraut hat“, sagt Creuzberg.

Der 42-Jährige konnte das Malheur aber schnell beheben: „Ich habe die ganzen Seiten und den Hinterkopf auf die gleiche kurze Länge gebracht und dann konnte ich oben wieder ein bisschen Spiel reinbringen. Daraus habe ich ihm jetzt eine schöne klassische Männer-Kurzhaarfrisur geschnitten.“

Auch der Hamburger Friseur Jörg Oppermann (50) hat in seinem Salon in den ersten Tagen nach der Wiederöffnung bereits viele Kunden verschönert. So mancher Schopf hatte das nach wochenlanger Frisier-Zwangspause auch dringend nötig: „Ich muss ehrlich zugeben, es sieht alles ein bisschen wild aus. Es sind wahnsinnig lange Längen und rausgewachsene Haare zu finden, und man muss von Grund auf alles neu aufarbeiten“, sagt Oppermann.

Aussehen bei Kunden teils stark verändert

Eine Kundin habe er sogar zunächst gar nicht wiedererkannt wegen der Maske und ihres stark nachgewachsenen ungefärbten Ansatzes: „Die Kombination aus Maske und plötzlich so extrem grauem Haar, das verändert sehr. Da schaut man dann in die Augen und denkt auf den ersten Blick, die Frau kenne ich nicht. Aber eigentlich ist sie Stammkundin seit zehn Jahren.“

Männer hätten teils selbst den Rasierer angesetzt und die Konturen ihrer Kurzhaarfrisur viel zu stark abrasiert, sodass eine harte Kante in der Frisur entstanden sei. „Das ist für einen klassischen Herrenhaarschnitt nicht sehr vorteilhaft. In den meisten Fällen kann man aber auch diese Haircuts wieder in eine perfekte Form bringen und wir freuen uns dann über die glücklichen Gesichter.“

Von Männern, die selbst Hand an ihrem Haar anlegten, berichtet auch Harald Esser, Kölner Salonbetreiber und Präsident des Zentralverbandes des Deutschen Friseurhandwerks. „Das klappt bei dem einen besser, beim anderen schlechter. Ich habe etwa jeden Tag einen Kopf gesehen, das war ein Desaster, was da passiert ist. Da ist die Maschine so ausgerutscht und da war überhaupt kein System mehr drin.“

Farb-Unfälle müssen behoben werden

Damit aber nicht genug: Einige Kunden hätten auch selbst versucht, ihre verblassenden Haarfarben aufzufrischen: „Auch Farben sind in die Hose gegangen. Die meisten Fehler passieren dann, wenn die Kunden anfangen, alleine zu blondieren, dann geht meistens der Schuss nach hinten los“, sagt Esser. Für die Friseure bedeute dies dann oft stundenlange Arbeit – die Freude der Kunden über die gerettete Frisur sei aber eine Entschädigung für die Mühen.

Der Berliner Salonbetreiber Creuzberg hat hingegen bislang keine wilden Farb-Experimente bei seinen Kunden gesehen – sie hätten eher auf auswaschbare Sprühfarbe gesetzt als aufs Selberfärben. „Zum Glück, weil das ist nämlich ein riesengroßes Problem für uns, wenn die Leute sich zuhause die Haare färben. Das kriegt man ja kaum wieder in die richtige Bahn gelenkt“, warnt der Friseur. Auch Oppermann sagt, ihm seien nur vereinzelte Frisier-Experimente aufgefallen: „Nach dem ersten Lockdown gab es mutigere Selbstversuche, aber ich glaube aus der Erfahrung hat man einfach gelernt.“

Mancher Selbstversuch erfordert zwei Friseurtermine

Kann der erste Friseurbesuch alle Haarsünden beheben? Mit ein bisschen Flexibilität des Kunden lasse sich ein haariges Missgeschick gut ausgleichen, sagt der Hamburger Friseur Oppermann: „Retten kann man das meiste.“ Auf jeden Fall könne der Einsatz eines Profis eine Menge Mut machen, betont auch Creuzberg: „Wenn man ganz katastrophal auf dem Kopf aussieht, ist jede Art von Verbesserung eine Riesenhilfe für Kunden.“ Wenn die Selbstversuche allerdings so richtig schiefgelaufen seien, brauche man vielleicht auch manchmal Geduld bis zum zweiten Termin.

Allen Menschen, die erst in Wochen einen Termin bekommen haben, raten die Friseure: Durchhalten und nicht in letzter Minute selbst Hand anlegen! Ein Anruf beim Friseur des Vertrauens könne helfen – manchmal werde ganz spontan ein Termin frei. Und auch sonst könne der Profi telefonisch Tipps geben, wie sich die Corona-Mähne bis zum langersehnten Friseurbesuch am besten bändigen lasse – zum Beispiel durch Zöpfe, Tücher oder Mützen.

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