Archivierter Artikel vom 08.07.2020, 05:10 Uhr

Knallharte Kopfsache

So funktioniert das Indoor-Surfen

Surfen in der Halle. kann das gehen? Und können blutige Anfänger so vielleicht sogar Surfen lernen? Die Antwort auf beide Fragen lautet: Ja, vielleicht, zumindest ein wenig.

Lesezeit: 4 Minuten
Langsam eingewöhnen
Anfänger surfen im Berliner Wellenwerk zunächst mit Haltestange.
Foto: Florian Schuh/dpa-tmn

Berlin (dpa/tmn). „Stütz dich auf die Welle, nicht auf mich“, sagt die Trainerin. „Vertrau deinem Körper.“ Denn ohne Körpergefühl und Selbstvertrauen geht es nicht – beim Wellenreiten generell und auf der stehenden Welle im Berliner Wellenwerk schon gar nicht.

Einer nach dem anderen
Fortgeschrittene Surfer bei einer sogenannten Session im Berliner Wellenwerk.
Foto: Florian Schuh/dpa-tmn

Die erste Indoor-Surfanlage der Stadt – und eine der ersten ihrer Art in Deutschland – verspricht Surf-Feeling wie an den Stränden von Bali oder Sylt. Nur halt unter dem Dach einer Halle. „Uns gab es in Berlin einfach zu wenig Wassersportmöglichkeiten“, sagt Julius Niehus, einer der sieben Gründer des Wellenwerks.

So geht es richtig
Surfer Louis auf der sogenannten stehenden Welle im Berliner Wellenwerk.
Foto: Florian Schuh/dpa-tmn

Zurückgeworfen durch die Corona-Krise

Indoor-Surfen
Erfahrene Surfer wie Matthias können auf der stehenden Welle im Berliner Wellenwerk halsbrecherische Manöver fahren.
Foto: Florian Schuh/dpa-tmn

Den Anfang machte die Halle mit Wasserbecken und der etwa neun Meter breiten Welle, das Drumherum entsteht gerade – Gastronomie, ein Biergarten, ein Surfshop. Die Schließung in der Corona-Krise hat die Planung etwas zurückgeworfen, inzwischen hat das Wellenwerk aber wieder geöffnet, mit Mindestabständen und Masken-Regelungen.

Abgetaucht
Für Anfänger gibt es im Berliner Wellenwerk nur einen Weg raus aus dem Becken – durch die Welle.
Foto: Florian Schuh/dpa-tmn

Der Plan von Niehus und seinen Mitstreitern hat sich nicht verändert: Surfen nach Berlin bringen, so grün wie möglich, Ökostrom und Recycling-Baumaterial inklusive.

Knallharte Kopfsache
Redakteur Tobias Hanraths beim Surfversuch im Berliner Wellenwerk – hier noch mit anfängerfreundlicher Haltestange.
Foto: Florian Schuh/dpa-tmn

Als Konkurrenz zum „richtigen“ Surfen sieht Niehus das Surfen im Wellenwerk aber nicht, eher als separate Disziplin – mit Überschneidungen natürlich. „Was bei uns wegfällt, ist die Wellenauswahl, das Anpaddeln, das Durchtauchen unter der Welle – dafür lernt man hier, gut und sicher auf dem Brett zu stehen.“ Im Idealfall erspart das vor allem Anfängern Frust, wenn sie im Urlaub das erste Mal im Meer surfen.

Mit Hilfestellung
Redakteur Tobias Hanraths im Berliner Wellenwerk, beim ersten Stehversuch auf dem Surfbrett.
Foto: Florian Schuh/dpa-tmn

Einsteigerkurs in halsbrecherischem Tempo

Indoor-Surfen
Surfer Martin im Berliner Wellenwerk: Die Anlage in Berlin soll echtes Surf-Feeling bieten, ganz ohne Strand und Meer.
Foto: Florian Schuh/dpa-tmn

Doch diese Art des Schnupper-Surfens bedeutet: Langsam heranpaddeln ist nicht, es geht gleich los, auf einer nicht gerade kleinen Welle. Und so entpuppt sich Surfen schnell als klassischer Vertreter der Gattung „Sieht entspannt aus, ist aber höllisch schwer.“

Was auch am halsbrecherischen Tempo der Anfänger-Surfsession liegen mag: In 60 Minuten – alternativ gibt es Drei-Stunden-Kurse für Einsteiger – soll man hier das erste Mal ohne Haltestange auf dem Brett stehen.

Das geht zu Beginn noch ganz gut, immerhin gibt es die Stange zum Festklammern. Die Kraft der stehenden Welle ist da aber schon ganz gut zu spüren. Und die Tücken des Indoor-Surfens für Anfänger werden schnell klar: Während die Profis am Ende ihrer wilden Manöver elegant-entspannt an den Beckenrand lenken, gibt es für Neulinge nur einen Weg hier raus – durch die Welle. Und das bedeutet: Arme vor den Kopf, fallen und dann rausspülen lassen.

Viel Zeit im Wasser – und manches Erfolgserlebnis

Um das zu üben, gibt es reichlich Gelegenheit: Spätestens als die Haltestange das Becken verlässt, verbringt so mancher Teilnehmer mehr Zeit unter als im Wasser, allen voran der Autor dieser Zeilen.

„Surfen ist eine enorme Anstrengung, die aber auch belohnt wird, mit einem Flow-Erlebnis ähnlich wie dem Runner’s High“, sagt Sabine Kind, Dozentin an der Deutschen Hochschule für Prävention und Gesundheitsmanagement und selbst begeisterte Surferin.

Surfen steht einerseits für ein besonderes Lebensgefühl, ist aber eben auch Sport. Knallharter Sport sogar, dem anhaltenden Muskelkater am Abend der Anfänger-Session nach zu urteilen. Ohne eine gewisse Grund-Fitness geht es nicht.

Jeder Muskel wird gebraucht

Umgekehrt kann Surfen super-sportlich machen. „Surfen beansprucht als Sport den ganzen Körper – Bauch und Rücken, die Rumpfmuskulatur also, die Beine sind ganz wichtig, aber auch die Arme, beim Anpaddeln vor allem.“

Wer sich auf den Surfkurs im Urlaub oder auf die Schnupperstunde in der Halle vorbereiten will, der macht mit fast keiner Sportart etwas falsch: Kraft- oder Ausdauertraining können etwa ebenso sinnvoll sein wie Yoga und Pilates, sagt Kind.

Gleichzeitig ist Surfen Kopfsache – was dem Autor spätestens bei diesem Satz klar wird: „Und jetzt die Stange loslassen“, ruft die Trainerin. „Vertrau deinem Körper.“ Das ist nicht nur physisch schwer, sondern kostet echte psychische Überwindung – ein Eindruck, den Sabine Kind bestätigt. „Gerade zu Beginn geht es da sehr ums Durchhalten, ums immer wieder Aufstehen“, sagt sie. „Für viele bedeutet das schon einen Schritt aus der Komfortzone.“ Und in die Welle.

© dpa-infocom, dpa:200707-99-706810/4