Archivierter Artikel vom 27.02.2020, 12:05 Uhr

Medizin-Studium

Was bringt eine Landarztquote bei der Studienplatzvergabe?

Weiß ein Studienanfänger, was und wo er zwölf Jahre später arbeiten will? Bei der Landarztquote wird dies vorausgesetzt. Für Kritiker ist das einer der Knackpunkte der Regelung, die in vielen Bundesländern kommen soll.

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Landarzt im Einsatz
Ärzteverbände haben erhebliche Bedenken, ob eine Landarztquote im Kampf gegen den Medizinermangel helfen kann.
Foto: Armin Weigel/dpa

Wiesbaden (dpa). Wenn auf dem Land eine Hausarztpraxis schließt, kann das für die Patienten gravierende Folgen haben. Denn oft gibt es keinen Allgemeinmediziner in der Nähe. Das Problem wird sich aller Voraussicht nach die kommenden Jahre verschärfen.

Um der Entwicklung gegenzusteuern, hat Nordrhein-Westfalen zum Wintersemester 2019/20 eine Landarztquote eingeführt. In Bayern soll es nächstes Wintersemester losgehen, unter anderem Sachsen, Baden-Württemberg, Hessen und Niedersachsen planen eine solche Regelung.

Numerus clausus entfällt

Bei der Landarztquote wird ein bestimmter Prozentsatz der Medizin-Studienplätze in einem Bundesland für Bewerber reserviert, die sich verpflichten, nach dem Abschluss für eine bestimmte Zeit in einer Gegend mit Hausärztemangel zu praktizieren. Für diese Studenten gilt etwa der strenge Numerus clausus nicht. Hält sich der Berufseinsteiger später nicht an die Vereinbarung, drohen saftige Vertragsstrafen.

Laut Hochrechnungen gehen rund 60 Prozent der Hausärzte bis 2030 in den Ruhestand – in den Städten, aber eben auch auf dem Land. Die Suche nach einem Nachfolger ist oft schwierig. Die Freie Ärzteschaft schlug vor kurzem Alarm: In den Praxisbörsen der Kassenärztlichen Vereinigung kämen – über alle Fachrichtungen hinweg – auf einen Interessenten teils vier abzugebende Praxen.

Kann eine Landarztquote helfen? Das sieht der Vorsitzende der Freien Ärzteschaft, Wieland Dietrich, kritisch. „Es ist die große Frage, wie viele Absolventen später wirklich in den Haus- und Landarztpraxen ankommen“, gab er zu Bedenken. Die jungen Leute müssten teils direkt nach dem Abitur eine Entscheidung treffen, wie sie in rund zwölf Jahren leben werden – denn so lange dauert das Medizinstudium plus die Facharztausbildung zum Allgemeinmediziner in der Regel.

Ärztliche Berufsausübung wird eingeschränkt

Nach der Einschätzung von Dietrich, der in Essen als Hautarzt praktiziert, werden angehende Ärzte vor allem von der überbordenden Bürokratie und unzureichenden Honoraren für die Patientenbehandlung abgeschreckt. „Es gibt jede Menge Regulierungen, die vielen Ärzten den Spaß am Beruf nimmt“, sagte er. Das führe auch dazu, dass Kollegen früher in den Ruhestand gingen. „Viele Ärzte fühlen sich drangsaliert und bevormundet.“

Die Medizinstudierenden im Hartmannbund halten die Landarztquote für unvereinbar mit der Freiheit der ärztlichen Berufsausübung. Sie berge die Gefahr, dass Ärzte ausgebildet werden, die sich nicht mit ihrer Tätigkeit identifizieren, heißt es in einem Positionspapier. „Zudem widerspricht die Vertragsstrafe der Bildungsgerechtigkeit“, argumentiert der Interessensverband.

Der Gesetzgeber könne nicht ausschließen, dass sich reiche Studierende über die Landarztquote einen Studienplatz kauften, indem sie einkalkulierten, die Vertragsstrafe am Ende zu zahlen. „Diese Möglichkeit ist weniger wohlhabenden Studierenden nicht gegeben.“

Kampf gegen den Ärztemangel

Der Deutsche Hausärzteverband begrüßt alle Initiativen, die dem Ärztemangel entgegenwirken. „Die Landarztquote ist zumindest ein Schritt in die richtige Richtung und kann verbunden mit anderen Maßnahmen dazu beitragen, die Situation der hausärztlichen Versorgung langfristig zu stärken“, erklärte der Bundesvorsitzende Ulrich Weigeldt.

Es sei besonders zu begrüßen, wenn – wie in NRW – die Auswahl der geeigneten Kandidaten durch erfahrene Hausärzte erfolge. Das Interesse an den dortigen Medizinstudienplätzen war ein Jahr nach der Einführung bereits sprunghaft gestiegen. Bei den Bewerbungen zum Sommersemester 2020 kamen auf jeden der 25 noch verfügbaren Plätze 16 Anträge. In Bayern lief die Vergabe der ersten Plätze eher schleppend an und nahm erst kurz vor Ende der Bewerbungsfrist rasant zu.

„Vorrangiges Ziel bleibt es, deutlich mehr Fachärzte für Allgemeinmedizin auszubilden“, erklärte Hausärzteverbandschef Weigeldt. Im Studium sollten „junge Menschen frühzeitig in Kontakt mit dem spannenden Hausarztberuf“ kommen. Der Hartmannbund plädiert dafür, bei Studierenden gezielt für Praktika auf dem Land zu werben, damit sie „die Vorteile des Landlebens“ kennenlernen können.

Run auf Studienplätze für Landärzte in Bayern

Kurz vor Ende der Bewerbungsfrist für die neue Landarztquote in Bayern trudeln immer mehr Schreiben von Kandidaten ein. War das Interesse anfangs gering, hat es inzwischen rasant zugenommen: Lagen bis Mitte Februar lediglich rund 60 Bewerbungen vor, verzehnfachte sich die Zahl in den folgenden anderthalb Wochen. Nach jüngsten Zahlen des Gesundheitsministeriums in München sind es inzwischen mehr als 640.

Bis zu 5,8 Prozent aller Medizinstudienplätze in Bayern sollen für Studenten reserviert werden, die später mindestens zehn Jahre lang als Hausarzt in einer Region arbeiten, die medizinisch unterversorgt oder von Unterversorgung bedroht ist. Das sind jährlich rund 110 Plätze. Das Auswahlverfahren ist in zwei Stufen geteilt: Zunächst geht es unter anderem um einen fachspezifischen Eignungstest und eine Berufsausbildung im Gesundheitswesen. Im zweiten Schritt im Mai werden Auswahlgespräche geführt. Die ausgewählten Kandidaten sollen ihr Studium im Wintersemester an allen medizinischen Fakultäten in Bayern beginnen. Die Bewerbungsfrist endet am 28. Februar.

Hartmannbund zu Landarztquote