Späte Entscheidung

Mit 30 in die Ausbildung: Was ist anders?

Der Durchschnittsauszubildende ist knapp 20 Jahre alt. Die Zahl derer, die sich erst deutlich später für eine Lehre entscheiden, steigt aber. Wie ist das – als Mittdreißiger unter Schulabsolventen?

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Ältere Auszubildende
Man muss es wollen: Wer mit über 30 noch in eine Ausbildung startet, sollte von seinen Zielen wirklich überzeugt sein.
Foto: Christin Klose/dpa-tmn

Berlin (dpa/tmn). Mit 37 Jahren geht Christoph Szostak wieder zur Schule, manche seiner Klassenkameraden sind knapp halb so alt wie er. „Die Vorstellung, wieder lernen zu müssen, war für mich ein absoluter Alptraum“, gesteht der Berliner.

Dr. Kirsten Kielbassa-Schnepp
Dr. Kirsten Kielbassa-Schnepp ist beim Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) zuständig für die Themen Berufsorientierung und Nachwuchsförderung.
Foto: ZDH/dpa-tmn

Er nahm die Herausforderung dennoch an: Vor knapp zwei Jahren hat er sich zu einer Ausbildung als Fachinformatiker für Systemintegration entschieden.

Lotta Conrads
Lotta Conrads ist Projektleiterin von Switch 2.0 in Aachen.
Foto: Stadt Aachen/dpa-tmn

Szostak war nach zwei abgebrochenen Lehren mehrere Jahre arbeitslos. „Für die Familie sorgen zu können“, war einer der Gründe, mit Unterstützung des Jobcenters einen dritten Anlauf zu versuchen. Auf ein Motivationstraining folgte ein Praktikum bei einer IT-Firma, die ihn gleich übernahm. „Aber mein Chef legte mir nahe, zusätzlich noch die Ausbildung zu machen“, erzählt er.

Kundenkontakt
Ältere Auszubildende treten oft selbstbewusster auf: Betriebe setzen sie daher gerne für Aufgaben mit Kundenkontakt ein.
Foto: Candy Welz/dpa-tmn

Das gab schließlich den Ausschlag. Die Ausbildung zum Fachinformatiker absolviert Szostak nun in Form einer Umschulung, sie wurde von drei auf zwei Jahre verkürzt. „Die Motivation ist jetzt ganz anders als mit 20“, sagt er.

Azubis jenseits der 30 sind in der Minderheit

Knapp 20 Jahre ist der Durchschnittsazubi in Deutschland alt, Lehrlinge jenseits der 30 sind in der Minderheit. Doch der Trendpfeil geht nach oben.

Die Gründe, eher spät eine Ausbildung zu starten, seien vielfältig, sagt Aneta Schikora von der Bundesagentur für Arbeit: „Möglicherweise mussten manche früher eine Familie ernähren, wurden durch einen Unfall oder eine längere Krankheit aus der Bahn geworfen oder sehen für sich keine Perspektiven mehr in ihrem alten Beruf.“

Wie gut die Chancen der älteren Bewerber im Vergleich mit jüngeren Konkurrenten sind, lasse sich nicht pauschal beantworten. Zu unterschiedlich seien die jeweiligen Voraussetzungen.

Fachkräftemangel eröffnet Chancen

Durch den Mangel an Fachkräften steige aber in den Betrieben die Bereitschaft, Kandidaten einzustellen, die sich erst vergleichsweise spät, möglicherweise nach einigen beruflichen Umwegen, für eine Ausbildung entscheiden, beobachtet Kirsten Kielbassa-Schnepp. Sie ist beim Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) für Berufsorientierung und Nachwuchsförderung zuständig.

Sie rät Bewerbern, „offensiv darzulegen, warum sie sich so spät für eine Ausbildung entscheiden“. Im Handwerk mit seinen oft eher kleinen Betrieben „ist es erfolgversprechend, gleich den persönlichen Kontakt zu suchen“ – also den Chef direkt anzusprechen, und ein Praktikum zu vereinbaren, um sich gegenseitig kennenzulernen.

Eine heterogene Gruppe von Auszubildenden, vom 16-Jährigen bis zum Mittdreißiger, stelle für ein Unternehmen aber durchaus eine Herausforderung dar, sagt Kielbassa-Schnepp. Für viele bedeute vor allem die Tatsache, wieder lernen zu müssen, eine Umstellung. „Auf der anderen Seite bringen sie mehr persönliche Reife mit, das erleichtert es ihnen, Probleme zu lösen.“

In technischen Berufen sind qualifizierte Kräfte genauso dringend gesucht wie in der Pflege und in der Kinderbetreuung. „Deshalb ist dort die Wahrscheinlichkeit, einen Ausbildungsplatz zu finden, sicherlich größer als beispielsweise in kaufmännischen Berufen“, sagt Aneta Schikora von der Arbeitsagentur.

Das Alter als Hürde bei Einstiegspositionen

Denn etwas höher seien die Hürden für Bewerber über 30 dann doch: „Aus Sicht mancher Arbeitgeber sind sie zu alt für Einstiegspositionen. Möglicherweise wird auch befürchtet, dass sie sich aufgrund ihrer Lebenserfahrung nicht mehr so prägen lassen wie ein Jugendlicher.“

Dennoch spreche vieles dafür, den Sprung zu wagen: „Wer mit 30 Jahren eine Berufsausbildung beginnt, hat nach einem erfolgreichen Abschluss noch immer 30 Jahre Erwerbstätigkeit vor sich“, sagt Schikora – und sei deutlich besser vor Arbeitslosigkeit geschützt als ungelernte Arbeitskräfte.

Förderung für Erwachsene bis 35

Besonders gefördert werden deshalb junge Erwachsene zwischen 25 und 35 Jahren, die noch keinen qualifizierten Abschluss haben. „Zukunftsstarter“ heißt ein Projekt der Arbeitsagentur, das sich an Arbeitslose und Beschäftigte zwischen 25 und 35 Jahren ohne Berufsabschluss richtet. Sie werden – bei Bedarf – bei einer Aus- oder Weiterbildung unterstützt, die einen Berufsabschluss zum Ziel hat. Sie bekommen etwa Zuschüssen zu Lehrgangs-, Fahrt- oder Kinderbetreuungskosten oder auch Nachhilfeunterricht.

Daneben gibt es weitere Fördertöpfe, um die Ausbildungsvergütung aufzustocken, beispielsweise die Berufsausbildungsbeihilfe für betriebliche Erstausbildungen oder Schüler-Bafög.

Initiative Zukunftsstarter der Bundesagentur für Arbeit

Datenreport 2019 des BIBB