Archivierter Artikel vom 30.09.2021, 16:07 Uhr

Teilelektrischer Wandergeselle – Test: Jeep Wrangler Rubicon 4xe

Ein Geländewagen mit E-Antrieb? Kann das gut gehen? Den Verbrenner an Bord würden wir sogar noch weglassen. Jedenfalls da, wo der Spaß mit dem Auto anfängt.

SP-X/Köln. Im August zählte das Kraftfahrtbundesamt bei den Neuzulassungen exakt 52.604 SUV und 18.736 Geländewagen. Zusammen machten beide Segmente damit mehr als ein Drittel aller neuen Fahrzeuge aus. Wie man beides voneinander unterscheidet, ist aus der Statistik nicht klar ersichtlich, führt doch etwa der VW Tiguan als fast perfekter Vertreter eines kompakten SUV die Riege der Geländewagen an. Richtig echte Geländewagen von altem Schrot und Korn gibt es hingegen kaum noch. Neben der Mercedes G-Klasse, dem Toyota Land Cruiser und dem Land Rover Defender trägt eigentlich nur der Jeep Wrangler diese Bezeichnung zu Recht. Just der kommt uns nun als halbes E-Auto unter, was uns zunächst doch ein wenig skeptisch macht.

Zu Unrecht. Im Grunde genommen ist der E-Antrieb sogar der perfekte Begleiter wenn es darum geht, abseits befestigter Pisten unterwegs zu sein, bietet er doch jede Menge Drehmoment kombiniert mit der logischen Abwesenheit lauter Verbrennungsgeräusche. Der Jeep Wrangler Rubicon 4xe, der uns für einen Test zur Verfügung stand, ist zunächst einmal ein ganz klassischer Markenvertreter. Robust, hoch, abwaschbar auch innen – ein kerniger Geselle für alle Lebenslagen, solange sie nicht in urbane Gefilde oder auf die Autobahn führen.

Im Falle des 4xe ergänzen zwei E-Motoren die immerhin 200 kW/272 PS des Zweiliter-Benziners zu einer Gesamtleistung von 280 kW/380 PS. Das ist einerseits üppig, andererseits wollen rund 2,3 Tonnen auch erstmal in Bewegung versetzt werden. Das geht mit dieser Leistung natürlich zügig. 6,4 Sekunden gibt Jeep für den Sprint auf 100 km/h aus dem Stand an, aber nur 177 km/h in der Spitze. Wir haben beides nicht ausprobiert, weil es nicht zum Wrangler passt. Wer meint, grobstollige Geländereifen für Vollgassprints nutzen zu müssen, sollte sein Fahrverhalten ernsthaft überdenken.

Der 4xe gehört zur Riege der Plug-in-Hybride. Wenn man die 17,3 kWh-Batterie an der Steckdose in etwa drei Stunden geladen hat, kann man maximal 50 Kilometer rein elektrisch fahren. Praktisch waren es bei sommerlichen Bedingungen eher 40, aber das ist im Alltag durchaus ausreichend. Im reinen Benzinbetrieb notierten wir Verbrauchswerte um 8 Liter, was angesichts der Größe des Fahrzeugs in Ordnung geht.

Im Automatikmodus greift der Vierzylinder immer wieder dezent ins Geschehen ein und lädt notfalls die Batterie auch nach. Das ist natürlich ökologisch nur bedingt sinnvoll. Wer mit dem Jeep also irgendwo hin will, wo man nur elektrisch fahren darf oder soll, spart besser per Knopfdruck den Stromvorrat genau dafür auf.

Jeep hat die elektrischen Bedienkomponenten in typischer Markenmanier gut zugänglich, robust und abwaschbar im Cockpit untergebracht. Die Wahl klappt einfach und intuitiv. Anders als andere, sagen wir mal modernere Autos mit E-Antrieb, hört man beim Wrangler noch recht deutlich, wenn die E-Motoren alleine ihrer Arbeit nachgehen. Das klingt dann schon ein wenig nach Straßenbahn, wenn man auf einer ebenen Straße unterwegs ist. Dafür braucht man aber keinen Jeep, weshalb wir uns kurzentschlossen von der Straße entfernten und eine steile Schotterpiste Richtung Wald anpeilten. Natürlich entlocken normale bundesdeutsche Waldwege einem Jeep höchsten ein müdes Gähnen, wenn es um das reine Durchkommen geht, selbst wenn sie ziemlich ausgewaschen und voll tiefer Schlaglöcher sind. Auch tiefe Pfützen und morastiger Boden sind nichts, was Auto oder Fahrer aus der Ruhe bringen könnte. Wobei Ruhe das richtige Stichwort ist.

Wir konnten schon häufiger mit Geländewagen und SUVs, die sich dafür halten unseren „Hausberg“ befahren, nur mit E-Antrieb bislang allerdings nicht. Der Wrangler macht es möglich und überzeugt sofort. Statt laut polternd durch den Wald zu bollern und Mountainbiker oder Wildschweine zu erschrecken, schlichen wir so leise auf den Wegen durchs Grün, das nicht mal die üblichen Spaziergänger etwas zu meckern hatten. Nimmt man vorher mit ein paar Handgriffen noch die Dachschalen heraus und verwandelt so den Jeep in einer Art Targa-Cabrio, ist man der Natur so nahe wie man ihr auf Rädern nur kommen kann, ohne sie allzu sehr zu stören. Sehr schön. Fast wie wandern. Das darf man in Deutschland so natürlich nicht ohne weiteres, aber es gibt jede Menge Menschen, die von Berufswegen immer wieder in den Wald müssen und genau dafür scheint uns der Wrangler als Teilzeitelektriker perfekt. Noch perfekter wäre er übrigens als Vollstromer. Diese Version ist aber erst in Arbeit.

Abseits der Eignung als vierrädriger Wandergeselle ist der Wrangler was er immer schon war: ein automobiles Urgestein. Kein günstiges übrigens. Mit Preisen ab 71.000 Euro ist der Ami nichts für Schnäppchenjäger. Die Preisliste hält noch ein paar Kleinigkeiten zum Ankreuzen bereit. Ledersitze für knapp 2.000 Euro beispielsweise oder eine Frontkamera für 490 Euro. Anders als in Premium-SUVs deutscher Herkunft muss man die Hardcore-Geländetechnik nicht dazubuchen. Dafür gibt es ein sogenanntes Überlandpaket mit besserer Geräuschdämmung und Sitzheizung extra. Wie gesagt, diesen Jeep kauft man nicht, um damit nur auf normalen Straßen zu fahren.

Jeep Wrangler Rubicon 4xe – Technische Daten:

Fünftüriger, fünfsitziger Geländewagen, Länge: 4,88 Meter, Breite (exklusive Außenspiegel): 1,89 Meter, Höhe: 1,83 Meter, Radstand: 3,01 Meter, Kofferraumvolumen: 533 – 1.059 Liter

2,0-Liter-Vierzylinder-Benziner, 200 kW/272 PS, zwei Elektromotoren (46/63 PS bzw.107 kW/146 PS), Systemleistung: 280 kW/380 PS, Drehmoment: 637 Nm bei 3.000 U/min, Batteriekapazität: 17,3 kW/h, elektrische Reichweite: 44 bzw. 53 km (Stadt), Allradantrieb, 8-Gang-Automatik, 0-100 km/h: 6,4 s, Vmax: 177 km/h, Normverbrauch (WLTP): 3,5 Liter/100 Kilometer, CO2-Ausstoß: 79 g/km, Effizienzklasse A+

Preis: ab. 71.000 Euro

Kurzcharakteristik:

Warum: weil elektrisches Wandern Spaß machen kann

Warum nicht: weil man keinen dazu passenden Beruf hat

Was sonst: Land Rover Defender Hybrid

Günter Weigel/SP-X