Archivierter Artikel vom 27.05.2020, 04:25 Uhr

Praxis-Check

So fährt sich der echte VW Bulli als Stromer

Die Karosserie von gestern, der Motor von morgen: Weil die elektrische Neuauflage des Bulli noch auf sich warten lässt, gibt es jetzt das Original mit Akku-Antrieb. Welchen Endruck erzeugt der neue Alte beim Fahren?

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VW e-Bulli
Wer seinen VW Bulli umrüsten lässt, kann das nostalgische Fahrgefühl mit einer elektronischen Antriebstechnik verbinden.
Foto: Volkswagen AG/dpa-mag

Berlin (dpa-infocom) – VW sorgt für ein bisschen Durcheinander auf den Zeitstrahl. Denn um die Neugier auf den erst für 2022 avisierten ID Buzz mit moderner Elektrotechnik und neu interpretiertem Retro-Design zu schüren, gibt es jetzt den originalen Bulli mit Batterien statt Benzintank.

VW e-Bulli
Der Elektromotor des Bullis stammt aus dem VW e-Up und ist 61 kW/81 PS stark. Die Akkus verfügen über Kapazität von 45 kWh.
Foto: Volkswagen AG/dpa-mag

Elektrifizierung, die ins Geld geht

VW e-Bulli
Zwar zeigt der Tacho jetzt Reichweite und Ladestand an, doch sein Design fügt sich dem Innenleben des Originals.
Foto: Volkswagen AG/dpa-mag

70 Jahre nach dem Debüt des legendären T1 haben sich die Niedersachsen mit dem Umrüster eClassics zusammen getan und bieten den Transporter nun als e-Bulli an. Wie alle E-Autos ist auch der verstromte T1 allerdings ein teures Vergnügen. Allein der auf vier bis sechs Wochen veranschlagte Umbau schlägt mit 64.900 Euro zu Buche. Und das Basisfahrzeug muss der Kunde mitbringen oder zusätzlich zur Beschaffung in Auftrag geben. Je nach Variante, Zustand und womöglich Restaurierungsaufwand kommt da bisweilen auch noch einmal ein sechsstelliger Betrag zusammen. Allerdings bietet eClassic die Umrüstung auch für die Nachfolger T2 und T3 an. Weil die billiger zu haben sind und der Umbau weniger aufwändig ist, sinken die Preise so deutlich.

VW e-Bulli
Außer dem Retro-Tacho, dem Tablet-Computer am Dachhimmel und dem Automatikwählhebel bleibt im e-Bulli alles beim Alten.
Foto: Volkswagen AG/dpa-mag

Während das Auto selbst mehr als ein halbes Jahrhundert alt ist, stammt die Technik von heute. Denn für den Umbau hat eClassics in das Teileregal des VW e-Up gegriffen: Wo bislang ein 1,5 Liter großer Boxermotor brummte, summt nun eine e-Maschine, die wie beim Original über eine Eingangautomatik die Hinterachse antreibt. Ihren Strom saugt sie aus Akkus mit einer Kapazität von 45 kWh. Das reicht in der Theorie für 200 Kilometer und in der Praxis für mehr, als man sich und dem Auto an einem Tag zumuten möchte.

VW e-Bulli
Vom Charme des Samba-Busses büßt auch ein umgerüsteter T1 nur wenig ein.
Foto: Volkswagen AG/dpa-mag

Ins Zeitalter der Beschleunigung

VW e-Bulli
Mit seinen zahlreichen Fenstern bietet der e-Bulli einen unvergessenen Anblick.
Foto: Volkswagen AG/dpa-mag

Weil der Motor mit 61 kW/81 PS fast doppelt so stark ist wie früher und sich auch das maximale Drehmoment ungefähr verdoppelt, fallen die schweren Batteriezellen nicht ins Gewicht. Sondern flotter als jeder Oldtimer schnurrt der e-Bulli von der Ampel weg, und statt sich mühsam mit einem antiquierten Getriebe plagen zu müssen, beschleunigt der Fahrer einfach immer weiter. Erst bei 130 Sachen zieht die Elektronik die Reißleine. Im Original war spätestens bei 105 km/h Schluss – und selbst die waren erst nach einer gefühlten Ewigkeit erreicht.

Zwar hat der Bulli mit dem Elektroantrieb einige Vorteile: So schwimmt man im Verkehr mit ohne alle anderen auszubremsen, für Reparaturen bringt man das Liebhaberauto in die VW-Werkstatt anstatt zum Oldtimer-Fachmann, und ohne inkontinente Verbrenner oder korrodierte Leitungen gibt es auch keine Ölflecken mehr auf dem Garagenboden. Doch die Sinnestäuschung gelingt nicht ganz: Das Summen kann kein Benziner-Brummen ersetzen, und es fehlen die Vibrationen, die der Boxer früher durchs Blech gejagt hat. Eine Fahrt im Bulli ist deshalb ein bisschen so, wie die befremdliche Neuverfilmung eines Schwarz-Weiß-Klassikers oder wie das Original ohne Ton.

Innen wird’s digital

Auch im Innenraum kommt das Zeitgefühl gehörig durcheinander: Während das Cockpit schlicht ist wie einst und lediglich eine digitale Anzeige im solitären Retro-Tacho über Reichweite und Ladestand informiert, prangt am Dachhimmel ein kleiner Tablet-Computer. Zudem gibt es zwischen den Sitzen statt des spindeldürren Schaltstocks einen Automatikwählhebel, der ebenfalls aus dem modernen Organspender stammt.

Weil aber das moderne Zubehör stilvoll integriert ist, bleibt der Charme des Samba-Busses erhalten. Selbst der Weg an die Ladesäule hält einen Schmunzelmoment bereit: Denn bevor man den Bulli an der Steckdose parkt und ihn dank 50 kW-Technik im besten Fall in 40 Minuten zu 80 Prozent auffüllt, muss man erst das Kabel finden – geschickt versteckt in einem alten Picknick-Korb.

Fazit: Gute Laune mit guten Gewissen

Wie viele Oldtimer ist auch der Bulli ein wahrer Stimmungsaufheller. Seine vielen Fenster sorgen nicht nur bei den Insassen für gute Laune, sondern rufen auch bei vielen Passanten frohe Erinnerungen wach. Erleichtert wird zudem das Klima-Gewissen. Denn anders als das Original ist der e-Bulli nun mit einem emissionslosen Antrieb unterwegs. Dafür büßt er allerdings den unnachahmlichen Boxer-Sound ein.

Datenblatt: VW e-Bulli

Motor und AntriebElekrtomotor
Hubraum:k.A.
Max. Leistung:61 kW/83 PS
Max. Drehmoment:212 Nm
Antrieb:Heckantrieb
Getriebe:Eingangautomatik
Maße und Gewichte
Länge:4280 mm
Breite:1750 mm
Höhe:1920 mm
Radstand:2400 mm
Leergewicht:k.A.
Zuladung:k.A.
Kofferraumvolumen:k.A.
Fahrdaten:
Höchstgeschwindigkeit:130 km/h
Beschleunigung 0-100 km/h:k.A.
Batteriekapazität:45 kWh
Reichweite:200 km
CO2-Emission:0 g/km
Kraftstoff:Strom
Kosten:
Umbau-Preis:64.900 Euro

© dpa-infocom, dpa:200525-99-182194/5