Archivierter Artikel vom 18.04.2019, 16:07 Uhr

Etwas fehlt zur Perfektion – Test: Volvo V60 T6 AWD

Man kann es wahlweise als erfreuliche Portfolio-Erweiterung oder als Unsitte betrachten, dass immer mehr Hersteller selbst für Familienautos unbedingt eine besonders sportliche Version anbieten müssen. Bei Volvo trifft also R-Design auf den V60. Passt das?

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Der V60 R-Design unterscheidet sich vor allem optisch und durch die Ausstattung von den herkömmlichen Varianten
Der V60 R-Design unterscheidet sich vor allem optisch und durch die Ausstattung von den herkömmlichen Varianten

Sieht man von der tiefergelegten Karosserie ab, unterscheidet sich eine R-Design-Variante bei den fahrdynamischen Aspekt
Sieht man von der tiefergelegten Karosserie ab, unterscheidet sich eine R-Design-Variante bei den fahrdynamischen Aspekten nicht von den übrigen V60-Versionen

SP-X/Köln. An was denkt man, wenn man an Schweden denkt? Vielleicht an lange Tage (im Sommer), an den modernen Sozialstaat (was fraglich ist) oder doch an fröhliche Familien, fahrend in einem Kombi der einzigen verbliebenen heimischen Automarke (mit chinesischem Besitzer)? Warum nicht, schließlich sehen wir ja das Nordland von hier aus häufig durch eine ziemlich unreflektiert-rosarot gefärbte Brille. Wobei das mit dem Auto ja gar nicht so falsch ist. Wenn man einen typischen Volvo zeichnen ließe, würde wohl kaum ein SUV-Dickschiff á la X90 herauskommen und auch keine konventionelle Limousine wie etwa ein S90. Nein, der Volvo schlechthin und der automobile Traum gestresster Familienfahrer (ja, ja und natürlich auch der Fahrerinnen) ist wohl ein großer, aber auch nicht riesiger Kombi: Voila, also der Volvo V60. Und falls es trotz Familie noch eine Prise jugendliches Übermuts sein darf, peppt man seinen Kombinationskraftwagen einfach auf, in unserem Fall mit dem 310 PS starken Benzinmotor (T6) und einem als R-Design bezeichneten sportlicheren Anzug.

Seit vergangenem Jahr hat Volvo eine neue Generation des V60 im Programm. Jetzt schieben die Schweden die sportliche R-D
Seit vergangenem Jahr hat Volvo eine neue Generation des V60 im Programm. Jetzt schieben die Schweden die sportliche R-Design-Linie nach

Die R-Design-Linie haben die Schweden gerade erst nachgeschoben, der V60 selbst ist seit letztem Jahr im Programm. Die Variante unterscheidet sich unter anderem durch spezielle Schürzen (vorne/hinten), 18-Zoll-Reifen auf Felgen mit fünf Doppelspeichen, zwei trapezförmigen Endrohren sowie einer Karosserie-Tieferlegung um 1,5 Zentimeter von der Normalversion. Innen gibt es Alu-Einstiegsleisten, einen Lederschalthebel und ein mit perforiertem Leder überzogenes Sportlenkrad, Sportpedale sowie Leder-Textil-Sportsitze. Immer an Bord ist in der R-Design-Version die 12,3 Zoll große, digitale Instrumentenanzeige.

Für die Testfahrt stand der kräftig motorisierte T6 (228 kW/310 PS, 53.650 Euro) bereit, der angesichts des Winterwetter
Für die Testfahrt stand der kräftig motorisierte T6 (228 kW/310 PS, 53.650 Euro) bereit, der angesichts des Winterwetters noch über den Vorteil eines serienmäßigen Allradantriebs verfügt

Speziell die Tieferlegung verbunden mit einer härteren Grundabstimmung spürt man als Fahrer und Passagier ziemlich deutlich. Der V60 rollt für ein Fahrzeug dieser Klasse einigermaßen harsch ab und neigt bei tiefergehenden Asphaltschäden sogar zum Poltern. So oder so sollte der Rücken noch gesund sein, wenn man sich für die R-Variante entscheidet. So ganz kann oder will sich der Schwede aber nicht für ein sportliches Leben entscheiden. Die Lenkung arbeitet zwar präzise, aber nicht sehr direkt. Und die Bremsen sind zwar stark, aber nicht gut dosierbar.

Dem Ruf als Auto für die moderne Familie kommen die Schweden unter anderem mit einer umfangreichen Sicherheitsausstattun
Dem Ruf als Auto für die moderne Familie kommen die Schweden unter anderem mit einer umfangreichen Sicherheitsausstattung nach

In Verbindung mit dem Vierzylinder-Motor ist auch immer Allradantrieb an Bord. Schön, wenn man in Gebieten zu Hause ist, die Schnee nicht nur von der Wintersport-Übertragung im Fernsehen kennen. Mit dabei ist auch eine in den anderen Versionen aufpreispflichtige sogenannte Drive-Mode-Funktion zur Anpassung von Motor, Getriebe, Lenkung und Bremsen. Aber nur wer das adaptive Fahrwerk (Four-C) mit Dämpferregelung dazu bestellt, kommt auch in den Genuss individueller Fahrwerkseinstellungen.

Auch in jeder anderen Hinsicht bleiben die vielen Stärken und wenigen Schwächen des Schweden erhalten, wie 530 bis 1.440
Auch in jeder anderen Hinsicht bleiben die vielen Stärken und wenigen Schwächen des Schweden erhalten, wie 530 bis 1.440 Liter Gepäckraum

Der Motor selbst kann nur in Teilen überzeugen. Obwohl die Höchstgeschwindigkeit 250 km/h beträgt und der Spurt auf 100 km/h in unter 6 Sekunden absolviert wird, klingt er unter Last ziemlich angestrengt. Nur vier Zylinder und nur 2 Liter Hubraum machen sich hier nachteilig bemerkbar. Sie werden allerdings unterstützt durch einen Turbolader mit Kompressor. Das alles sorgt zwar für schnelles Fortkommen, allerdings würde ein seidiger Sechszylinder besser zu diesem Auto passen. Schade, dass Volvo von mehr als vier Zylindern Abstand genommen hat. Zumal der Praxisverbrauch bei auch nur einigermaßen zügiger Fahrweise schnell zweistellig wird. Im Mittel kamen wir auf 9,8 Liter.

Der Blick in das Cockpit des V60 R-Design
Der Blick in das Cockpit des V60 R-Design

Alles, was die eigentliche Kombi-Kultur angeht, kann der Schwede dagegen wenig überraschend sehr gut. Der V60 ist zwar kein Platzweltmeister, aber ein 530 Liter großer Gepäckraum, der sich bei Verzicht auf eine Rücksitzbelegung auf bis zu 1.440 Liter erweitern lässt, sollte für fast alle Aufgaben reichen. Viel wichtiger ist, dass durch den Verzicht auf eine Laderaummaximierung, genügend Platz für zwei Erwachsene oder drei Kinder auf den Rücksitzen bleibt. Vorne genießt man sowieso viel Komfort und einen sehr edel gemachten und sorgsam verarbeiteten Innenraum.

Leider lässt sich Volvo seine Autos mittlerweile auch entsprechend bezahlen. Der V60 T6 kostet als R-Design mindestens 53.650 Euro, der Testwagen kam auf knapp 71.000 Euro. Im Preis wie in der Aufpreisgestaltung stehen die Schweden ihren deutschen Wettbewerbern aus Stuttgart, München und Ingolstadt kaum noch nach. Selbst ein Notrad lässt sich Volvo mit 150 Euro bezahlen, eine 230-Volt-Steckdose in der Mittelkonsole kostet kleinliche 110 Euro. Und auch für viele Assistenzsysteme, die Einparkhilfen, das Navi oder die elektrische Heckklappe muss extra geblecht werden.

Wer das Geld hat oder wen eine entsprechende Finanzierung/Leasing nicht schreckt erhält mit dem V60 einen echten Familienfreund. Ob es da unbedingt R-Design sein muss, lassen wir mal dahingestellt, wir würden jedenfalls darauf verzichten. Größtes Manko im Vergleich zu ähnlich starken Wettbewerben ist aber auf jeden Fall der angesichts seiner Leistung relativ kleinvolumige Motor mit einem angestrengten Wesen und hohem Verbrauch. Für den schön anzusehenden, dazu praktischen und gut verarbeiteten V60 hätten wir uns einen souveräneren Antrieb gewünscht.

Volvo V60 T6 AWD R-Design – Technische Daten:

Fünftüriger, fünfsitziger Kombi der Premium-Mittelklasse; Länge: 4,76 Meter, Breite: 1,85 Meter (mit Außenspiegeln: 2,04 Meter), Höhe: 1,43 Meter, Radstand: 2,87 Meter, Kofferraumvolumen: 529 – 1.441 Liter

2,0-Liter-Benziner mit Monoturbo-/Kompressoraufladung, 228 kW/310 PS, maximales Drehmoment: 400 Nm bei 2.200 – 5.100 U/min, Achtstufen-Automatikgetriebe, Allradantrieb, 0-100 km/h: 5,8 s, Vmax: 250 km/h, Normverbrauch: 7,6 Liter, CO2-Ausstoß: 176 g/km, Abgasnorm: Euro 6d-temp, Effizienzklasse: C, Testverbrauch: 9,8 Liter

Preis: ab 53.650 Euro

Testwagenpreis: 70.890 Euro

Kurzcharakteristik:

Warum: hochwertig gemacht, viel Platz, feines Interieur, schönes Design

Warum nicht: Fahrwerk in dieser Variante zu hart, 6 statt 4 Zylinder wären schön

Was sonst: Mercedes C-Klasse, Audi A4, BMW 3er

Peter Eck/SP-X