Archivierter Artikel vom 28.07.2022, 15:07 Uhr

Der dritte Zwilling – Test: Nissan Townstar Kombi

Wer viel Platz für Kind und Kegel braucht, kommt an einem Hochdachkombi nicht vorbei. Nissans Townstar ist ein eher nüchterner Vertreter dieser Gattung, wartet aber mit guten Genen auf.

Von Holger Holzer/SP-X

SP-X/Köln. Neuwagen sind teuer, familientaugliche Exemplare erst recht. In Zeiten, da schon normale Kompaktlimousinen kaum mehr für unter 30.000 Euro zu haben sind, wirkt der Nissan Townstar Kombi fast wie ein Schnäppchen. Nicht zuletzt wegen seines riesigen Platzangebots und seiner praktischen Talente. Bei knapp 27.000 Euro geht es los.

Wer Nissans Hochdachkombi nicht kennt, dürfte aber seine berühmteren Brüder kennen: den Renault Kangoo und die Mercedes T-Klasse. Die drei Modelle entstammen einer Nutzfahrzeug-Baureihe der Renault-Nissan-Allianz, zu der neben dem Pkw-Trio auch drei kleine Lieferwagen zählen, alle mit ähnlicher Technik. Vor allem Kangoo und Townstar sind bis auf die Markenlogos nahezu identisch, während die T-Klasse versucht, sich bei Ambiente und Technik stärker ins Premium-Segment abzuheben.

In der deutsch-französisch-japanischen Patchworkgruppe nimmt der Nissan die Rolle des stillen, etwa introvertierten Bruders ein. Während der Mercedes auf edel macht und der Renault mit breiter Antriebs- und Variantenpalette den cleveren Allrounder mit Lifestyle-Würze gibt, ist der Townstar das Modell für kühle Vernunftmenschen. Ein Motor, vier Ausstattungslinien, sechs Farben und eine Handvoll optionale Extras. Das war’s an Auswahl. Wer das stundenlange Herumklicken in Online-Konfiguratoren oder das Wälzen dicker Preislisten scheut, ist hier an der richtigen Stelle.

Die überschaubare Palette muss dabei kein Nachteil sein. Denn mit dem, was Nissan bietet, dürfte fast jeder Interessent gut zurechtkommen. Zunächst einmal ist da die überaus praktisch geschnittene Karosserie. Glanzstück ist der riesige Kofferraum mit 530 Liter Volumen, der sich durch Umklappen der Fondsitze auf über zwei Kubikmeter erweitern lässt. Der Mechanismus ist so clever designt, dass ein nahezu ebener Ladeboden entsteht. Zusammen mit der niedrigen Ladekante und der lichten Dachhöhe entsteht so ein Gepäckraum, wie man ihn sonst nur von echten Transportern kennt. Wer den umklappbaren Beifahrersitz ordert (290 Euro), bringt auch Gegenstände mit bis zu 2,70 Metern Länge im Auto unter. Zwei große Schiebetüren erleichtern dabei das Verstauen.

Vor allem wer kleine Kinder hat, die auf der Rückbank festgeschnallt werden müssen, dürfte die auf ihren Schienen weit, aber raumsparend öffnenden Portale lieben lernen. Aber auch Vordertüren und Heckklappe schwingen auffallend groß auf und erleichtern die Alltagsnutzung. Unter der Kofferraumklappe finden auch Großgewachsene Platz, ohne den Kopf einziehen zu müssen. Dazu kommt die von Renault übernommene clevere Dachreling (optional), die sich dank integrierter Querträger mit wenigen Handgriffen zum Dachgepäckträger umbauen lässt.

Ähnlich durchdacht ist der Innenraum, dem man einfach die lange Renault-Erfahrung im Kangoo-Segment anmerkt. Ablagen gibt es reichlich und in angemessene Größen, so dass Geldbörse, Handy oder Getränkeflaschen genug Platz finden, aber auch nicht haltlos durchgerüttelt werden. Erwähnenswert ist in diesem Zusammenhang auch das Handschuhfach, das nicht aufklappt, sondern als Schublade ausgeführt ist (ab Ausstattungslinie „N-Connecta“), was das Durchsuchen und Verstauen erleichtert.

Die Platzverhältnisse für Fahrer und Passagiere sind für einen Pkw zumindest in der Vertikalen überdurchschnittlich – auch sehr große Menschen können sich unter dem hohen Dach wohlfühlen. Und hinter ihnen haben dann durchaus noch zwei große Erwachsene Platz. Der Mittelsitz ist dank der großen Innenraumbreite in einem solchen Fall auch noch einigermaßen nutzbar, wobei die ergonomisch ausgeformte, konkave Sitzfläche hilft. Wer will, kann auch drei Kindersitze nebeneinander montieren. Das Einzige was fehlt: Eine dritte Sitzreihe ist für den Nissan genauso wenig zu haben wie eine Langversion. So bleibt es bei maximal fünf Insassen.

Beim Antrieb verzichtet Nissan auf den klassentypischen Diesel. Stattdessen gibt es einen 1,3-Liter-Turbobenziner mit 96 kW/130 PS, der in allen Lebenslagen zu überzeugen weiß. Im Stadtverkehr ist er ausreichend quirlig unterwegs, lediglich beim Zwischensprint aus geringem Tempo fehlt es etwas an Turbodruck. Auf Langstrecke überzeugt seine Sparsamkeit: Wer es geruhsam und gleichmäßig angehen lässt, kommt mit rund einem halben Liter weniger Sprit klar, als es der Normwert von 6,7 Litern in Aussicht stellt. Bei normaler Fahrweise können es auch 7 bis 8 Liter werden. Eine zurückgenommene Gangart passt aber am besten zum komfortablen, wenn auch etwas steifbeinigen Fahrwerk. Schnelle Kurvenfahrten sind sowieso nicht die Sache des hochbauenden Familientransporters. Bei hoher Lastanforderung dringen zudem die Arbeitsgeräusche des Vierzylinders deutlich in den segmenttypisch eher lässig gedämmten Innenraum. Besser sollte das die für den Sommer 2022 angekündigte Elektrovariante können, die allerdings bei Anschaffungskosten und Reichweite Nachteile haben dürfte.

Die Preisliste des Townstar startet bei 26.600 Euro für das sparsam ausgestattete Basismodell „Acenta“. Wer 1.800 Euro drauf legt, bekommt das „N-Connecta“-Modell, das in Sachen Komfort und Design schon alles Wichtige bietet. Die beiden höheren Linien „N-Design“ und „Tekna“ fügen noch ein wenig Glitter und ein paar Luxus-Extras wie eine induktive Ladeschale fürs Handy hinzu, aber kaum noch Wesentliches. Empfehlenswert sind noch die zwei Assistenz- und Technologie-Pakete mit Rundumsicht-Kamera und großem Infotainment-Bildschirm, so dass man für knapp 30.000 Euro ein sehr geräumiges Familienauto mit sparsamem Allround-Antrieb erhält, dem es bei Komfort und Technik an nichts fehlt. In Zeiten, in denen schon ein normaler Basis-Golf für diesen Kurs gehandelt wird, ist das durchaus attraktiv. Ein paar Einschränkungen bei Geräuschkomfort und Fahrverhalten muss man allerdings hinnehmen.

Technische Daten – Nissan Townstar Kombi:

Fünftüriger Familienkombi der Kompaktklasse, Länge: 4,49 Meter, Breite: 1,92 Meter, Höhe: 1,84 Meter, Radstand: 2,72 Meter, Kofferraumvolumen: 519 – 1.200 Liter

1,3-Liter-Vierzylinder-Turbobenziner, 96 kW/130 PS. maximales Drehmoment: 240 Nm bei 1.500 U/min, Frontantrieb, Sechsgang-Schaltgetriebe, 0-100 km/h: 12,9 s; Vmax: 183 km/h, Normverbrauch: 6,7 – 6,8 Liter/100 Kilometer, CO2-Ausstoß: 152 – 154 g/100 km, Abgasnorm: Euro 6d-Full, Testverbrauch: 7,2 Liter/100 Kilometer; Preis ab 26.600 Euro.

Kurzcharakteristik:

Warum: viel Platz zum fairen Preis

Warum nicht: Fahr- und Geräuschkomfort nicht ganz auf Pkw-Niveau

Was sonst: VW Caddy, Opel Combo, Renault Kangoo

Holger Holzer/SP-X