Archivierter Artikel vom 10.05.2021, 16:07 Uhr

Das bessere Elektroauto – Test: Toyota Mirai II

Viele Autofahrer fremdeln noch mit der E-Mobilität, vor allem wegen zu geringer Reichweite und den oft sehr langen Ladezeiten. Es gibt allerdings eine Elektro-Alternative, die solche Probleme nicht hat.

Der Mirai erlaubt weite Fahrten ohne Stop
Der Mirai erlaubt weite Fahrten ohne Stop

Mit seiner rund fünf Meter langen Karosserie ist der Mirai ein stattliches Auto
Mit seiner rund fünf Meter langen Karosserie ist der Mirai ein stattliches Auto

SP-X/Köln. Trotz Schnellladesäulennetz und immer größeren Reichweiten sind batterieelektrische E-Autos auf langen Touren weiterhin keine echte Alternative zum Verbrenner. Außer man steigt auf Toyotas neuen Mirai um, der den Teslas und E-Trons zeigt, wie man emissionsfrei elektrisch und zugleich reichweitenentspannt wie mit einem Diesel unterwegs ist. Das Zauberwort heißt Brennstoffzelle.

Rund neun Sekunden dauert der Sprint aus dem Stand auf 100 km/h, maximal sind 175 km/h drin
Rund neun Sekunden dauert der Sprint aus dem Stand auf 100 km/h, maximal sind 175 km/h drin

Toyota gehört zu den wenigen Herstellern, die dieser weiterhin zukunftsweisenden Technik im Pkw-Bereich die Treue hält. Seit 2014 versorgt sie die Elektro-Baureihe Mirai mit Strom, bei dessen Erzeugung lokal nur chemisch reines Wasser in die Umwelt gelangt. Seit Frühjahr 2021 ist in Deutschland die zweite Auflage am Start. Neben einer wesentlich gefälligeren Optik bietet der laut Toyota in Großserie produzierte Brennstoffzellen-Stromer außerdem mehr Leistung und Reichweite. Die vom Hersteller proklamierten 650 Kilometer sind vielleicht etwas hochgegriffen, 500 sind praktisch jedoch definitiv drin, wie sich auf einer gut 700 Kilometer langen Hin- und Rückfahrt zwischen Köln und Bremen gezeigt hat.

Der Mirai steht auf üppigen 19-Zoll-Rädern
Der Mirai steht auf üppigen 19-Zoll-Rädern

Mit der zweiten Mirai-Generation hat Toyota unter anderem das Design versachlicht. Statt futuristisch sieht die Neuauflage wie eine moderne Prestige-Limousine aus, die in ihrer langen Front auch einen V8 tragen könnte. Riesenräder und die fast 5 Meter lange Karosserie versprechen Oberklasse-Niveau, welches man innen trotz Ledersitzen, Riesendisplays, Vernetzung und Induktionsladeschale nicht geboten bekommt. Auch beim Platz bleibt der Mirai hinter den äußerlich geweckten Erwartungen zurück. Vorne ist der Freiraum gut, Fond und Kofferraum fallen jedoch knapp aus. Letzterer ist durch die Wasserstofftanks schon unter Kompaktklassenniveau. Für den Autoalltag reicht das dennoch.

Die Dachlinie des Mirai endet in einem coupéhaftem Stummelheck
Die Dachlinie des Mirai endet in einem coupéhaftem Stummelheck

Das trifft auch auf den elektrischen Heckantrieb zu, den man als sogar kraftvoll und spritzig erlebt. Ohne Grollen oder Bollern übrigens, sondern weitaus leiser und geschmeidiger als bei jedem anderem Auto. Die rund 9 Sekunden für den Standardsprint sind angenehm, allerdings ist bei bereits 175 km/h Schluss. Mehr braucht es praktisch jedoch nicht, zumal der Mirai Richtung Topspeed aufgrund deutlich zunehmender Windgeräusche zumindest akustisch bereits ein wenig die Komfortzone verlässt.

Der Mirai ist ein angenehmer lautloser Gleiter
Der Mirai ist ein angenehmer lautloser Gleiter

Dafür liegt er auch bei hohem Tempo satt und vertrauenerweckend auf der Straße, arbeitet geschmeidig Unebenheiten weg und lässt sich noch erfreulich flink um Ecken scheuchen. Auch hier kann die Brennstoffzelle ihre Vorteile ausspielen: Ein batterieelektrisches Auto mit vergleichbarer Reichweite würde deutlich mehr als die 1,9 Tonnen des Mirai wiegen und entsprechend mit der schieren Masse das Fahrvergnügen trüben. Etwas sperrig fühlt sich der Toyota allerdings aufgrund seiner schieren Größe und einem großen Wendekreis im Stadtverkehr an.

Der Bordcomputer zeigt 416 Kilometer Reichweite bei fast vollem Tank an. Praktisch können auch mehr daraus werden
Der Bordcomputer zeigt 416 Kilometer Reichweite bei fast vollem Tank an. Praktisch können auch mehr daraus werden

In seinem Metier ist der Japaner auf langer Fahrt über die Autobahn. Angesichts der wenigen Zapfstellen für Wasserstoff sind wir dabei auf Nummer sicher gegangen und haben den Abstandtempomat auf Nummer 120 km/h gestellt. So waren mehr als 500 Kilometer drin, was das weiterhin etwas dünne Tankstellennetz relativiert. Entlang der A1 finden sich bei diesem Radius sogar mehrere Möglichkeiten, Wasserstoff nachzutanken. Das Tanken selbst ist übrigens erfreulich einfach. Die in Deutschland vom Konsortium H2-Mobility betriebenen fast 100 Abfüllanlagen funktionieren ähnlich wie Erdgas-Zapfsäulen. Allerdings muss man zur Nutzung die H2-Mobilitity-Card beantragen, mit der zugleich bezahlt wird. Mit dem Tankstellbetreiber wird nicht abgerechnet.

Praktisch: In der wuchtigen und zugleich aufgeräumten Mittelkonsole ist eine Induktionsladeschale für ein Smartphone
Praktisch: In der wuchtigen und zugleich aufgeräumten Mittelkonsole ist eine Induktionsladeschale für ein Smartphone

Der „Sprit“ wird zu moderaten Preisen verkauft, denn die Energiekosten für 100 Kilometer bewegten sich mit knapp unter 10 Euro auf Dieselniveau. Nach gut 400 Kilometer haben wir das erste Mal 3,7 Kilogramm Wasserstoff für rund 35 Euro nachgetankt. Da zeigte der Bordcomputer noch 125 Kilometer Restreichweite an. Vermutlich war das konservativ gerechnet, denn die Tanks fassen 5,6 Kilogramm. Reichweiteneinbrüche und lange Ladezeiten – mit solchen Problemen muss man sich als Mirai-Fahrer jedenfalls nicht rumplagen.

Auf dem extrabreiten Touchscreen ist viel Platz für Informationen
Auf dem extrabreiten Touchscreen ist viel Platz für Informationen

Angesichts dessen scheinen die dank Innovationsprämie 56.000 statt 64.000 Euro Kaufpreis gar nicht mal viel. Einziger Pferdefuß: Wirklich nachhaltig und klimaneutral ist Wasserstoff als Energieträger derzeit noch nicht. Was nicht ist, kann aber noch werden. Die saubere Autozukunft zu fahren, ist mit zumindest einer Zapfstelle in Wohnortnähe jedenfalls schon jetzt praktisch möglich. Reisen geht auch, sogar ins Ausland. Wasserstoff tanken ist mittlerweile auch in Nachbarländern wie Dänemark, Holland, Schweiz oder Österreich möglich.

Alles digitail: Das Cockpit des Mirai dominieren zwei großes Displays
Alles digitail: Das Cockpit des Mirai dominieren zwei großes Displays

Technische Daten – Toyota Mirai:

Die Front des Wasserstoffpioniers wirkt wuchtig
Die Front des Wasserstoffpioniers wirkt wuchtig

Fünfsitzige, viertürige Limousine der Oberklasse, Länge/Breite/Höhe/Radstand: 4,98 Me-ter/1,86 Meter, 1,47 Meter, 2,92 Meter. Kofferraumvolumen: 321 Liter, Leergewicht: 1.900 kg

Vorne bietet der Mirai ordentliche Platzverhältnisse
Vorne bietet der Mirai ordentliche Platzverhältnisse

PSM-Elektromotor, Hinterradantrieb, Eingang-Getriebe, 134 kW/182 PS, max. Drehmo-ment 300 Nm, Reichweite: ca. 650 km, H2-Tank: 142,2 l/5,6 kg, Leistung Brennstoffzelle: 128 kW/174 PS, Lithium-Ionen-Akku: 4 Ah, 310,8 V, null bis 100 km/h in 9,2 Sek., Vmax: 175 km/h, Preis: 63.900 Euro.

Im Fond ist angesichts der Fahrzeuggröße zu wenig Beinfreiheit
Im Fond ist angesichts der Fahrzeuggröße zu wenig Beinfreiheit

Kurzcharakteristik – Toyota Mirai:

Der  ersten Tankvorgang max noch ungewohnt sein, doch hat man das Prinzip verstanden, dauert der Vorgang nur wenige Minu
Der ersten Tankvorgang max noch ungewohnt sein, doch hat man das Prinzip verstanden, dauert der Vorgang nur wenige Minuten

Warum: Elektroantrieb mit hoher Reichweite

Warum nicht: wenig Wasserstofftankstellen, Wasserstoff derzeit nicht klimaneutral

Was sonst: Tesla Model S

Mario Hommen/SP-X