Archivierter Artikel vom 07.07.2022, 13:07 Uhr

Viel Optimismus trotz schwieriger Liefersituation – Caravan-Salon 2022

Die Caravaning-Hersteller trotzen der misslichen Produktionslage mit fehlenden Chassis und nicht lieferbaren Bauteilen und präsentieren bei der 61. Auflage des Caravan-Salons wieder zahlreiche Neuheiten mit neuen Basisfahrzeugen. Kompakte Modelle sind weiterhin der Renner.

Von Michael Lennartz/SP-X

SP-X/Düsseldorf. Der Düsseldorfer Caravan-Salon war in den vergangenen beiden Jahren themenübergreifend eine der ganz wenigen Messen, die trotz Corona-Pandemie als Live-Veranstaltung stattfinden konnten. Mit limitiertem Einlass und Maskenpflicht zwar, aber dank eines funktionierenden Hygienekonzepts und trotz etlicher Absagen durchaus mit Erfolg. Keine Frage also, dass die weltgrößte Ausstellung für Reisemobile und Caravans auch in diesem Jahr wieder ihre Pforten öffnet und vom 26. August bis 4. September nicht nur die Rückkehr zur Normalität feiern wird – zumindest nach heutigem Stand –, sondern mit der 61. Auflage des Branchengipfels gleich den größten Caravan-Salon der Geschichte verspricht.

Die Ausstellungsfläche wächst um drei weitere Hallen und dehnt sich damit auf insgesamt 16 Hallen mit einer Fläche von 250.000 Quadratmetern aus, in denen weit über 650 Aussteller für einen Rekord sorgen werden. An eine neue Besucher-Bestmarke, die bisher bei über 270.000 Leuten aus der Zeit vor der Pandemie liegt, glaubt Stefan Koschke, der für den Caravan-Salon verantwortliche Messedirektor, allerdings nicht. Allein schon, weil es an den Wochenenden eine Tagesbegrenzung auf 40.000 Besucher geben wird – auch wenn das doppelt so viel ist wie in den Corona-Jahren.

Allerdings steckt die Caravaning-Branche aktuell in einem Dilemma. Einerseits ist die Nachfrage vor allem nach Reisemobilen unverändert hoch, und die Auftragsbücher der Hersteller sind gut gefüllt. Andererseits belasten Lieferkettenprobleme als Folge von Corona und Ukraine-Krieg massiv den gesamten Geschäftszweig. Fehlende Fahrzeugchassis schränken die Produktion ein oder bringen sie sogar teilweise zum Erliegen, nicht lieferbare Bauteile und Komponenten wie Fenster, Türrahmen, Toiletten oder Kühlschränke verhindern die Auslieferung. Tausende von Reisemobilen stehen derzeit unfertig bei den Herstellern auf Halde, weil oft nur ein einziges wichtiges Teil fehlt. Entsprechend dehnen sich Lieferfristen auf ein Jahr und mehr aus. Und in der Zwischenzeit treibt die Inflation zudem die Preise in die Höhe, denn die Preissteigerungen bei den Materialkosten geben die Hersteller natürlich an die Kunden weiter.

Die Zulassungszahlen belegen diese Entwicklung. So fuhren die Reisemobile mit über 81.420 Neuanmeldungen im vergangenen Jahr zwar noch einmal den elften Allzeit-Rekord in Folge ein, brachen im ersten Halbjahr 2022 allerdings um satte 12 Prozent ein. Die Wohnwagen erlebten ihr Waterloo mit einem Minus von 15,2 Prozent (24.718 Einheiten) dagegen schon im vergangenen Jahr und erholten sich dafür in den ersten sechs Monaten (9,0 Prozent Plus) ein bisschen, weil das Chassis-Thema hier keine große Rolle spielt.

Doch einen Grund, Trübsal zu blasen, sieht Daniel Onggowinarso, der Geschäftsführer des Caravaning-Industrie-Verbandes und Mitveranstalters CIVD, dennoch nicht: „Caravaning steht für selbstbestimmtes und unabhängiges Reisen. Die Fangemeinde wächst seit vielen Jahren, und dieser Trend ist langfristig angelegt.“ Laut einer Allensbach-Studie äußern 1,2 Millionen Camper konkrete Kaufabsichten für Freizeitfahrzeuge in den nächsten ein bis zwei Jahren.

Die Reisemobil-Hersteller sehen das offenbar genauso, zeigen keinerlei Anzeichen von Lethargie, sondern präsentieren sich ganz im Gegenteil ideenreich und innovativ. So haben sich fast alle großen, renommierten Marken nach neuen Basisfahrzeugen umgeschaut, um die Fahrgestell-Probleme, die ausgerechnet beim Marktführer Fiat Ducato am heftigsten sind, zu kompensieren. Größter Gewinner dieser Umorientierung ist dabei sicherlich der Ford Transit, der entweder wie bei Knaus-Tabbert völlig neu im Modellprogramm auftaucht, oder wie bei Eura, Bürstner oder Dethleffs seine Position stark ausgebaut hat. Der Mercedes Sprinter ist ja bereits seit zwei, drei Jahren sehr erfolgreich auf Eroberungstour unterwegs und will mit dem Citan-Nachfolger T-Klasse auf Kangoo-Basis verstärkt im Bereich der Mini-Camper mitmischen.

Selbst Volkswagen, bisher hauptsächlich mit den eigenen California-Ausbauten vom Caddy über den T6.1 bis zum Crafter oder mit kleineren, externen Camper-Umbauern am Start, hat zwei große Fische an Land gezogen: Hobby hat einen Kastenwagen auf Crafter-Basis angekündigt, und Knaus-Tabbert überrascht mit einem kompakten Teilintegrierten auf T6.1-Basis, der als Tourer Van unter dem Knaus-Label und als X-Cursion bei der Einsteigermarke Weinsberg angeboten wird. Und mit dem Knaus Tourer CUV, ein T6.1-Van mit Hubdach über die gesamte Fahrzeuglänge, meinen die Jandelsbrunner sogar, eine neue Wagenklasse kreiert zu haben, welche die Kompaktheit eines Campingbusses mit dem Wohnkomfort eines Teilintegrierten verbindet.

Da die kompakten Fahrzeuge vom kleinen Camper bis zum ausgebauten Kastenwagen nach wie vor mit Abstand am stärksten nachgefragt werden, dürfte der Neuheiten-Reigen in diesem Segment sicherlich am vielfältigsten ausfallen. Aber auch bei den größeren Reisemobilen tut sich was. Als Highlight sticht der Bürstner Lyseo Gallery heraus, ein 6,90 Meter langer Teilintegrierter mit einem aufblasbaren Alkoven – eine Weltneuheit. Bei den integrierten Modellen gibt es eine Premieren-Feier am Niesmann-Stand: In der nunmehr sechsten Generation fährt der Flair auf Iveco-Basis, ein Klassiker in der Liner-Klasse bis 9,20 Meter, in sein 30-jähriges Jubiläumsjahr.

Es wird also viel geboten auf dem 61. Caravan-Salon, zumal die Erwin-Hymer-Gruppe nach zwei Jahren Abwesenheit mit Schwergewichten wie Hymer, Dethleffs, Bürstner, LMC, Laika und Niesmann ebenfalls wieder mit von der Partie ist. Gewiss auch ein Beleg für die Bedeutung dieser Messe. „Reisemobile und Caravans sind sehr emotionale Produkte“, äußerst sich Messe-Direktor Stefan Koschke. „Potenzielle Kunden wollen vor der Kaufentscheidung die Fahrzeuge sehen und anfassen. Hier können sie verschiedene Produkte sogar miteinander vergleichen.“

Die Ticketpreise betragen werktags 16 und am Wochenende 18 Euro, für Kinder entsprechend 6 und 8 Euro, ein Nachmittagsticket (ab 14 Uhr) gibt es für 10 Euro. Buchbar sind die Eintrittskarten online unter www.caravan-salon.de. Und der Parkplatz P1 wird wieder zu einem riesigen Wohnmobil-Stellplatz für mehr als 3.500 Fahrzeuge.

Michael Lennartz/SP-X