Nacktes Vergnügen – Fahrbericht: Ducati Streetfighter V2

Man nehme einen Supersportler und entferne die Verkleidung: Fertig ist ein sehr schnelles Naked Bike. Ganz so einfach geht es allerdings doch nicht, wie diese Ducati zeigt.

Von Thilo Kozik/SP-X
Die neue Ducati Streetfighter V2 orientiert sich an der 208 PS starken V4 Streetfighter, indem sie deren aggressives Sty
Die neue Ducati Streetfighter V2 orientiert sich an der 208 PS starken V4 Streetfighter, indem sie deren aggressives Styling aufgreift

SP-X/Sevilla. Ducati hätte es sich bei der neuen Streetfighter V2 ziemlich einfach machen und das als Basis hergenommene Supersportmodell Panigale V2 einfach der Verkleidung entledigen können – schon ist der Streetfighter fertig. Doch einerseits widerspricht das dem Hang der Italiener zur Perfektion, andererseits verlangen unverkleidete Motorräder dieser Leistungsliga besondere Maßnahmen, um die Kraft auf den Asphalt zu bringen.

Bedeutsamer sind zweifellos die inneren Werte. So liefert der 955 Kubik große 90-Grad-V-Motor mit den typischen desmodro
Bedeutsamer sind zweifellos die inneren Werte. So liefert der 955 Kubik große 90-Grad-V-Motor mit den typischen desmodromisch zwangsgesteuerten vier Ventilen 112 kW/153 PS Spitzenleistung und ein Drehmoment von 101 Newtonmeter

Darin hat Ducati mit der 208 PS starken V4 Streetfighter bekanntlich Maßstäbe gesetzt. An diesem Vorzeigemodell orientiert sich die neue Streetfighter V2, indem sie deren aggressives Styling aufgreift. Angefangen beim markanten LED-Scheinwerfer mit typisch V-förmigem Tagfahrlicht über das markant auf der linken Seite dargebotene gelbe Federbein bis zur luftigen Heckpartie mit der doppelten Durchlüftung unterm Sitz. Nur Insider erkennen die kleinen Designretuschen wie den tiefen Schalldämpfer und schmalen Tank, am deutlichsten ist noch das Fehlen der Winglets genannten auffälligen Aerodynamikflügel.

Das relativ dicke Polster ist mit 84,5 Zentimetern ziemlich hoch, aber schmal genug für guten Bodenkontakt
Das relativ dicke Polster ist mit 84,5 Zentimetern ziemlich hoch, aber schmal genug für guten Bodenkontakt

Bedeutsamer sind zweifellos die inneren Werte. So liefert der 955 Kubik große 90-Grad-V-Motor mit den typischen desmodromisch zwangsgesteuerten vier Ventilen 112 kW/153 PS Spitzenleistung und ein Drehmoment von 101 Newtonmeter. Zur Anpassung an persönliche Vorlieben oder die Witterung lässt sich sein Charakter über drei Kennfelder verfeinern, die in drei Fahrprogrammen zusammen mit verschiedenen Einstellungen des ABS, der Traktions- und Wheeliekontrolle sowie der Motorschleppmomentregelung hinterlegt sind. In Sport und Road traben alle Pferdchen unterschiedlich vehement an, bei Wet bleiben 110 PS übrig; alle anderen Parameter sind über das Menü im farbigen TFT-Display individuell nachjustierbar. Was fehlt, wäre eine Schnelltaste zum Wechsel der Fahrmodi.

Es gibt ein farbiges TFT-Display
Es gibt ein farbiges TFT-Display

Fahrwerkseitig bleibt die Grundkonstruktion der Panigale V2 erhalten mit einem Hauptrahmen, der den Motor mittragend integriert und gleichzeitig als Airbox fungiert. Voll einstellbare Federelemente vorn wie hinten gehören in dieser Klasse zum guten Ton. Gemäß dem Einsatzzweck als Naked Bike sorgt ein neuer Gitterrohr-Hilfsrahmen samt deutlich längerer Schwinge für eine geänderte Fahrwerksgeometrie, über die mehr Last auf das Vorderrad gebracht wird.

In Sport und Road traben alle Pferdchen unterschiedlich vehement an
In Sport und Road traben alle Pferdchen unterschiedlich vehement an

Für den Landstraßeneinsatz ist der hohe und breite Aluminiumlenker perfekt, denn er verzahnt den Fahrer bei weitgehend aufrechter Haltung innig mit dem Motorrad. Das relativ dicke Polster ist mit 84,5 Zentimetern ziemlich hoch, aber schmal genug für guten Bodenkontakt; die Rasten liegen so tief, dass während der Fahrt Entspannung im Kniewinkel herrscht. Mehr Spritzigkeit soll dem Desmo-V eine gekappte Sekundärübersetzung bringen, für den Straßenbetrieb haben die Ingenieure das Ansprechverhalten des Ride-by-Wire-Systems sanfter ausgelegt.

Fahrwerkseitig bleibt die Grundkonstruktion der Panigale V2 erhalten mit einem Hauptrahmen, der den Motor mittragend int
Fahrwerkseitig bleibt die Grundkonstruktion der Panigale V2 erhalten mit einem Hauptrahmen, der den Motor mittragend integriert und gleichzeitig als Airbox fungiert

Sehr agil und mit viel Gefühl fürs Vorderrad prescht die Ducati über die kleinen Sträßchen, lässt sich exakt dirigieren und bietet schon im vergleichsweise zahmen Road-Modus noch ausreichend Druck für flotte Fahrdynamik. Spontan und nachdrücklich, aber nicht aggressiv reagiert der Motor auf Gasgriffbefehle und macht selbst im aggressiven Sport-Modus einen sauber kontrollierbaren Eindruck. Das liegt seiner besonderen Charakteristik: Unten herum kommt der Motor nur recht verhalten zur Sache, auch in der Drehzahlmitte fehlt es am bekannten V2-Punch. Erst ab zirka 6.500 Touren lebt die Streetfighter richtig auf und bläst mit vollen Backen zur Attacke bis gut 9.000 U/min, hält diesen Gipfel auch fast bis zum Begrenzer. Laufkultur und Lastwechsel sind übers gesamte Drehzahlband fast mustergültig.

Sehr agil und mit viel Gefühl fürs Vorderrad prescht die Ducati über die kleinen Sträßchen, lässt sich exakt dirigieren
Sehr agil und mit viel Gefühl fürs Vorderrad prescht die Ducati über die kleinen Sträßchen, lässt sich exakt dirigieren und bietet schon im vergleichsweise zahmen Road-Modus noch ausreichend Druck für flotte Fahrdynamik

Stabilitätsprobleme sind der Ducati auch bei schnell aufeinanderfolgenden Schräglagenwechseln fremd. Dafür sorgen die mannigfach einstellbaren Federelemente mit gutem Ansprechverhalten und straffer Dämpfung, standardmäßig abgestimmt setzen sie einen manierlichen Fahrkomfort noch oben drauf. Gut harmonieren die neuen Pirelli Diablo Rosso IV-Reifen in 120/70 ZR17 vorne und 180/60 ZR17 hinten, die der Streetfighter V2 nach kurzer Aufwärmphase eine gute Neutralität und Handlichkeit bescheren, ohne die messerscharfe Präzision eines Supersportreifens zu erreichen. Das ist jedoch nicht gefragt beim beschwingten auf und ab durchs Hinterland.

Mit fast 17.000 Euro ist die „kleine“ Streetfighter eher bei den Großen angesiedelt
Mit fast 17.000 Euro ist die „kleine“ Streetfighter eher bei den Großen angesiedelt

Eher auf der Rennstrecke von Monteblanco, auf der die Ducati ihr zweites Gesicht zeigt. Unter wenig nachbarkompatiblem Geräuschaufkommen rast die Streetfighter über die Strecke, die deutlich gestraffte Fahrwerksabstimmung bringt eine hohe Geradeauslauf-, Kurven- und Bremsstabilität und belegt damit die große Bandbreite des hochwertigen Fahrwerks. Beim heftigen Runterbremsen von rund 240 auf 65 km/h – bestens unterstützt vom sehr leichtgängigen serienmäßigen Blipper – überzeugt die nur leicht modifizierte Bremsanlage der Panigale V2 mit einem unglaublich transparenten Bremsgefühl bei höchster Effizienz. Für beste Sicherheit sorgt die Schräglagenfähigkeit aller Assistenzsysteme.

Mit fast 17.000 Euro ist die „kleine“ Streetfighter eher bei den Großen angesiedelt. Dafür bietet sie jedoch feine Detailarbeit, modernste Ausstattung und vor allem einen breiten Einsatzbereich neben und auf der Rennstrecke – gut, dass man in Bologna nicht den einfachen Weg gegangen ist.

Technische Daten und Ausstattung Ducati Streetfighter V2

Motor: Flüssigkeitsgekühlter 90°-Vau-Zweizylindermotor, 955 ccm Hubraum, 112 kW/153 PS bei 10.750 U/min, 101,4 Nm bei 9.000 U/min., vier Ventile/Zylinder, dohc, Desmodromik, Einspritzung, Sechsganggetriebe, Kette

Fahrwerk: Aluminium-Monocoque; 4,3 cm USD-Telegabel vorne (komplett einstellbar), 12 cm Federweg; Aluminiumguss-Einarmschwinge hinten, Federbein (komplett einstellbar), 13 cm Federweg; LM-Gussräder; Reifen 120/70 ZR17 (vorne) und 180/60 ZR17 (hinten). 32 cm Doppelscheibenbremse vorne, 24,5 cm Einscheibenbremse hinten

Assistenzsysteme: drei Fahrmodi, Kurven-ABS, schräglagenfähige Traktionskontrolle, Wheelie-Kontrolle, Motorschleppmomentregelung und Quickshifter

Maße und Gewichte: Radstand 1,465 m, Sitzhöhe 84,5 cm, Gewicht fahrfertig 200 kg, Zuladung 225 kg; Tankinhalt 17 l

Fahrleistungen und Verbrauch: Höchstgeschwindigkeit über 200 km/h, 6,0 l/100 km (Werksangabe)

Preis: 17.000 Euro

Thilo Kozik/SP-X