Archivierter Artikel vom 03.08.2021, 17:07 Uhr

Hingucker für gepflegte Straßen – Fahrbericht: Harley-Davidson Sportster S

Harley-Davidson bringt mit der S-Version das erste Modell der neuen, völlig umgekrempelten Sportster-Baureihe. Die gefällt – bis auf eine Kleinigkeit.

SP-X/Essen. Knapp vier Monate nach der Reiseenduro Pan America bringt Harley-Davidson bereits das zweite Modell mit dem vollkommen neuen Revolution Max 1250-Triebwerk. Die Sportster S stellt das Topmodell der künftigen Modellfamilie dar. Infolge diverser technischer Änderungen leistet der nun Revolution Max 1250T genannte Motor zwar 30 PS weniger als in der Pan America, doch tut das flottem Fahren keinerlei Abbruch. Der bei Bedarf bis 9.500 Touren drehende Vierventil-V2 liefert nämlich starke 90 kW/122 PS und dazu im unteren und mittleren Drehzahlbereich deutlich mehr Drehmoment und deshalb ein kräftiges Plus an Kraft. Verglichen mit den Fahrzeugen der 2020 letztmals im Programm befindlichen Sportster-Modellreihe stellt die Sportster S als Erstling der neuen Sportster-Ära einen Quantensprung in Leistung, Technologie und Design dar.

Anders als zuvor ist die Sportster S ein Hingucker: Oberarmstarke, in Art eines Scramblers halbhoch verlegte Auspuffrohre samt Endschalldämpfern auf der rechten Seite, farblich abgesetzte Magnesium-Bauteile am mächtigen V2, ein aggressiv dreinblickender LED-Querscheinwerfer, ein ultrakurzes Rahmenheck, ein extrem breiter Vorderreifen – die US-Neuheit geizt nicht mit optischen Auffälligkeiten. Auch der an kräftigen Stahlrohren fixierte Kennzeichenträger am Heck sticht ins Auge; an ihm scheiden sich die Geister deutlich stärker als an den anderen genannten Details. Klar ist jedenfalls: Wer diese eigentlich als Powercruiser wirkende Sportster S fährt, fällt auf und zeigt, dass er nicht dem Massengeschmack anhängt.

Auch technologisch hat Harley-Davidson an der Sportster S alle Register gezogen: Der V2 arbeitet kraftvoll und dabei stets kultiviert, gibt sich nirgendwo eine Blöße. Markiger Durchzug aus 2.000 Touren ist im Sport-Modus genauso wenig ein Problem wie ein Drehzahlfeuerwerk jenseits des bei 6.000 U/min. anliegenden Drehmomentmaximums. In den anderen beiden Fahrmodi Road und Rain gibt sich das Triebwerk zurückhaltender, agiert weniger aggressiv. Zwei weitere Fahrmodi lassen sich individuell festlegen. Fast überflüssig zu sagen, dass auch eine Kurven-Traktionskontrolle sowie ein Kurven-ABS an Bord sind; ein Tempomat, selbstrückstellende Blinker, ein TFT-Runddisplay mit allen gängigen Connectivity-Schikanen sowie eine schlüssellose Zündung werden ebenfalls serienmäßig geliefert.

Auffällig schon am stehenden Fahrzeug sind zwei technische Details: Im extrem breit bereiften Vorderrad – 160 Millimeter stellen eine Rekordbreite dar – ist lediglich eine einzelne Scheibenbremse für die Verzögerung montiert; die ist zwar 32 Zentimeter groß und zudem gelocht und wird von einem radial montierten Vierkolben-Bremssattel in die Zange genommen, ist aber angesichts von 122 PS und 228 Kilogramm Leergewicht unüblich. Erfreulicherweise haben beide Details, Single-Scheibe wie der breite Reifen, keine negativen Auswirkungen auf das Fahr- bzw. Bremsverhalten. Die Sportster S verzögert absolut zuverlässig und geht auch bei harter Beanspruchung nicht spürbar in die Knie. Und das Einlenk- sowie Kurvenverhalten ist keineswegs zäh, sondern neutral. Stabil und flink flitzt die Styling-Queen um Kurven, solange diese nicht in Spitzkehren ausarten. Bis zu 34 Grad Schräglage sind möglich, ehe die weit vorne montierten Fußrasten Bodenkontakt aufnehmen. Mehr als nur zügiges Cruisen ist also allemal drin. An der möglichen Höchstgeschwindigkeit von 220 km/h haben wir uns auf der ersten Ausfahrt nicht versucht.

Die Sitzposition auf der Sportster S im Feet-forward-Stil kann man durchaus als bequem bezeichnen; kleinere Fahrer mit kurzen Beinen haben allerdings Mühe, Schalthebel und Bremspedal zu erreichen. Nicht nur für sie stellt die Alternativ-Fußrastenanlage zur Montage in Fahrzeugmitte eine vorteilhafte Alternative dar; so umgerüstet, macht diese Harley ihrem Namen Sportster schon eher Ehre, weil eine aktivere Sitzposition die Folge ist. Vorteilhaft sind die mittig platzierten Fußrasten auch, um das Gesäß leichter entlasten zu können. Der hintere Federweg ist nämlich mit fünf Zentimetern arg schwächlich dimensioniert, so dass Kanaldeckelkanten und andere harte Fahrbahnmisslichkeiten gerne direkt ans Fahrerkreuz weitergegeben werden. Die Möglichkeit, das Federbein individuell zu justieren, ändert daran nichts Grundsätzliches. Wer über Nehmerqualitäten verfügt, ist jedenfalls klar im Vorteil.

Unüblich klein ist mit knapp zwölf Litern der wunderbar anzuschauende Tank; die Reichweite beträgt dank eines Normverbrauchs von lediglich 5,1 Litern auf 100 Kilometer rund 200 Kilometer. Diese Distanz lässt sich auf der neuen Sportster S mit breitestem Grinsen zurücklegen, sofern die Straßenqualität im zur Verfügung stehenden Revier gut oder gar sehr gut ist. Die Sportster S gibt es ab 15.490 Euro.

Technische Daten Harley-Davidson Sportster S

Motor: Flüssigkeitsgekühlter 60°-V2 Motor, quer eingebaut, 1.252 ccm Hubraum, vier Ventile pro Zylinder, variable Ventilsteuerung, DOHC, 90 kW/122 PS bei 7.500 U/min., 125 Nm bei 6.000 U/min; Einspritzung, 6 Gänge, Kette

Fahrwerk: Dreiteiliger Leichtmetallrahmen mit Rohr-, Guss- und Formteilen, Motor mittragend; 4,3 cm Telegabel vorne, Zugstufendämpfung und Vorspannung einstellbar, 9,2 cm Federweg; Stahlrohr-Zweiarmschwinge hinten, Zentralfederbein, vollständig einstellbar,5,1 cm Federweg; Leichtmetallgussräder; Reifen vorne 160/70 R 17, hinten 180/60 R 16; 32 cm Einscheibenbremse vorne, 26 cm Einscheibenbremse hinten

Assistenzsysteme: Kurven-ABS, Kurven-Traktionskontrolle, Reifenluftdruck-Kontrollsystem, fünf Fahrmodi (dav. zwei frei definierbar), Wegfahrsperre, schlüsselloses Startsystem, Tempomat, Blinker-Rückstellautomatik, Smartphone-Einbindung

Maße und Gewichte: Radstand 1,518 m, Sitzhöhe 75,5 cm, Gewicht fahrfertig 228 kg, Zuladung 190 kg; Tankinhalt 11,8 l

Fahrleistungen und Verbrauch: Höchstgeschwindigkeit 220 km/h; Normverbrauch 5,1 l/100 km

Garantie und Wartung: Vier Jahre ohne km-Beschränkung und ein Jahr Mobilitätsgarantie; erster Service nach 1.600 km, dann alle 8.000 km oder jährlich

Preis: ab 15.495 Euro

Ulf Böhringer/SP-X