Archivierter Artikel vom 21.06.2022, 16:07 Uhr

En Vogue – Test: Voge 500 AC

Die neoklassische Voge 500 AC Classic orientiert sich beim Design an der erfolgreichen kleinen Schwester 300 AC und bringt eine ungewöhnlich umfangreiche Ausstattung mit.

SP-X/Köln. Viel Motorrad fürs Geld bietet die neu entwickelte Voge 500 AC (Voge spricht man englisch, also als „Woudsch“ aus). Das im Stil eines Café Racers designte Motorrad ist zur Riege der neoklassichen Naked Bikes zu zählen und bietet für 6.500 Euro eine Menge Motorrad: einen Halbliter-Twin mit 34,5 kW/47 PS, ein insgesamt ordentliches Fahrwerk mit Komfort-Betonung, eine auskömmliche Sitzposition, ein gefälliges Outfit – und eine für die Preisklasse erstaunlich gute, teils sogar hochwertige Ausstattung. Der chinesische Hersteller Loncin, der die Marke Voge lanciert hat, scheint die europäischen Märkte bestens analysiert zu haben.

Grundanforderung an eine Motorrad-Neuentwicklung ist, dass sie potenziellen Kunden gefällt. Diese Hürde überspringt die Voge 500 AC Classic mühelos: In der Seitenansicht erscheint das Bike kompakt, der ungewöhnlich gestaltete, oval-eckige LED-Scheinwerfer ist ebenso markant wie die zierlichen LED-Blinker. Der hintere Teil der gestuften Sitzbank scheint frei über dem nicht abgedeckten Hinterrad zu schweben. Dazu kommt ein Edelstahl-Endschalldämpfer, der – wie der Scheinwerfer – derzeit ein Unikat darstellt. Die USD-Gabel des renommierten Herstellers Kayaba, die Nissin-Doppelscheibenbremse im Vorderrad, die abgewinkelten Reifenventile, vor allem aber das volldigitale TFT-Farbdisplay mit Smartphone-Konnektivität und diversen Überwachungsfunktionen wichtiger Bauteile zeigen deutlich, dass diese Voge gekommen ist, um zu bleiben.

Der Zweizylinder-Viertakt-Reihenmotor im Stahlrohr-Brückenrahmen weist eine geradezu überdeutliche Ähnlichkeit mit dem Motor der Honda CB 500F auf: Hub und Bohrung und sind genauso identisch wie die Verdichtung. Auch die Maximalleistung liegt auf gleichem Niveau: Die 34,5 kW/47 PS werden bei identischen 8.500/ Touren erreicht (Honda 35 kW/48 PS). Das Honda-Motorenlayout scheint überaus beliebt zu sein: Die nagelneue Brixton Crossfire 500 weist ebenfalls ein an der Honda orientiertes Triebwerk auf. Ärgerlich am Voge-Triebling ist sein mit 98 dB (A) sehr lautes Standgeräusch; Fahrten auf manchen Tiroler Straßen sind deshalb nicht empfehlenswert. Nichtsdestotrotz macht der Vierventiler seine Sache ordentlich; das maximale Drehmoment von 45 Nm bei 7.000 U/min entspricht den Werten der Wettbewerber, der Benzinverbrauch von 4 bis 4,5 Liter/100 km geht in Ordnung. Dank des 19 Liter großen Tanks mussten wir einmal erst nach 420 absolvierten Kilometern an die Zapfsäule. Seine Spritzigkeit im unteren und mittleren Drehzahlbereich verliert der Reihen-Twin allerdings jenseits der 7.000 Touren: Obenraus herrscht eher Flaute als Sturm.

Die Stärken des Voge-Fahrwerks liegen klar im Bereich Komfort; sehr sportlichem Treiben setzen sowohl die eher mäßige Schräglagenfreiheit als auch die etwas lasche Abstimmung der USD-Gabel deutliche Grenzen. Pflegt der Fahrer aber einen gleitenden Fahrstil, kommt Freude am bestens platzierten Lenker auf: Dann rollt der Pseudo-Café-Racer stabil und lässig um enge und auch weite Kurven. Bremsen in Schräglage führt allerdings zu einem deutlich spürbaren Aufstellmoment. Nicht vollständig überzeugen kann das ABS: Die Regelung ist von der ruppigen Art. Die Nissin-Bremsanlage selbst lässt sich bestens dosieren und verzögert gut, auch wenn das Gefühl am Handhebel etwas indifferent ist. Gute Noten gibt es auch für Kupplung und Schaltung.

Ein Hammer in dieser Fahrzeugklasse ist das bunte TFT-Display: Es bietet umfangreiche Informationen inklusive einer Überwachung des Reifendrucks und lässt sich darüber hinaus mit dem Smartphone koppeln; mit Hilfe eines Headsets kann man dann beispielsweise telefonieren oder Musik hören. Zur guten Ausstattung zählen auch ein weitenverstellbarer Bremshebel, eine Warnblinkanlage, LED-Lichttechnik rundum und ein Dämmerungssensor sowie zwei Anzeigemodi im TFT-Display.

Gelungen erscheint die Ergonomie der Voge 500 AC; der Fahrer hat genug Platz, sodass der Kniewinkel moderat ausfällt. Auch die Sitzhöhe von 81 Zentimetern geht in Ordnung. Auffällig ist das relativ hohe Gewicht der Voge: Mit 198 Kilogramm fahrfertig ist sie beispielsweise volle 8 Kilo schwerer als die zitierte Honda. Die vom Hersteller angegebene Höchstgeschwindigkeit von 160 km/h erreichte unser Testbike zumindest im Sitzen nicht; bei Tacho 158 war Schluss. Ein Grund zum Ärgern ist das nicht: Der Winddruck ist da schon längst auf einem Niveau angekommen, das weit jenseits von lustig liegt. Ein feines Reisetempo sind 120 bis 130 km/h. Zufrieden kann auch eine Sozia sein: Auch sie sitzt gut, allerdings dürfte die Sitzfläche gerne etwas länger sein.

Alles in allem: Die Voge 500 AC ist zwar in der nackten 48 PS-Klasse (Führerschein A2) nicht wirklich billiger als andere Fahrzeuge, punktet aber dafür mit einer überdurchschnittlichen Ausstattung. Sie ist nicht die sportlichste, aber dafür komfortabel in

Technische Daten Voge 500 AC

Motor: Flüssigkeitsgekühlter Zweizylinder-Viertakt-Reihenmotor, 4 Ventile pro Zylinder, DOHC, 471 ccm Hubraum, 34,5 kW/47 PS bei 8.500 U/min., 45 Nm bei 7.000 U/min; Einspritzung, 6 Gänge, Kettenantrieb

Fahrwerk: Stahl-Brückenrahmen; vorne USD-Telegabel ø 41 mm, 12,8 cm Federweg; hinten Stahl-Zweiarmschwinge, Zentralfederbein, Vorspannung einstellbar, Federweg 12 cm; Leichtmetallgussräder; Reifen vorne 120/70 ZR 17, hinten 160/60 ZR 17. 29,8 cm Doppelscheibenbremse vorne, 24 cm Einscheibenbremse hinten

Assistenzsysteme: Zweikreis-ABS, Reifendruckkontrolle

Maße und Gewichte: Radstand 1,445 m, Sitzhöhe 81 cm, Gewicht fahrfertig 198 kg, Zuladung 180 kg; Tankinhalt 19 Liter

Fahrleistungen: Höchstgeschwindigkeit 160 km/h. Normverbrauch lt. EU5 4,1 l/100 km. Testverbrauch überwiegend Landstraße 4-4,5 l/100 km

Farben: Silbergrau matt, Dunkelgrau matt

Preis: 6.199 Euro zzgl. 300 Euro Liefernebenkosten

Ulf Böhringer/SP-X