Elektrisierte Partnersuche – New Mobility: Das E-Auto als Allianzen-Turbo

In der stark globalisierten Autobranche wird seit Jahrzehnten bis zum geht nicht mehr fusioniert. Der Siegeszug der E-Mobilität hat den Wunsch nach starken Partnern nochmals kräftig befeuert.

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Im Sommer 2019 präsentierten Ford und VW ihre Allianz-Pläne in New York. Neben der Zusammenarbeit im Bereich der E-Mobil
Im Sommer 2019 präsentierten Ford und VW ihre Allianz-Pläne in New York. Neben der Zusammenarbeit im Bereich der E-Mobilität der frisch ausgebauten Allianz haben die Autoriesen zudem die gemeinschaftliche Mehrheitsbeteiligung am Autonomfahr-Spezialisten Ar

SP-X/Köln. Die Elektroauto-Zukunft stellt Autohersteller vor enorme Herausforderungen. Wer den Anschluss nicht verpassen will, muss in die Entwicklung neuer Technik viele Ressourcen und Geld investieren. Um sich dabei Bewegungsspielräume zu verschaffen, sind Kooperationen das derzeit angesagteste Mittel. Ob Allianzen, strategische Kooperationen oder Synergieeffekte im Rahmen großer Fusionen – bei den sich fortwährend auf Brautschau befindlichen Autobauern haben sich mittlerweile mehrere mächtige Partnerschaften im E-Mobilitäts-Sektor gebildet, die sogar einst verbitterte Konkurrenten zu Freunden macht, aber auch branchenfremde Unternehmen in Kooperationen lockt.

Dass Allianzen bei der E-Mobilität zum beiderseitigen Vorteil sein können, zeigt das bereits rund 20 Jahre zurückliegende Zusammengehen von Renault und Nissan. Beide Konzerne haben vergleichsweise früh im Rahmen ihrer Partnerschaft auf die Entwicklung von Elektroauto-Technik gesetzt und sich als feste Größen in diesem Segment etabliert. Seit mehreren Jahren entwickelt sich für Renault das Geschäft mit den Stromern zumindest in Europa zu einer echten Erfolgsstory, deren nächstes Kapitel die Allianz noch in diesem Jahr aufschlagen wird. Basis für einen künftigen Erfolg soll die neue batterieelektrische CMF-EV-Plattform werden, die den Auftakt zu einer komplett neuen Generation von E-Modellen auch für den 2016 hinzugekommenen Allianzpartner Mitsubishi markiert. Renault und Nissan haben Erfahrung und Kompetenzen gebündelt und neben Synergien mit ihrem globalen Netzwerk große Stückzahlen und entsprechende Skalierungseffekte generiert.

Letztere sind auch Ziel der partiellen Kooperation von Ford und VW, die ihre offiziell 2019 verkündete Allianz mittlerweile formalisiert haben. Die Zusammenarbeit beider Konzerne sieht neben dem Fokus auf Elektromobilität außerdem die gemeinschaftliche Nutzung von Technik für autonomes Fahren sowie Plattformen für mehrere Nutzfahrzeug-Baureihen vor. Wichtiger jedoch: Trotz einer eigenständig entwickelten Elektroantriebstechnik will Ford zugleich Großabnehmer des VW-Elektrobaukastens MEB werden. Es soll mindestens eine Ford-Baureihe auf Basis der MEB-Technik entstehen, die im deutschen Ford-Standort Köln-Niehl produziert wird. Neben einem Kompakt- ist auch ein elektrischer Kleinwagen denkbar. Der US-Konzern kann somit darauf verzichten, eine für sein Europa-Geschäft wichtige E-Plattform in Eigenregie zu entwickeln und zugleich kurzfristig, vermutlich ab 2023, auch in Volumensegmenten mit rein batterieelektrischen Modellen präsent sein. VW profitiert von den Skalierungseffekten dank steigender Stückzahlen, zudem lässt sich mit Elektro-Plattformen auch Geld verdienen, denn ihr Anteil in der Wertschöpfungskette liegt bei gut 70 Prozent.

Ähnlich wie VW beim MEB hat auch der US-Riese General Motors (GM) in eine rein batterieelektrische Plattform namens Ultium Drive investiert, die bereits zur Wiederbelebung der Marke Hummer eingesetzt und ab dem kommenden Jahr auch den Umbau der Luxusmarke Cadillac zur Elektromarke vorantreiben wird. Angesichts der vielen GM-Marken sollten sich bereits innerhalb des Konzerns größere Skalierungseffekte hebeln lassen, dennoch hat man vergangenes Jahr als zusätzlichen Abnehmer Honda ins Boot geholt. Während GM bis 2023 mehr als 20 Elektro-Auto-Baureihen auf den Markt bringen will, sollen für den japanischen Autobauer immerhin zwei E-Modelle auf Ultium-Basis entstehen. Zugleich sieht die Kooperation auch die Bündelung der Kompetenzen und Ressourcen in den Bereichen Brennstoffzelle, autonomes Fahren aber auch bei klassischen Verbrennermodellen vor.

GM ist übrigens seit Anfang der Nullerjahre an dem chinesischen Joint-Venture SAIC GM Wuling beteiligt, welches 2010 unter anderem die Marke Baojun ins Leben gerufen hat. Vergangenes Jahr hat Baojun wiederum den nur rund 8.000 Euro teuren Elektrozwerg E300 vorgestellt, bei dessen Entwicklung auch Elektro-Gigant Xiaomi beteiligt war. Xiaomi ist nur eine von mehreren chinesischen Tech-Firmen, die künftig auch Geld im Bereich E-Mobilität verdienen wollen. Sein Interesse an dieser Branche hat der vor allem für seine Smartphones bekannte Konzern bereits mit der Gründung des Elektroauto-Start-ups Xpeng verdeutlicht.

Weitere Beispiele des Zusammengehens chinesischer Autohersteller mit heimischen Tech-Unternehmen liefert Volvo-Eigner Geely. Anfang 2021 hat der Konzern von Li Shufu nämlich mit dem Suchmaschinen-Riesen Baidu und kurze Zeit später außerdem noch mit dem Apple-Zulieferer Foxconn Partnerschaften zum Bau von Elektroautos ins Leben gerufen. Foxconn wiederum hat jüngst ein strategisches Rahmenabkommen mit dem strauchelnden E-Auto-Start-up Byton geschlossen, damit die auf Eis gelegte Massenfertigung des Elektro-SUV M-Byte bereits kommendes Jahr anlaufen soll.

Auch im Lkw-Bereich werden mittlerweile neue Elektro-Allianzen geschmiedet. Ähnlich wie Ford und VW im Pkw-Segment sind die Daimler Truck AG und Volvo Trucks bei Lastwagen eigentlich Konkurrenten, die sich allerdings nicht zu schade waren, Ende 2020 ein Joint Venture zur Entwicklung von Brennstoffzellentechnik zu gründen. Ziel ist es, diese im Lkw-Bereich als zukunftsfähig erachtete Technik zur Serienreife zu bringen sowie deren Produktion und Vermarktung gemeinschaftlich zu stemmen. Wohl frühestens 2025 dürfte diese Kooperation marktreife Schwerlaster mit Wasserstoffantrieb hervorbringen.

Ebenfalls im Bereich Wasserstoff, aber zugleich auch bei der Entwicklung batterieelektrischer Plattformen, kooperieren seit Ende 2020 die zum VW-Konzern gehörende Nutzfahrzeugholding Traton und Toyotas Nutzfahrzeug-Tochter Hino. Bereits 2018 sind beide Unternehmen eine Kooperation für den Teileeinkauf eingegangen. Die Ausweitung auf ein Elektro-Joint-Venture sieht neben Milliarden-Investitionen auch die Gründung von Kooperations-Standorten in Schweden und Japan vor.

Dem Wasserstoffantrieb trauen Experten vor allem im Nutzfahrzeugbereich ein großes Marktpotenzial zu, doch auch Pkw-Hersteller wie Toyota halten vorläufig an der sauberen Technik fest. Dank der bereits 2013 beschlossenen Kooperation von Toyota mit BMW, die unter anderem das Sportwagen-Projekt Z4/Supra hervorgebracht hat, wird der einstige Wasserstoff-Pionier BMW künftig auch Brennstoffzellenfahrzeuge anbieten können. Die Technik stammt aus dem 2020 von Toyota eingeführten Mirai II. Die Stromerzeugungstechnik will BMW ab 2022 in einem zunächst in Kleinserie produzierten Wasserstoff-X5 einsetzen. Ab 2025 wollen die Münchener Brennstoffzellen-Pkw in größerer Stückzahl produzieren.

Mario Hommen/SP-X