Archivierter Artikel vom 31.05.2022, 17:07 Uhr

Donnerwetter! – Fahrbericht: Aprilia Tuono 660 Factory

Aprilias „Factory“-Versionen, bislang für RSV4 und Tuono V4 1100 zu haben, genießen einen guten Ruf. Jetzt hat die italienische Marke auch ihr Einsteigermodell Tuono 660 verfeinert.

Von Holger Holzer/SP-X

SP-X/Misano Adriatico. So ein Modellbaukasten ist schon eine feine Sache. Hat man ausreichend Motor- und Übersetzungsversionen, genügt es, ins Regal zu greifen und schon ist eine zusätzliche Modellversion generiert. So ist Aprilia bei der neuen Tuono 660 Factory vorgegangen: Der Antrieb erfolgt bei dieser Version vom 73,5 kW/100 PS starken Motor aus der RS 660, die Übersetzung wurde zugunsten besseren Durchzugs geringfügig verkürzt. Dazu gibt es die große Ausgabe der Fahrassistenzsysteme, bei der sämtliche möglichen Fahrzeugdaten von einem Sechsachsen-Sensor erfasst werden. Damit wird, wie bei der RS, ein Kurven-ABS möglich. 11.000 Euro, also 400 Euro mehr als für die Tuono 660 will Aprilia von den Kunden für die Factory-Version. Dafür erhält der Käufer auch noch einen Quickshifter.

Die spürbare Durchzugsschwäche, welche der RS 660 um die 6.000 Touren zu eigen ist, konnten die Aprilia-Entwickler durch die sechsprozentige Kürzung der Endübersetzung eindrucksvoll reduzieren. Die Tuono 660 Factory mit ebenfalls 73,5 kW/100 PS Leistung statt der 70 kW/95 PS der Basis-Tuono weist eine deutlich linearere Leistungsentfaltung auf; in der unteren Drehzahlhälfte geht sie verhalten, oben raus feuert sie dann entsprechend ihrer Leistungsklasse. Der Twin dreht dermaßen leichtfüßig, dass man auf der Rennstrecke immer wieder in den bei erst 11.500 Umdrehungen aktiven Begrenzer gerät. Der Sound ist überzeugend – der Hubzapfenversatz der Kurbelwelle von 270 Grad lässt das Triebwerk akustisch als V2 wirken. Allerdings ist die Tuono 660 Factory kein „Tirol-Bike“: Das Standgeräusch von 96 dB (A) erfreut ganz sicherlich auch beim Kaltstart am Sonntagfrüh nicht die Nachbarschaft des Besitzers.

Das Fahrwerk der Tuono 660 Factoy, nun voll einstellbar, ist allen Anforderungen dieser Fahrzeugkategorie gewachsen. Unser auf die Rennstrecke beschränkter Fahrtest demonstrierte, dass die kleinste aller Factorys sich in der Hand von Rennstreckenexperten bis an die Haftgrenze der vorzüglichen Pirelli Supercorsa umlegen lässt und die gegenüber der Basis-Tuono um 2,5 Grad üppigere Schräglage komplett umsetzen kann. Die geringfügig verlängerte Schwinge schlägt sich im extrem forcierten Betrieb in Form gesteigerter Traktion nieder. Das Schräglagen-Plus rührt übrigens von der Verwendung der RS-Fußrasten her. Die Bremsanlage mit Vierkolben-Radialzangen ist über jede Kritik erhaben.

Die mit 183 Kilogramm fahrfertigem Leergewicht bereits leichtgewichtige Tuono 660 hat in der Factory-Ausführung zwei Kilogramm Masse verloren. Dafür hat Aprilia die Normalbatterie durch einen Akku mit Lithium-Ionen-Technologie ersetzt. Natürlich sind zwei Kilo mehr oder weniger nicht unmittelbar spürbar, aber fühlbar ist, dass die Tuono 660 Factory zu den sich besonders leicht anfühlenden Motorrädern gehört.

Der bei der Basis-Tuono nicht serienmäßige Quickshifter macht seine Sache in der Factory ausgezeichnet.

Die in der Factory gegebene elektronische Vollausstattung mit Sechsachsensensor und damit auch Kurven-ABS gehört bei einem solch sportlichen Nakedbike unbedingt dazu. In Sachen Fahrassistenzsysteme bietet Aprilia bei der kleinen Tuono nicht weniger als bei der Tuono V4 1100, was nun wirklich keine Selbstverständlichkeit ist. Die Wheelie-Kontrolle ist freilich eher von theoretischem Wert: Angesichts von 100 PS muss man das Vorderrad schon bewusst steigen lassen wollen. Das bunte TFT-Display mit den fünf Fahrprogrammen bietet viel: Für den Sporteinsatz auf Rundstrecken gibt es zwei Sonder-Modi, für die Straße sind Commute, Dynamik und Individual gedacht; bei letzterem sind sämtliche Faktoren frei wählbar. Das Angebot der Schaltzentrale ist insgesamt mehr als reichlich und erreicht das Niveau der großen Tuono V4, die Menüführung ist ok. In punkto Übersichtlichkeit gibt es beim Tuono-Display – wie generell bei Aprilia – aber nach wie vor Verbesserungspotenzial.

Angesichts der Qualitäten der Tuono 660 Factory verwundert es nicht, dass die Händler bislang keine überbordende Nachfrage nach der Basis-Tuono feststellen konnten. Offenbar war potenziellen Kunden das bisherige Paket nicht attraktiv genug. Nun, mit noch besseren Federelementen, Elektronik-Vollausstattung samt Quickshifter und Kurven-ABS, sollte die Nachfrage deutlich steigen.

Die 400 Euro mehr für eine Factory sind gut angelegtes Geld. Jetzt erscheint die Tuono 660 als „rund“ und legt für die Marke Aprilia Ehre ein. Freilich bedeutet das im Umkehrschluss: Die Basis-Tuono 660 wird wohl nur als A2-Version Karriere machen können. Wer einen A-Führerschein sein Eigen nennt, dürfte keinen Grund erkennen, der gegen den Kauf einer Factory spricht. Als Fazit bleibt insofern der Ausruf „Donnerwetter!“ Passt einfach zur Modellbezeichnung Tuono, was auf Deutsch Donner bedeutet.

Technische Daten Aprilia Tuono 660 Factory

Motor: Flüssigkeitsgekühlter Parallel-Zweizylinder-Viertaktmotor, 659 ccm Hubraum, vier Ventile pro Zylinder, DOHC, 73,5 kW/100 PS bei 10.500 U/min., 67 Nm bei 8.500 U/min; Einspritzung, 6 Gänge, Kette

Fahrwerk: Aluminium-Brückenrahmen; 4,1 cm Upside-down-Telegabel (Kayaba) vorne, voll einstellbar, 11 cm Federweg; Aluminium-Zweiarmschwinge hinten, Gasdruck-Zentralfederbein (Sachs), voll einstellbar, 13 cm Federweg; Leichtmetallgussräder; Reifen vorne 120/70 ZR 17, hinten 180/55 ZR 17. 32 cm Doppelscheibenbremse vorne, 22 cm Einscheibenbremse hinten

Assistenzsysteme: Kurven-ABS, Traktionskontrolle, Wheeliekontrolle, Motorbremse, Tempomat, fünf Ridingmodes, Pit-Limiter; Quickshifter

Fahrleistungen: Höchstgeschwindigkeit 230 km/h

Maße, Gewichte und Verbrauch: Radstand 1,370 m, Sitzhöhe 82 cm, Gewicht fahrfertig 181 kg. Tankinhalt 15 l; Normverbrauch 4,9 l/100 km

Farbe: Dark

Preis: 11.000 Euro

Holger Holzer/SP-X