Dem Himmel so nah – Panorama: Oldtimer-Rallye Colorado Grand

Eigentlich wollte Bob Sutherland nur mal wieder seine Autos ausfahren und ein bisschen Spaß mit ein paar Freunden haben. Doch was vor bald 40 Jahren als Herrenfahrt mit ein paar Kumpels begonnen hat, ist mittlerweile zur spektakulärsten Oldtimer-Rallye in den USA geworden.

Von Benjamin Bessinger, SP-X
Lesezeit: 6 Minuten

SP-X/Vail/Colorado/USA. Normalerweise hat er den strengen Blick eines Gesetzeshüters, der niemandem etwas durchgehen lässt. Doch an Tagen wie diesen kann sich Mike „Piney“ Harris sein Lachen kaum verkneifen. Denn es ist wieder September und der Grandseigneur der Colorado State Trooper steht jetzt schon im 17 Jahr auf der Bühne in Vail und begrüßt die Fahrer der „Colorado Grand“. Während draußen seine BMW funkelt wie am ersten Tag, gibt der Motorrad-Cop den über 100 Teams für die nächsten vier Tage noch ein paar gute Ratschläge und ein paar warme Worte mit auf den Weg zur vielleicht schönste Oldtimer-Rallye jenseits des Atlantiks. Er warnt sie vor seinen Kollegen aus der Provinz, bittet um Rücksicht für Schulbusse und macht klar, dass er bei doppelt durchgezogenen Linien keinen Spaß versteht. Und er sagt, dass seine Handzeichen hier Gesetz sind: „If the Troopers don’t wave, dont be brave!“ Aber wer ihm dabei in die Augen schaut und Piney dabei lachen sieht, der weiß, dass diese Regel eine gute ist. Denn winken wird der Mann von der Motorradstreife in den nächsten Tagen öfter, und seine Kollegen tun es im gleich. Schließlich weiß auch Piney, dass es nur drei Worte braucht, um Fahrfreude zu beschreiben: Gas, Gas, Gas!

Deshalb macht es der Polizist auch wie immer kurz und schmerlos. Denn genau wie sein Publikum kann er es kaum erwarten, sich endlich auf jene 1.000 Meilen durch die Rocky Mountains zu machen, die der Mille Miglia in Italien längst die Schau stehlen. Denn nicht nur die Landschaft hier drüben ist – scusi Toscana, permesso Piemonte – spektakulärer. In der Einsamkeit des gewaltigen Flächenstaates nimmt man es auch mit den Verkehrsregeln noch weniger genau als in der Rennwoche in Italien. Wer immer schön in Pineys Windschatten bleibe oder eben auf seine Handzeichen achte, der werde sein rechtes Bein schon ordentlich ausstrecken können, lockt der Polizist mit einem Lachen Schließlich müsse er sein Dienstmotorrad ja auch mal wieder freifahren.

Ja, die Mutter aller Oldtimer-Rallyes mag das Vorbild für die Raserei durch die Rockies gewesen sein. Schließlich war es die Teilnahme an der ersten Neuauflage des klassischen Rennens, die den Oldtimer-Sammler Bob Sutherland aus Denver zu einer heimatlichen Herrenfahrt mit ein paar Freunden inspiriert hat und am Ende zu jener Rallye führte, die in diesem Jahr zum 33. Mal ausgetragen wurde. Doch während es in Italien zumindest einigen Teilnehmern durchaus um Sport geht und um Präzision, geht es hier allein um die Freude am Fahren und es gibt sich niemand ab mit Lichtschraken und Roadbooks, mit Startzeiten und Sonderzeichen.

Es gibt keinen Wettbewerb, sondern Kameradschaft, und auch wenn die meisten Teilnehmer vor Geld wahrscheinlich kaum laufen können, ihre Autos eigens einfliegen lassen und für die Woche ganze Werkstattwagen buchen, geht’s hier nicht ums Geschäft. Denn die „Grand“ ist kein Wirtschaftsunternehmen wie die Mille Miglia, sondern eine Wohltätigkeitsveranstaltung, die über die Jahrzehnte bereits gut zehn Millionen Euro an Spenden zusammengetrommelt hat – allein bei der Charity-Auktion am letzten Abend kamen in kaum mehr als einer halben Stunde wieder über 600.000 Dollar dazu, die gleich entlang der Strecke an die Local Communities verteilt werden, die Stipendien bezahlen und Kulturvereine unterstützen und die vor allem an die Witwen und Waisen der State Trooper gehen, wenn deren Tagesgeschäft mal wieder tödliche Opfer für die Gesellschaft fordert. Kein Wunder also, dass das Auge des Gesetzes hier nicht ganz so genau hinschaut, wenn die reichen Raser ihren alten Sportwagen die Sporen geben.

Natürlich macht es Piney stolz, Teil dieser Familie zu sein, und er freut sich an der Unterstützung. Doch allzu lange möchte er darüber lieber nicht nachdenken, weil das nur die Laune trübt. Denn die Unterstützung mag gut sein, doch der Grund, weshalb sie bisweilen nötig wird, ist in der Regel eher traurig. Nicht umsonst haben sie gerade erst wieder einen jungen Kollegen zu Grabe getragen bei den Troopern. Also lieber nicht lange nachdenken, sondern raus aus dem Hotel, rauf auf den Bock und rein in die Rockies:

Die Luft ist dünn und eiskalt an diesem Morgen in Vail. Doch von der Ruhe der Zwischensaison ist in dem noblen Skiort heute nicht mehr viel übrig: Es riecht nach Benzin und heißem Öl, der Boden scheint zu beben, und über allem liegt der Krach von vielen hundert Zylindern, die sich langsam warmlaufen für eine rasante Rundfahrt durch eine der schönsten Landschaften der Welt: Bentleys aus den Dreißigern, Bugattis von 1925 aufwärts, Ferrari, Maserati, Jaguar und jede Menge Porsche.

Und mittendrin ein silberner Mercedes SL 280 aus dem Jahr 1968, der mit seinen 54 Jahren eigentlich sogar zu jung ist für diese Sause. Aber weil Mercedes hier der Hauptsponsor ist, das schwäbische Classic-Center in Irvine den Service für alle Teilnehmer organisiert und weil Regeln hier eher Empfehlungen sind als eherne Gesetze, ist der softe Silberpfeil sofort akzeptiert und adoptiert und geht deshalb mit auf die Strecke.

Klar kann der W113 nicht mit den Flügeltürern und den Roadstern des 300 SL mithalten, die neben dem Porsche 356 und dem Bentley Blower hier den Löwenanteil im Feld stellen. Nicht umsonst ist der „Sportwagen des Jahrhunderts“ 1954 erst auf Drängen des amerikanischen Mercedes-Importeurs gebaut worden. Obwohl die fast schon filigrane Pagode jünger ist, ist sie keineswegs wilder, sondern war schon immer eher der coole Cruiser – näher am 190er als am 300er, eher Clark Gable als James Dean. Trotzdem mag dieser SL früher mal ein veritabler Sportwagen gewesen sein. Und unten im Flachland, drüben im sonnigen Kalifornien, mag der seidig-sahnige Reihen-Sechszylinder bei 2,8 Litern Hubraum 170 PS und 240 Nm noch immer leichtes Spiel haben mit den knapp 1,4 Tonnen. Doch hier in Colorado auf oftmals mehr als 3.000 Metern Höhe, in engen Kehren und steilen Pässen bei dünner Luft und tiefen Temperaturen sieht die Sache ein bisschen anders aus: Herzrasen jedenfalls bekommt man keines, wenn sich der SL in knappen zehn Sekunden auf Tempo 100 schraubt und sich bei Vollgas tapfer der alten Spitzenmarke von 195 km/h nähert. Erst recht nicht, wenn man die Sache auch noch der Automatik überlässt, die gefühlt die Hälfte der Kraft irgendwo im Wandler verschluckt, bevor sie den spärlichen Rest an die Hinterräder leitet. Piney, um uns musst Du dir keine Sorgen machen, dich sehen wir wohl erst beim Abendessen wieder.

Aber dafür muss sich um diesen Wagen auch sonst keiner Sorgen. Der Motor läuft wie ein Uhrwerk, startet selbst morgens bei unter null Grad problemlos, wird später bei über 30 Grad auf vielen Tausend Metern nicht zu heiß und bringt Mechaniker Nate Lander aus dem Mercedes Classic Center in Irvine jeden Morgen aufs neue zum Staunen: „Ölstand, Kühlwasser? Keinen Tropfen musste ich nachfüllen“, wundert sich der Oldtimer-Profi.

Das ist beileibe nicht bei allen Teilnehmern so. Denn auch wenn es in den USA kaum schönere Straßen als die zwischen Vail und Grand Junction, Moab und Telluride gibt, fordern diese Strecken selbst dann ihren Tribut, wenn das Wetter wie bei dieser Auflage eher gnädig ist: Die hohen Geschwindigkeiten, die langen Steigungen, vor allem aber die dünne Luft setzen den alten Motoren kräftig zu.

Natürlich sind die Teilnehmer froh um jede Meile, die sie mit ihrem Oldtimer abspulen können, schließlich haben viele ihren Wagen eigens für die Rallye angeschafft. Doch es gibt schlimmeres als eine Panne – erstens, weil Hauptsponsor Mercedes mit den Mechanikern aus Long Beach auch Fremdfabrikate wieder flott macht. Und zweitens, weil auf deren Trailern ein halbes Dutzend neue AMG als Ersatzfahrzeuge hinterher fahren für den Fall aller Fälle. Je schlechter das Wetter wird, desto größer die Sehnsucht mancher Teilnehmer, dass sie vielleicht doch eine Panne haben und aus ihrem offenen Vorkriegs-Bugatti schnell in ein trockenes GLE Coupé wechseln können.

Nur Piney will davon nichts wissen. Der sitzt selbst bei den wenigen Schlechtwetter-Einbrüchen stolz auf seiner BMW, führt die Truppe an wie ein General die Kavallerie und lässt sich das Lachen auch nicht vom Regen aus dem Gesicht waschen. Stattdessen gibt er einfach ein bisschen mehr Gas und dreht so die Dusche für seinen Hintermann noch etwas weiter auf. Das Tempolimit hat die Kolonne da längst überschritten, aber stören tut sich daran heute keiner. Am allerwenigsten ihr Anführer, Piney: „Ich bin ja nicht umsonst Polizist geworden“.

Benjamin Bessinger/SP-X
Archivierter Artikel vom 30.09.2022, 17:07 Uhr