Archivierter Artikel vom 15.10.2021, 15:07 Uhr

Cool durch’s Kreuzfeuer – Panorama: Mercedes S680 Guard

Auf seinem Weg an die Spitze der Regierung hat der vermutlich nächste Kanzler Olaf Scholz reichlich Coolness gegenüber aller Kritik bewiesen. Damit er auch im Amt cool durchs Kreuzfeuer kommt, baut ihn Mercedes gerade eine neue Sonderschutzlimousine.

Der Mercedes S680 Guard ist keine gewöhnliche S-Klasse
Der Mercedes S680 Guard ist keine gewöhnliche S-Klasse

In der Guard-Manufaktur wird aus der Limousine ein Panzer im Pelzmantel
In der Guard-Manufaktur wird aus der Limousine ein Panzer im Pelzmantel

SP-X/Sindelfingen/Baden-Baden. Es geht ruhig und bedächtig zu in der abgelegenen Halle in Mercedes Stammwerk in Sindelfingen. Während ein paar hundert Meter weiter in der Factory 56 wie in einem Science Fiction Film die neue S-Klasse und der EQS im modernsten Autowerk der Welt von autonomen Robotern durch die weitgehend automatisierte Fabrik bugsiert werden, schrauben hier zwei Dutzend Handwerker vergleichsweise bedächtig an einer Reihe schwarzer Limousinen. Statt 90 Sekunden hat ihr Takt 400 Minuten und statt 1,5 Tage dauert die Produktion hier gute zwei Wochen. Doch hier bauen sie schließlich keine gewöhnlichen S-Klassen. Das hier ist die Guard-Manufaktur, in der aus der Limousine ein Panzer im Pelzmantel wird. Denn hier montiert Mercedes all jene Autos, denen Kanzler, Könige und Konzernbosse seit über 90 Jahren ihr Leben anvertrauen – und da wird man sich ja wohl mal ein bisschen Zeit lassen dürfen.

Der Guard bekommt eine Schutzzelle aus Panzerstahl, Aramidfasern und mehrlagigem Glas von fast zehn Zentimetern Dicke
Der Guard bekommt eine Schutzzelle aus Panzerstahl, Aramidfasern und mehrlagigem Glas von fast zehn Zentimetern Dicke

Sicherheit definiert sich in diesen Kreisen nicht über Airbags und Assistenzsysteme. „Hier sprechen wir von ballistischem Bedrohungen“, sagt Baureihenleiter Andreas Zygan und rattert Waffengattungen herunter, bei denen selbst James Bond zu Schaudern beginnen würde. Die Magnum aus dem Western ist genau wie die bei Terroristen so beliebte Kalaschnikow nur ein besseres Spielzeug gegen das, was Zygan zu parieren hatte: „Hier geht es um Scharfschützengewehre, die auch auf drei Kilometern noch einen Baum durchschlagen, und um 12,5 Kilo Plastiksprengstoff, die direkt neben dem Wagen gezündet werden.“

Damit die Fahrer wissen, auf was sie sich da einlassen, gibt es zum Auto gleich auch noch ein Training, bei dem der Guar
Damit die Fahrer wissen, auf was sie sich da einlassen, gibt es zum Auto gleich auch noch ein Training, bei dem der Guard über den Handlingparcours gescheucht wird

Damit die VIP dieser Welt cool durch so ein Kreuzfeuer kommen, bauen sie hier in der Sindelfinger Manufakur quasi ein komplett neues Auto – nur dass sie diesmal keinen Gedanken an Leichtbau verschwenden. Der Guard bekommt eine Schutzzelle aus Panzerstahl, Aramidfasern und mehrlagigem Glas von fast zehn Zentimetern Dicke. Erst im zweiten Schritt wird dieser Tresor auf Rädern dann mit den Außenblechen der S-Klasse verkleidet – und unterscheidet sich so für das ungeübte Auge kaum mehr von einer gewöhnlichen Luxuslimousine. „Denn unauffällig zu bleiben, ist oft die beste Verteidigungsstrategie“, sagt Zygan – wobei das beim Kunden wie dem Kanzler kaum gelingen wird, wenn vorne eine Eskorte fährt und hintendran die Kavallerie.

Es geht auch auf die Aquaplaning-Fläche
Es geht auch auf die Aquaplaning-Fläche

Dass der Panzer dichthält, hat Zygans Truppe nicht nur hundertfach berechnet und auf einem kleinen Schießstand im Keller des Werkes an Dutzenden Bauteilen geprüft. Darauf hat den Schwaben das staatliche Beschussamt in München auch Brief und Siegel gegeben. Mehr als 300 Schuss haben die Experten auf den Luxusliner abgefeuert und dabei immer auf die neuralgischen Punkte gezielt. Und spätestens als die Sprengladung detonierte, war auch das letzte bisschen Glanz und Gloria verpufft. Doch auch wenn die S-Klasse danach ausgesehen hat wie ein Schweizer Käse aus der Räucherkammer, wären die Insassen unverletzt geblieben. Das zumindest haben die Daten des Hightech-Dummies ergeben, der den Angriff stoisch über sich ergehen ließ.

Auch der Fahrer fühlt sich erst einmal wie in einer ganz normalen S-Klasse
Auch der Fahrer fühlt sich erst einmal wie in einer ganz normalen S-Klasse

Während der Guard für Zygans Truppe ein Sonderfall ist, sollen die Insassen von der Schutzausstattung möglichst wenig mitbekommen. Klar gibt es für den Bodyguard von Benz kein Panoramadach, das Head-Up-Display funktioniert nicht bei den armdicken Scheiben und den Platz für den Kühlschrank im Kofferraum nehmen der automatische Feuerlöscher und das Frischluftsystem ein, das bei einem Gasangriff einen Gegendruck erzeugt und Giftstoffe so aus der Kabine heraushält. Doch Lack und Leder und den üblichen Luxus bis hin zu den Liegesitzen müssen die Führungspersönlichkeiten im Fond nicht vermissen. Und auch wenn die Türen jetzt 180 Kilo wiegen und zehn Zentimeter dick sind, lassen sie sich dank elektrischer Unterstützung spielend schließen und schränken die Schulterfreiheit nur minimal ein.

Die Insassen sollen von der Schutzausstattung möglichst wenig mitbekommen
Die Insassen sollen von der Schutzausstattung möglichst wenig mitbekommen

Auch der Fahrer fühlt sich erst einmal wie in einer ganz normalen S-Klasse. Klar, bei mehr als vier Tonnen Gewicht beschleunigt der Luxusliner nicht ganz so flott wie üblich. Selbst wenn ihm Zygan den sonst für Maybach reservierten V12-Motor spendiert hat und unter der Haube nun 612 PS und 830 Nm den Kampf mit den Kilos aufnehmen, dauert es bis Tempo 100 deshalb gute acht Sekunden. Und dass bei 190 km/h wieder Schluss ist, passt vielleicht nicht ganz zum Selbstverständnis der S-Klasse-Klientel, lässt ich aber mit den Einschränkungen durch die schusssicheren Reifen bestens begründen. Zumal Verfolgungsfahrten nur im Kino zum Anforderungsprofil solcher Autos zählen, sagt Zygan. „In der Realität geht es vor allem darum, die paar Sekunden zu überstehen, bis die Begleitung eingreifen und die Situation bereinigen kann. Mobil und beweglich zu bleiben und reagieren zu können, darauf kommt es an. Und nicht auf die möglichst schnelle Flucht nach vorne“, erläutert er die Strategie.

Fürs nötige Zutrauen in die Notlaufreifen lassen die Instruktoren auch mal die Luft raus und schicken den Panzer auf mit
Fürs nötige Zutrauen in die Notlaufreifen lassen die Instruktoren auch mal die Luft raus und schicken den Panzer auf mit Plattfuß durch die Übungen

Im Konvoi durch eine Parade, über rote Ampeln mit Geleitschutz zum Flughafen oder nach einem anstrengenden Regierungstag einfach nur nach Hause ins Bett – da gibt sich der Guard deshalb in der ersten wie in der zweiten Reihe als fast normale S-Klasse. Erst wenn es brenzlig wird, spürt man seine Sonderrolle. Denn auch die stärksten Bremsen im Mercedes-Regal brauchen bei diesem Gewicht etwas mehr Weg und auch das beste Fahrwerk kann das Wanken des Wagens nicht verhindern, wenn er im Slalom um Straßensperren oder andere Hindernisse kurvt.

Der S680 Guard kostet rund 550.000 Euro
Der S680 Guard kostet rund 550.000 Euro

Damit die Fahrer wissen, auf was sie sich da einlassen, gibt es zum Auto gleich auch noch ein Training, bei dem der Guard über den Handlingparcours gescheucht wird, durch die Hütchengassen fliegt und auf der Aquaplaning-Fläche seine Pirouetten dreht. Und fürs nötige Zutrauen in die Notlaufreifen lassen die Instruktoren auch mal die Luft raus und schicken den Panzer auf mit Plattfuß durch die Übungen, ohne dass man einen echten Unterschied merken würde.

Pünktlich zum Regierungswechsel bietet Mercedes die neue S-Klasse wieder als Guard an
Pünktlich zum Regierungswechsel bietet Mercedes die neue S-Klasse wieder als Guard an

Die Agentenwende allerdings lernen sie hier genauso wenig wie das Rammen eines Gegners, wie sie auch im Stau noch vorankommen oder wie sie einen Angreifer abdrängen können. „Wir vermitteln hier nur die Beherrschung des Fahrzeuges mit all seinen Eigenheiten“, sagt Zygan, „das taktische Training überlassen wir den Spezialisten bei Polizei, Militär oder Sicherheitsberatern.“

Zwar treibt Mercedes für den Guard einen immensen Aufwand. Doch bei einem Preis, der mit rund 550.000 Euro etwa doppelt so hoch ist wie bei einem Maybach, und bei einer Jahresproduktion im „soliden dreistelligen Bereich“ ist das laut Zygan noch immer ein einträgliches Geschäft. Von der Werbewirkung ganz zu schweigen. Denn es vergeht kaum ein Tag, an dem nicht irgendeine S-Klasse in offizieller Mission durch die Abendnachrichten fährt. Und das ist Mehrwert auch für konventionelle Mercedes-Modelle, der mit Geld kaum zu bezahlen ist.

Benjamin Bessinger/SP-X