Archivierter Artikel vom 16.08.2022, 16:07 Uhr

Chinakracher mit Alpentechnik – Test: CFMoto 800MT Touring

Der in Fernost angesiedelte Hersteller CFMoto bringt seine erste Reiseenduro – und überrascht.

SP-X/Köln. Dass chinesische Unternehmen auf den europäischen Motorradmarkt drängen, ist nicht neu: Benelli, Mondial, Niu, Quingqi, Shineray, Sky Team, Sym Sanyang und Zhejiang sind Markennamen, die teils schon jahrelang in den deutschen Zulassungsstatistiken auftauchen. Auch CFMoto gehört dazu. Das Unternehmen, zugleich als chinesischer Vertriebs- und Produktionspartner von KTM etabliert, bringt jetzt mit dem Modell 800MT seine erste Reiseenduro auf den Markt. Bei der 67 kW/91 PS starken Zweizylindermaschine handelt es sich, um unser Fazit vorwegzunehmen, um das derzeit technisch anspruchsvollste und auch qualitativ beste Motorrad chinesischen Ursprungs. Wobei man die Gen-Spende von KTM in Form von Motor, Getriebe und elektronischen Assistenzsystemen der nicht mehr angebotenen 790 Adventure natürlich nicht außer Acht lassen darf.

Auch im China-Trimm ist der KTM-Reihenzweizylinder kein kraftloser Tiger: Zwar fehlen ihm nominell 4 PS, doch musste das Triebwerk von den Chinesen ja erst Euro5-tauglich gemacht werden; KTM hat seinerzeit darauf verzichtet und die 790er schon kurz nach ihrer Vorstellung 2019 durch die hubraumgrößere 890er Version ersetzt. Schwerer als die 4 PS wiegt der Drehmomentverlust: Statt einst 89 Nm bei 6.600 U/min sind nur noch 75 Nm an Bord, die zudem erst bei 8.000 U/min vollzählig anliegen.

Der Verbrauch leidet unter der neuen, insgesamt noch nicht so richtig gediegenen Motorabstimmung und auch dem mit 231 Kilogramm recht hohen Fahrzeuggewicht: Während die KTM 790 Adventure (210 kg) noch mit 4,2 l/100 km angegeben war, gibt CFMoto für die 800MT 5,0 Liter an. Unsere Praxiswerte mit überwiegend zügiger, aber gelassen absolvierten Landstraßentouren lagen zwischen 4,1 und 4,9 l/100 km. Angesichts des 19 Liter-Tanks freut man sich über rund 350 km Reichweite.

Freude macht auch das Getriebe des Chinakrachers. Es schaltet sich leicht und präzise, der Quickshifter fürs kupplungslose Schalten funktioniert nach KTM-Manier, also bestens. Auch die Kupplung gefällt.

Gänzlich anders als beim Austro-Genspender ist das Fahrwerk der Chinesin aufgebaut. Statt der WP-Fahrwerkselemente werden solche von Kayaba montiert, statt 20 cm sind lediglich 16 (vorne) bzw. 15 cm Federweg vorhanden. Für schlechte Wege reicht das natürlich aus, für eine Reiseenduro sind die Werte aber mager. Die Betonung liegt ganz klar auf Reise.

Weil die weit überwiegende Mehrzahl der Reise-Enduristen ohnehin keine größeren Ambitionen hat als gelegentlich mal einen Feldweg entlangzupreschen, ist das kein ernsthafter Nachteil. Erfreulich, dass sowohl die USD-Gabel wie auch das Zentralfederbein in allen Parametern einstellbar sind. Wobei selbst die Grundeinstellung ok ist. Die von Nissin bezogene Dreischeiben-Bremsanlage arbeitet gut, gehört aber nicht zu den ganz wilden Beißern. Die meisten Fahrer sollte gut damit zurechtkommen. Herausragend für ein Bike „Made in China“ ist das Vorhandensein eines Sechsachsen-Sensors; deshalb sind ein schräglagenfähiges ABS und eine dynamische Traktionskontrolle an Bord. Sehr löblich!

Sehr gut zurechtgekommen sind wir mit der Ergonomie der CFMoto 800MT. Der zweiteilige nicht höhenverstellbare Sitz ist gut konturiert und angenehm gepolstert, das entscheidende Dreieck aus Sitz, Lenker und Fußrasten passt bestens. Positiv hat uns der in der Höhe verstellbare Windschild überrascht; sein Windschutz ist ausgezeichnet, nennenswerte Turbulenzen waren nicht spürbar.

Die Ausstattung der 800MT in der Version Sport (9.899 Euro) ist gut, in der 2.600 Euro teureren Touring-Version überragend. Stets geliefert werden LED-Beleuchtung rundum inklusive Zusatzscheinwerfern und selbstrückstellenden Blinkern, ein Tempomat, ein Kofferträgersystem für drei Alu-Behälter, eine 12 V- und eine USB-Steckdose im Cockpit, das zudem ein 7 Zoll-TFT-Display aufweist. Es ist sehr gut ablesbar, auch ist der Bordcomputer einwandfrei bedienbar. Natürlich ist Bluetooth-Konnektivität gegeben. Zwei Fahrmodi, Sport und Rain, sind vorhanden. Dass es keinen Enduro-Modus gibt und auch keine Deaktivierung des ABS möglich ist, spricht dafür, dass CFMoto dem Fahrzeug von vorneherein keine großen Offroad-Begabungen zuspricht.

Die Touring-Version der 800MT bringt zudem einen heizbaren Fahrersitz, Heizgriffe, Lenkungsdämpfer, Hauptständer, Motor-Unterschutz, Handschützer, eine Reifendruckkontrolle sowie den bereits erwähnten Quickshifter mit. Highlight der Ausstattungs-Optimierung ist jedoch das dreiteilige Alukoffer-Set: Penibel verarbeitet, mit Innenauskleidung und Tragegriffen sowie feinen Schlössern bestens ausgestattet, lässt es sich zudem kinderleicht (de-)montieren und leicht beladen. Die Alubehältnisse sind bestens an das Motorrad angepasst und weisen mit 28 bzw. 35 Litern das allgemein übliche Volumen auf; das Topcase fasst 36 Liter. Anderswo müssen für ein hochwertiges, komplettes dreiteiliges Koffersystem inklusive Trägern mehr als 1.500 Euro ausgegeben werden.

CFMoto wäre wohl nicht in der Lage, die 800MT in dieser Form auf den Markt zu bringen, wenn nicht diverse Komponenten von KTM zur Verfügung stünden. Doch als Produktionspartner der Österreicher verfügen sie nun mal über den Zugang zur aktuellen Technologie. Mit einem Endpreis von 12.499 Euro kostet die 800 MT heute nicht mehr als die 790 Adventure im Jahr 2019 – ohne Koffersystem. Ihre Mankos beschränken sich auf wenige Punkte: ungehörige Gasannahme samt Drehmomentloch im mittleren Drehzahlbereich sowie zu geringe Zuladung mit montierten Koffern (167 kg). In einem gewichtigen Punkt liegt die CFMoto übrigens weit vor der KTM: Ihr Design wurde von allen Betrachtern ausnahmslos als gelungen bezeichnet.

Technische Daten CF Moto 800 MT Touring (Sport in Klammern)

Motor: Flüssigkeitsgekühlter Zweizylinder-Reihenmotor, 8 Ventile, DOHC, 799 ccm Hubraum, 67 kW/91 PS bei 9.250/min., 75 Nm bei 8.000 U/min; Einspritzung, 6 Gänge, Kettenantrieb

Fahrwerk: Stahl-Brückenrahmen; vorne USD-Telegabel (vollständig einstellbar), ø 4,3 cm, 16 cm Federweg; hinten Leichtmetall-Zweiarmschwinge, Zentralfederbein (vollständig einstellbar), 15 cm Federweg; Aluminiumfelgen mit Drahtspeichen (5-Speichen-Aluminiumgussräder); schlauchlose Reifen 110/80 R 19 (vorne) und 150/70 R 17 (hinten). 32 cm Doppelscheibenbremse vorne, 26 cm Einscheibenbremse hinten.

Assistenzsysteme: Kurven-ABS, zwei Fahrmodi, Antihopping-Kupplung, Tempomat, selbstrückstellende LED-Blinker, nur Touring: Quickshifter, Reifendruckkontrolle

Ausstattung: Höhenverstellbarer Windschild, Bluetooth-Konnektivität incl. Navigation über App, zwei Bordsteckdosen (12 V u. USB), LED-Beleuchtung rundum incl. Tagfahrlicht, Zusatzscheinwerfer, Kofferträger Heck und seitlich, (Touring zusätzlich: Griffheizung, beheizbarer Fahrersitz, Lenkungsdämpfer, Hauptständer, Motor-Unterschutz, Handschützer, drei Aluminium-Koffer (36, 35 u. 28 l Volumen)

Maße und Gewichte: Radstand 1,531 m, Sitzhöhe 82,5 cm, Bodenfreiheit 19 cm, Gewicht fahrfertig 231 kg, zul. Gesamtgewicht 413 kg, Zuladung 182 kg; Tankinhalt 19 Liter.

Fahrleistungen: Höchstgeschwindigkeit 195 km/h, 0-100 km/h ca. 4 sec. Standgeräusch 93 dB(A), Normverbrauch lt. EU5 5,0 l/100 km, Testverbrauch 5,1 bis 5,9 Liter/100 km (E10).

Farben: Twilight Blue („Sport“ zusätzlich in Nebula Black)

Service/Garantie: 1x jährlich oder alle 15.000 km; zwei Jahre ohne km-Begrenzung

Preis: 12.499 Euro (ab 9.899 Euro)

Ulf Böhringer/SP-X