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Mainz

Kleiner Parteitag der Grünen: Der große Moment der Eveline Lemke

Wenn es so etwas wie einen Gänsehautmoment beim kleinen Parteitag der Grünen gab, dann war es dieser: Eveline Lemke hatte das Rednerpult bereits verlassen. Nun stand sie da und versuchte, die Tränen zurückzuhalten. Schonungslos hatte sie über Schwächen der Grünen, aber auch über eigene Fehler gesprochen. Hart gegen sich und andere. Manchmal brach ihre Stimme, aber über weite Strecken hatte sie sich im Griff. Das war beim inoffiziellen Teil am Vormittag noch anders gewesen.

Die Wirtschaftsministerin schaffte es, dass sie als Verliererin gefeiert wurde – Sie bleibt trotz Abgang im Spiel – Für was auch immer
Die Wirtschaftsministerin schaffte es, dass sie als Verliererin gefeiert wurde – Sie bleibt trotz Abgang im Spiel – Für was auch immer
Foto: dpa

Es war still, als Lemke sprach. So still wie selten zuvor. Eine Verliererin, die sich nicht rausredet, ist rar im politischen Geschäft. Eine lange Rede ohne Zwischenapplaus auch. In ihrer unerbittlichen Analyse legte Lemke den Finger in viele Wunden. Niemand sonst ging an diesem Tag so weit wie sie. Die Grünen seien zu sehr "Anhängsel der SPD" gewesen, zu viel auf Kuschelkurs gegangen. Lemke räumte Fehler in der Wahlkampfsteuerung ein, unzureichende Einbettung von Gremien- und Parteistrukturen, "mangelnde Kommunikation und Rückkopplung".

„Zu wenig gesteuert und zu viel diskutiert“

Die Sätze der Wirtschaftsministerin saßen: "Wir haben zu wenig gesteuert und zu viel diskutiert." Lemke bezog sich bei jedem kritischen Wort selbst mit ein. Ihre Rede stellte aber auch der Arbeit des Landesvorstandes ein bescheidenes Zeugnis aus. Katharina Binz und Thomas Petry bleiben vorerst im Amt, auch um eine stabile Verhandlungsphase zu garantieren. Sie werden gebraucht. Ob damit aber bereits das letzte Wort über ihr politisches Schicksal gesprochen ist, muss man abwarten.

Zurück zu Lemke. Sie, die gefallene Heldin, war es, die den Parteitag in ihren Bann ziehen konnte. "Ich gehe jetzt in die zweite Reihe", sagte sie gegen Ende ihrer Rede, "aber ihr könnt fest mit mir rechnen."

Tabea Rößner (Grüne) mit Blick auf die rote Ampel: „Die SPD schenkt uns nichts“.
Tabea Rößner (Grüne) mit Blick auf die rote Ampel: „Die SPD schenkt uns nichts“.
Foto: dpa

Und dann zitierte Lemke ein afrikanisches Sprichwort. "Wer schnell ankommen will, der geht allein, aber wer weit kommen will, der geht zusammen." Und weiter: "Ich will, dass wir weit kommen, also lasst uns zusammen gehen." Danach wollte der Applaus nicht mehr enden. Ein Drittel der Grünen im Raum erhob sich sogar von den Sitzen. Lemke wurde geherzt und umarmt. Die Rührung war ihr deutlich anzusehen. Im Gemeindezentrum "Alte Eintracht" war tatsächlich etwas von einer "neuen Eintracht" der Grünen zu spüren.

Nicht nur für Lemke gibt es neue Hoffnung

Mit ihrem Auftritt dürfte Lemke eine kleine Chance gewahrt haben, doch noch Ministerin zu werden. Zumindest dann, wenn die Grünen ein zweites Ressort erhalten sollten. Das hätte den Vorteil, dass Basisliebling Pia Schellhammer in den Landtag nachrücken könnte. Vor allem die grüne Jugend hofft weiter auf eine derartige Entwicklung.

Aufgrund dieser Ausgangslage sah manch einer im Raum in der Emotionalität Lemkes ein geschicktes taktisches Manöver. Doch die weitaus meisten Grünen nahmen der Vize-Ministerpräsidentin ihre Bestürzung und öffentliche Abbitte ab. Und auch aus Lemkes Umfeld wurde mehrfach berichtet, dass sie bis ins Mark getroffen sei.

Unbestritten bleibt: Lemke hat in den vergangenen zehn Jahren einen enormen Einsatz für die Grünen gebracht. Für Privates blieb da wenig Zeit. Das gilt aber auch für den zweiten Spitzenkandidaten und bisherigen Fraktionschef Daniel Köbler. Auch er schlug in seiner Rede selbstkritische Töne an.

Daniel Köbler beim kleinen Parteitag der Grünen: „Wir müssen mehr Diskussionen zulassen“.
Daniel Köbler beim kleinen Parteitag der Grünen: „Wir müssen mehr Diskussionen zulassen“.
Foto: dpa

Zwischen ihm und Lemke sei "alles nicht immer ganz einfach gewesen", meinte er in Kaiserslautern. Und weiter: "Wir müssen wieder mehr inhaltliche Diskussionen führen und zulassen." Köblers Rede war sachlicher, wurde aber ebenfalls mit respektvollem Applaus bedacht. In den vergangenen Tagen muss er kleinlaut und zerknirscht aufgetreten sein. Viele Grüne haben ihn zum ersten Mal von einer sehr menschlichen Seite erlebt. Köbler hat wohl auch früher als Lemke erkannt, dass er sich zurückziehen muss.

Um die Wahlschlappe aufzuarbeiten, wollen die Grünen einen Kongress abhalten. Dort sollen Fehlleistungen analysiert und Strategien entwickelt werden. Mitinitiatorin ist Umweltministerin Ulrike Höfken, die innerparteilich an Gewicht gewonnen hat.

Scherbengericht blieb aus

Parteichef Thomas Petry sprach von einem Wahlergebnis, "das schwer zu verdauen ist". Bundespolitiker Tobias Lindner meinte, die beklagte Dominanz des Duells zwischen Malu Dreyer (SPD) und Julia Klöckner (CDU) sei so absehbar gewesen wie "Weihnachten am 24. Dezember". Dennoch blieb das große Scherbengericht aus. Die Ökopartei blickte auf die Verhandlungen um die rote Ampel, für die es mit nur einer Gegenstimme grünes Licht gab. Informelle Gespräche mit SPD und FDP erfolgten bereits.

"Wir sollten es mit Ernsthaftigkeit versuchen", hatte Parteichefin Katharina Binz gemahnt. Ähnlich hatte sich Anne Spiegel geäußert, die neue Fraktionschefin werden dürfte. Und Bundestagsabgeordnete Tabea Rößner meinte: "Wir können uns warm anziehen. Die SPD schenkt uns nichts."

Dietmar Brück

Landespolitik
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