40.000
  • Startseite
  • » Panorama
  • » Tatort-Kritik: Der lange Schatten der RAF
  • Aus unserem Archiv
    Stuttgart

    Tatort-Kritik: Der lange Schatten der RAF

    Was geschah in der Nacht zum 18. Oktober 1977 in Stammheim? Begingen die RAF-Terroristen Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe in ihren Zellen wirklich Selbstmord, oder hat vielleicht doch der Staat selbst seine Hände mit im Spiel gehabt? Endgültig beantwortet ist die Frage bis heute nicht – „Der rote Schatten“, der neue Stuttgarter „Tatort“, stellt sie nun erneut. Mehr noch: Er bebildert mit pseudodokumentarisch in Super-8 gedrehten Rückblenden beide Versionen. Das ist eine Provokation, wird doch die Theorie, wonach ein Sondereinsatzkommando die Terroristen getötet haben soll, eher als Verschwörung abgetan.

    "Der rote Schatten" mit Wilhelm Jordan (Elias Popp. l) und Astrid 
Frühwein (Emma Jane). Der Tatort wird am 15.10.2017 um 20.15 Uhr in der 
 ARD ausgestrahlt.​ Foto: dpa<br>
    "Der rote Schatten" mit Wilhelm Jordan (Elias Popp. l) und Astrid Frühwein (Emma Jane). Der Tatort wird am 15.10.2017 um 20.15 Uhr in der  ARD ausgestrahlt.​
    Foto: dpa

    Regisseur Dominik Graf, ein Meister des deutschen Krimigenres, aber will mit diesem „Tatort“ provozieren, denn bis heute ist vieles ungeklärt, vor allem die Rolle des Verfassungsschutzes mit seinen außer Kontrolle geratenen Verbindungsleuten erscheint dubios. Elegant verquickt Graf den historischen Fall mit einem aktuellen fiktiven, sodass der Schatten der Vergangenheit 40 Jahre später das Ermittlerdasein der Stuttgarter Kommissare Thorsten Lannert (Richy Müller) und Sebastian Bootz (Felix Klare) verdunkelt: Marianne Heider kam bei einem Badewannenunfall ums Leben, so lautet zumindest die offizielle Begründung. Doch Lannert und Bootz sind misstrauisch, schließlich gibt es Druckstellen an den Fußgelenken der Leiche, die auf Fremdeinwirkung schließen lassen.

    Das Misstrauen wächst, als die Kommissare Druck von oben zu spüren bekommen und man ihnen nahelegt, den Fall besser auf sich beruhen zu lassen. Abfinden wollen sie sich damit aber nicht, und so geraten sie immer tiefer hinein in den Deutschen Herbst.

    Denn da ist dieser zweifelhafte Lebensgefährte des Opfers: Wilhelm Jordan (Hannes Jaenicke spielt ihn in einer faszinierenden Mischung aus Verruchtheit und Niedertracht) bewegte sich einst in RAF-Kreisen, zugleich aber scheint er noch immer von höherer Stelle gedeckt zu werden. Aber ermordete er seine Lebensgefährtin?

    Die Kommissare Lannert und Bootz haben mehr als einen Gegner während ihrer Spurensuche, sie treffen jedoch auch auf aussagefreudige Zeugen, deren Blick auf die RAF-Vergangenheit recht überraschend ist – wohl auch für die Zuschauer. Dominik Graf und sein Drehbuchautor Rolf Basedow spielen virtuos mit der Leerstelle der Stammheimer Todesnacht, indem sie diese mit einer weiteren Leerstelle in Beziehung setzen. Vier Jahrzehnte später lautet in diesem „Tatort“ die entscheidende Frage schließlich erneut: Mord oder Selbstmord?

    Die Kommissare, Zeugen und Angehörige spielen, genau genommen, nur Nebenrollen, die eigentliche Hauptrolle mimt der Staat, der aber weitgehend unsichtbar bleibt – nur manchmal tritt der Oberstaatsanwalt (sehr souverän von Friedrich Mücke verkörpert) in Erscheinung, um undurchsichtig von Transparenz zu faseln.

    Latent angespielt wird so auch noch auf eine dritte, allerdings unausgesprochene Leerstelle – die Mitschuld des Verfassungsschutzes an den Morden der NSU –, bei der es eben wiederum um gefährliche V-Leute geht. „Der rote Schatten“ ist ein furioser Krimi, spannend und fordernd bis zur letzten Minute. Dominik Graf versteht es glänzend, atmosphärisch dicht die furchterregenden Seilschaften und Netzwerke zwischen Verbrechern, Terroristen und Verfassungsschützern in Szene zu setzen, ohne dabei didaktisierend vorzugehen. Vielmehr beweist Regisseur Graf einmal mehr, dass ein „Tatort“ politisch brisant und packend zugleich sein kann.

    Panorama
    Meistgelesene Artikel