40.000
Aus unserem Archiv
Region

Familie flieht vor Gewalt an die Mosel – doch Telekom verrät ihre Adresse

Er hat die Tochter von Berthold Betz (alle Namen geändert) vergewaltigt und so lange auf dessen Ehefrau eingeschlagen, dass sie in die Notaufnahme musste. Die Familie floh an die Mosel, um dort in Ruhe zu leben. Dazu gehörte eine Auskunftssperre für ihren Telefonanschluss – den die Telekom dann doch im Netz veröffentlichte.

Adressauskunft im Internet: Hier hätte die neue Adresse von Familie Betz niemals auftauchen dürfen – die Betzens sind vor einem Gewalttäter an die Mosel geflüchtet. Dann passierte der Telekom ein fataler Fehler.
Adressauskunft im Internet: Hier hätte die neue Adresse von Familie Betz niemals auftauchen dürfen – die Betzens sind vor einem Gewalttäter an die Mosel geflüchtet. Dann passierte der Telekom ein fataler Fehler.
Foto: RZ

Region – Er hat die Tochter von Berthold Betz (alle Namen geändert) vergewaltigt und so lange auf dessen Ehefrau eingeschlagen, dass sie in die Notaufnahme musste. Familie Betz hatte Angst, wusste keinen Ausweg mehr und floh vor Philipp, dem Ex-Freund von Tochter Bettina, an die Mosel, um dort in Ruhe zu leben.

Dazu beantragten sie eine Auskunftssperre und bekamen diese genehmigt. Eigentlich dürfte die Familie deshalb in keinem Telefonbuch mehr stehen. Doch kurz nach ihrem Umzug entdeckte sie ihre neue Adresse samt Nummer dennoch im Internet. Ein fatales Versehen der Telekom.

„Ich habe schon sehr oft dort angerufen und gebeten, die Nummer wieder herauszunehmen, aber niemand hat mir geholfen“, erzählt Berthold Betz. In der Datenbank sei zwar gespeichert, dass die Daten geheim bleiben müssten, doch kein Mitarbeiter des Servicecenters am anderen Ende der Leitung konnte ihm erklären, wie es zu diesem Fehler kam. „Ich bin sauer und fühle mich allein gelassen.“

Die Telekom äußert sich nicht zu dem Vorfall. „Weil der Fall wohl vor Gericht geht, geben wir keine Auskunft“, erklärt Unternehmenssprecherin Katja Werz. Denn Berthold Betz will den Telefonanbieter verklagen. „Ich bin nicht an Geld interessiert, ich möchte verhindern, dass andere ein ähnliches Schicksal erleiden“, sagt er. Ob er damit Erfolg hat, ist fraglich. Peter Lambert, Sprecher des Koblenzer Amtsgerichts, rechnet nicht damit: „Solche Fehler können passieren, das ist keine Straftat.“

Nachdem unsere Zeitung Kontakt mit der Telekom aufgenommen hatte, bekam Betz nach eigener Aussage einen Anruf von dem Telefonanbieter, der ihm Geld anbot. „Ich lasse mich aber auf nichts ein. Mir geht’s ums Prinzip.“ Die Telekom strich erst nach der Anfrage unserer Zeitung Adresse und Telefonnummer aus dem Internet.

Doch wie kam es dazu, dass Familie Betz vor Philipp fliehen musste? Alles beginnt im Oktober 2011. Damals lebt die Familie noch in einer Stadt in der Nähe Frankfurts. Tochter Bettina Betz hat sich gerade frisch von Philipp getrennt, als Mutter Heike sie bei einer Freundin abholt.

Dort wartet bereits Philipp auf Heike, tritt mehrmals gegen den Wagen und zieht sie an den Haaren aus dem Auto. Als sie am Boden liegt, tritt er so lange auf sie ein, bis ihr Gesicht blutüberströmt ist. Nur Tochter Bettina und ihre Freundin können ihn davon abhalten, Schlimmeres anzurichten. Dabei werden sie wie ein Polizist später bei der Festnahme ebenfalls verletzt.

Ein Krankenwagen bringt Mutter Heike in die Notaufnahme. Die Knochen ihrer rechten Gesichtshälfte werden durch Titan und Plastik ersetzt, ein Nerv ist irreparabel geschädigt. Heike wird ihr Leben lang unter den Folgen des Angriffs leiden, ihre rechte Gesichtshälfte ist taub.

Philipp kommt zwei Stunden nach der Festnahme wieder auf freien Fuß und bedroht Heike, noch während sie im Krankenhaus liegt. „Er beschimpfte sie und sagte, dass sie sich nicht so anstellen soll“, erzählt Berthold Betz.

Die Familie lebt in Angst und denkt darüber nach umzuziehen. Denn Philipp verschwindet nicht aus ihrem Leben: Er erpresst Bettina, droht, ihrer Familie etwas anzutun, wenn sie nicht einen Handy- und Internetvertrag für ihn abschließt und bezahlt. Sie willigt schließlich ein, doch das ist Philipp nicht genug: Er vergewaltigt seine ehemalige Freundin.

Die Familie flieht an die Mosel, und Philipp wird wegen Körperverletzung in vier Fällen vor einem Frankfurter Gericht zu zehn Monaten auf Bewährung, 60 Sozialstunden und Anti-Aggressivitätstraining nach dem Jugendstrafrecht verurteilt. Die Verhandlung wegen der Vergewaltigung beginnt Mitte September. „Wir waren entsetzt, als wir gehört haben, wie mild das Urteil ausfällt“, sagt Berthold Betz.

Eigentlich hatte die Familie an der Mosel ihren Frieden gefunden. Sie hat neue Freunde gefunden, fühlt sich in der Nachbarschaft wohl, und Heike traut sich seit Langem wieder allein auf die Straße. Doch der Fehler der Telekom könnte diese Idylle zerstören. „Wenn er unsere Adresse herausfindet und bei uns auftaucht, müssen wir wieder umziehen“, erklärt Berthold Betz. Die Sicherheit seiner Familie geht vor, auch wenn er bereits rund 40 000 Euro in das neue Heim investiert hat.

Von unserem Reporter Christian Weihrauch

Panorama
Meistgelesene Artikel