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    Bad Breisig/Region

    Catman: Ein Mann und sein Motorrad

    Wer ihm begegnet, wird ihn so schnell nicht wieder 
vergessen: Sigurd Broichhaus ist der Catman. Mit seinem Motorrad fährt der 73-Jährige im Leoparden-Look durch unsere Region. Doch wer steckt hinter diesem Mann, der sich und seine BMW so gern in Kunstfell kleidet?

    Autofahrer und Passanten drehen sich um, wenn sie diesen Mann und diese Maschine an sich vorbeifahren sehen. Wir haben den Catman ausfindig gemacht: Es ist Sigurd Broichhaus aus Bad Breisig.
    Autofahrer und Passanten drehen sich um, wenn sie diesen Mann und diese Maschine an sich vorbeifahren sehen. Wir haben den Catman ausfindig gemacht: Es ist Sigurd Broichhaus aus Bad Breisig.
    Foto: Celina de Cuveland

    Sigurd Broichhaus liebt Katzen. Oder genauer gesagt: Er liebt eine Katze. Seine „Pussycat“, eine BMW K 1200 S. Denn Sigurd Broichhaus ist der Catman. Wer schon einmal zum „Anlassen“, dem beliebten ökumenischen Motorradgottesdienst zum Saisonstart, am Nürburgring war, kennt ihn. Wobei: Eigentlich kennt ihn ohnehin nahezu jeder. Denn Siggi, wie er genannt wird, fällt auf. Und ein bisschen durchgeknallt ist er auch.

    Mit seinen 73 Jahren auf dem Buckel ist er sich nicht zu schade, in einem Ganzkörper-Leopardenanzug auf einem Motorrad durch Rheinland-Pfalz zu fahren. Ein Sommer- und ein Winterfell hat Siggi, das Kunstfell ist unterschiedlich dick. „Das ist Nebelparder“, behauptet er mit einem Augenzwinkern. „Natürlich kein echtes Fell. Ich liebe Raubkatzen, da würde ich doch niemals echtes Fell verwenden.“ Und mit seinem Anzug nicht genug: Die BMW, auf der Siggi so gern durch den Ahrkreis oder an die Mosel fährt, ist keinesfalls ein normales Motorrad.

    Passend zum Leo-Look hat Siggi die Maschine mit Folie und Stoff in Leopardenmuster beklebt – und so die Maschine in eine waschechte Raubkatze verwandelt. Von den Felgen bis zum Rückspiegel ist das Motorrad jetzt gefleckt – sogar einen Schwanz hat Siggi seiner „Pussycat“ verpasst. Seit zehn Jahren fährt er so durch die Gegend, ist bei anderen Motorradfahrern und Polizisten gleichermaßen bekannt. Vorher trug er eine gelb-rote Mähne an seiner Lederkluft und seine Maschine hieß noch „Sigurds Pony-Express“.

    Im „normalen“ Leben führt Siggi eine Erlebnisgas-tronomie, wie er selber gern sagt, unter dem Namen  „Zum Hiesigen“ in Bad Breisig.
    Im „normalen“ Leben führt Siggi eine Erlebnisgas-tronomie, wie er selber gern sagt, unter dem Namen  „Zum Hiesigen“ in Bad Breisig.
    Foto: Celina de Cuveland

    Wegen des ungewöhnlichen Aussehens ist der Catman inzwischen bekannt wie ein bunter Hund. Sobald Siggi seine Katze zu einer Spazierfahrt fertig macht, ist er umringt von Schaulustigen und Fotowütigen. Und sofort wird deutlich: Im Mittelpunkt stehen kann Siggi. Er lacht, posiert für Selfies, zieht eine Bürste aus einer seiner Satteltasche und bietet zwei älteren, fesch gekleideten Damen an, seine Leo-Weste zu kämmen. Das lassen sich die Frauen nicht zweimal sagen – und Siggi schnurrt eifrig drauf los.

    Mit Frauen kann der Katzenmann ohnehin ganz gut. Und das, obwohl Siggi seit 25 Jahren verheiratet ist. Seine Herzensdame heißt Halina, eine Frau aus Polen mit hübschem Gesicht, das von fröhlichen Locken umrahmt wird. Mit „Pussycat“ hat sie sich abgefunden, muss sie sich doch den Platz in Siggis Herz mit dem Motorrad teilen. Aber obwohl Siggi glücklich mit Halina ist, lässt er es sich nicht nehmen, auch mal mit anderen Damen zu schäkern oder sogar ein bisschen zu flirten.

    Besonders gut geht das in seiner „Erlebnisgastronomie“, wie er das kleine Weinlokal mit dem schummrig-roten Licht gern nennt. Es liegt in der Biergasse in Bad Breisig, unweit der hübschen Rheinpromenade, auf der Kegelvereine feucht-fröhliche Partys feiern. Tagsüber sitzen dort ältere Ehepaare und genießen bei einem Glas Ahrwein den Blick auf den Rhein. In Siggis Weinlokal namens „Zum Hiesigen“ scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Plastikweinreben zieren die gekachelten Wände, Katzenbabys blicken von einem Bild neugierig in den Raum, Lichterketten mit bunten Glühbirnen hängen an der Decke, Käsewürfel sind auf der kleinen Speisekarte ausgewiesen und Fotocollagen aus wilderen Zeiten bedecken die Wände im Flur, der gleichzeitig als Tanzfläche dient. Bunte Lichter sausen über die blanken Fliesen.

    „Ich gebe hier auch Schunkelseminare.“ Siggi macht gern Scherze, er schaut dann ganz ernst. Nur die kleinen Fältchen um seine Augen verraten, dass er selbst gern über den Witz lachen würde und sich das Grinsen verkneift. Sie verziehen sich dann immer ein wenig, wirken minimal tiefer als noch Augenblicke zuvor. Wenn der Katzenmann dort steht, hinter seinem Tresen, dann ist er ein anderer. An Catman erinnert höchstens noch der breite Hut, der auf seinem Kopf thront und dessen Krempe flauschiger Leopardenstoff ziert.

    Siggi geht dann ganz in seiner zweiten Rolle auf, dem „singenden Wirt“. Anfangs belächelt so mancher Gast den alten Mann vielleicht, wie er da steht, mit dem Weinglas in der einen Hand, die andere andächtig erhoben. Doch spätestens, wenn Siggi eine CD einlegt und zu singen beginnt, verstummen die Skeptiker. Denn er, der sonst nur für sein Motorrad zu brennen scheint, kann singen. Kein Ballermann-Grölen, kein müdes Säuseln, kein falscher Ton entrinnt seiner Kehle. Wenn Siggi singt, dann singt er voll Inbrunst und Gefühl.

    Seine tiefe Bassstimme ertönt so laut, dass es scheint, als würden die aufgehängten Weingläser über seinem Kopf anfangen zu wackeln. An dem Breisiger Catman ist tatsächlich ein kleiner Opernsänger verloren gegangen. Und der strotzt nur so vor Energie. Wie macht das der 73-Jährige, der inzwischen schon Opa ist?

    „Das weiß ich selbst nicht so genau“, Siggis Stimme hallt von dem gekachelten Boden wider. „Gesungen habe ich jedenfalls schon immer. Meine Gäste haben früher immer gesagt, dass ich eine gute Stimme habe. Daran glaube ich ganz einfach und das Singen hält mich fit.“

    Wie zum Beweis wuselt er umher, kaum einmal fünf Minuten sitzt der rüstige Mann still. Er läuft hinter den Tresen, wieder hervor, setzt sich, steht wieder auf. Der neue CD-Spieler macht ihn nervös, will das Teil doch noch nicht so wie er. „Wir können hier noch viel mehr“, sagt er und öffnet eine Tür, den dahinterliegenden Raum weist ein mit dickem schwarzen Stift handbeschriebenes Schild als „Maske“ aus. „Gerne lade ich eine Dame aus den Gästereihen ein, mit mir in die Maske zu gehen“, sagt Siggi und zwinkert. Zwischen einem Kühlschrank, Weinregalen und Getränkekisten stapeln sich Kartons bis unter die Decke. „Hawaii-Laila“, „Herzbuben“, und „Italian“ steht auf ihnen geschrieben. Wer hinein sieht, findet Plastikbrüste, Al-Capone-Hüte und bunte Blumenketten. Erlebnisgastronomie. Dieses Wort nimmt Siggi ernst. Er bietet seinen Gästen eine unterhaltsame und manchmal auch nicht ganz jugendfreie Show.

    Besonders wichtig bei einer echten Katze: Der Schwanz. Der darf auch bei „Pussycat“ nicht fehlen.
    Besonders wichtig bei einer echten Katze: Der Schwanz. Der darf auch bei „Pussycat“ nicht fehlen.
    Foto: Celina de Cuveland

    Dabei hat Siggi eigentlich einen sehr bodenständigen Beruf gelernt. Geboren und aufgewachsen ist er in dem niederrheinischen Marienwallfahrtsort Kevelaer, das er wie viele Jugendliche aus dem Ort flapsig „Weihrauch-City“ nennt. Schon damals hat er gern gesungen, mit zwölf Jahren hat ihn der zuständige Pastor in den Kirchenchor geholt. Siggis Vater arbeitete als Metzgermeister in Düsseldorf, auch der Sohn lernte das Fleischerhandwerk.

    Mit 23 Jahren hatte Siggi von dem Alltagsleben genug und wanderte nach Kanada aus. Anschließend baute er ein Haus im Westerwald um und verkaufte es wieder, lebte eine Zeit lang auf Mallorca, trampte durch Australien und war stolzer Besitzer eines Hausbootes, das er drei Jahre lang auf Vordermann brachte. „Steuerrad und Schiffsglocke hängen noch dahinten“, sagt er und zeigt auf eine gemütliche Ecke im Lokal.

    Vielleicht sind diese Geschichten wahr, vielleicht auch nicht. Sie passen jedenfalls zu ihm. „Ich bin schon ein bisschen ballaballa, ne?“, Siggi schmunzelt. Wie er so auf der Holzbank in seinem Weinlokal sitzt, erinnert er ein wenig an Kapitän Blaubär, der in seinem alten Schiff im Ohrensessel sitzt und seinen Enkeln Geschichten voller Seemannsgarn erzählt. Apropos Enkel – Siggis Enkel Kenai findet das, was sein Opa macht, ziemlich cool. Egal, ob singender Wirt oder Catman. Die Krönung: Kenai hat seinen eigenen Leo-Anzug, mit dem er seinen Opa oft als Sozius auf seinen Fahrten begleitet. Auch Kenais Schulfreunde sind große Siggifans und besuchen den alten Herrn gern in seinem Erlebnislokal. Privatkonzert natürlich inbegriffen.

    Mit seinen 73 Jahren fühlt Siggi sich noch nicht alt. „Würde ich im Lotto gewinnen, ich würde den Großteil des Geldes verschenken“, behauptet er. Siggi ist glücklich mit dem, was er hat. Aber manchmal, wenn die bunten Lichter erloschen sind und die Musik im Weinlokal verstummt, dann muss er mal tief durchatmen. Was sein Kopf vor hat, will sein Körper ab und an nicht mehr. Vielleicht ist die Zeit der jungen, wilden Geschichten doch langsam vorbei.

    „Aber einen Traum habe ich noch“, sagt Siggi, seine Stimme klingt energiegeladen wie eh und je. „Ich möchte mal mit meiner ,Pussycat’ vor der Kamera auftreten. Und selbstverständlich würde ich singen.“ Siggi hat große Ziele. Für diesen Wunsch hat er sich den „ZDF-Fernsehgarten“ ausgeguckt. Als Hommage an sein Motorrad würde er dann das Lied „Du“ von Peter Maffay singen. Da hieß es doch: Du bist das Kätzchen, das zu mir gehört. Oder so ähnlich.

    Celina de Cuveland

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