André Wüstner, Chef des Bundeswehrverbandes, spricht über den dringend benötigten Weckruf zur Landesverteidigung
Westerwälder Chef des Bundeswehrverbandes im Interview: „Gefahr eines Krieges ist gestiegen“
Andre Wüstner
André Wüstner ist Oberst des Heeres der Bundeswehr und seit 2013 Vorsitzender des Deutschen Bundeswehrverbandes. Der 49-Jährige wohnt in Montabaur (Westerwald), ist verheiratet und hat zwei Kinder.
Michael Kappeler. picture alliance / Michael Kappe

Deutschland muss nach den Worten von Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) „kriegstüchtig“ werden. Was genau meint er damit? Und was bedeutet das für die Bundeswehr? Darüber haben wir mit André Wüstner, dem Chef des Bundeswehrverbandes, gesprochen. Der 49-Jährige wohnt in Montabaur. Er sagt: „Es ist bereits fünf nach zwölf.“

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Herr Wüstner, Verteidigungsminister Boris Pistorius will, dass Deutschland wieder kriegstüchtig wird angesichts neuer Bedrohungen. Ist es wirklich so schlimm?

Boris Pistorius hat recht. Und es ist gut, dass er die Dinge mal beim Namen nennt. Deutschland muss wieder kriegstüchtig werden, um glaubhaft abschrecken und sich im äußersten Fall auch verteidigen zu können. Nebenbei, wer nicht will, dass die Bundeswehr wieder kriegstüchtig werden soll, der möge sogleich auf eine Zukunft in Freiheit, Recht und Frieden verzichten.

Verteidigen gegen wen oder was?

Die Nato schließt mittelfristig einen regional begrenzten, konventionellen Krieg an der Bündnisgrenze nicht mehr aus. Schon heute sind wir hybriden Bedrohungen und sogar konkreten Angriffen ausgesetzt, wenn sie auf Cyberattacken oder Desinformationskampagnen schauen. Russland fährt seine Kriegswirtschaft mit dem Segen Chinas immer weiter hoch und agiert gemeinsam mit anderen Staaten wie dem Iran und Nordkorea, um die regelbasierte Weltordnung, wie wir sie kennen und verteidigen wollen, zu zerstören.

Woran machen Sie das fest?

Russlands Überfall auf die Ukraine ist Ausdruck des imperialistischen Ziels von Kremlchef Wladimir Putin. Er behindert Getreidelieferungen nach Afrika und platziert auch dort gezielt Söldnergruppen, um zu destabilisieren und damit den Migrationsdruck auf Europa zu erhöhen. Das führt bei uns zu den bekannten Herausforderungen. Russland hat ein großes Interesse an einer Ausweitung des Krieges in Nahost, um insbesondere die USA dort zu binden und von seinem Ukraine-Krieg abzulenken. Nebenbei: Wer kann ausschließen, dass es auch kurzfristig zu Söldnerangriffen auf Nato-Territorium kommen kann, die nicht klar zuzuordnen sind und damit unterhalb der Schwelle des Bündnisfalls agieren? Von der aktuell steigenden Terrorgefahr oder einem Aufflammen des Konfliktes zwischen Serbien und dem Kosovo ganz zu schweigen. Darauf müssen wir uns gefasst machen und bezogen auf gewaltbereite Diktatoren schlicht bösgläubiger werden.

Wie lange hat Deutschland denn noch Zeit, um sich gegen gewachsene Bedrohungen ausreichend zu rüsten?

Es ist bereits fünf nach zwölf. Wir sind schon im Rüstungswettlauf mit Blick auf die Unterstützung der Ukraine, und spätestens bei einem Waffenstillstand für die Zeit danach wird es eng. Wir müssen alles daransetzen, das russische Gewaltsystem in die Schranken zu weisen. Dafür braucht es endlich wieder so entschlossenes Handeln wie unmittelbar nach der Zeitenwende-Rede von Kanzler Olaf Scholz. Und es braucht noch mehr Anstrengungen, insbesondere von der Industrie.

Was meinen Sie genau?

Unsere Verteidigungsfähigkeit wird definiert von der gesellschaftlichen Widerstandsfähigkeit, einer hoffentlich bald wieder voll einsatzbereiten Bundeswehr und einer leistungsfähigen Rüstungsindustrie. Politik muss in Gänze verstehen, dass unsere Waffenschmieden Teil unserer Sicherheitsvorsorge sind und nicht die Schmuddelkinder unserer Wirtschaft. Und sie muss dafür sorgen, dass die Industrie in einem höheren Tempo produziert, denn leider brauchen wir von allem mehr: Ersatzteile, Waffensysteme wie Panzer, Haubitzen oder Fregatten und insbesondere Munition.

Hat die Industrie denn ausreichend Kapazitäten?

Aktuell nicht. Ich bin jedoch zuversichtlich, dass die in Deutschland ansässigen Unternehmen ihre Kapazitäten schnell erhöhen könnten, wenn es entsprechende Aufträge, Rahmenverträge und Perspektiven gibt. Der Verteidigungsminister oder besser Kanzler Olaf Scholz sollte erneut einen Rüstungsgipfel abhalten, um wichtige Signale an die Unternehmen zu senden.

Wie lange kann die Bundeswehr noch Gerät an die Ukraine abgeben, ohne die eigenen Fähigkeiten zu schmälern?

Um es deutlich zu sagen: Die qualitative Einsatzbereitschaft der Bundeswehr nimmt durch die notwendige Unterstützung für die Ukraine ab. Neubestellungen laufen noch nicht zu. Aber es ist derzeit die richtige Strategie, Russland als Aggressor in der Ukraine in die Schranken zu weisen, bevor er weiter folternd, vergewaltigend und schlachtend durch das Land marschiert. Die Bundeswehr selbst hat durch jahrzehntelanges Sparen einen enormen Rückstand beim Gerät, der Digitalisierung und dem Personal. Hinzu kommt, dass die Ausbildung von bald 10.000 ukrainischen Soldaten, Auslandseinsätze, Bündnisaufträge an der Nato-Ostflanke oder etwa die vorbereitete Evakuierungsmission im Nahen Osten viele Kräfte bindet. Diesbezüglich muss man vor der Truppe den Hut ziehen.

Reichen die 100 Milliarden Euro Sondervermögen, um die nötige Aufrüstung zu finanzieren?

Nein. Allen ist klar, dass das erst der Anfang sein kann. Der Inspekteur der Marine brachte es einmal auf den Punkt: Steigt der Verteidigungshaushalt nicht drastisch an, bleibt das Sondervermögen eine Palliativmaßnahme. Wir werden künftig vermutlich mehr als zwei Prozent vom Bruttoinlandsprodukt in die Bundeswehr investieren müssen, um verteidigungsfähig zu werden. Denn wer dies ist, schreckt ab. Wer es nicht ist, lädt ein!

Der gesellschaftliche Rückhalt dürfte sich für so hohe Rüstungsausgaben in Grenzen halten angesichts der vielen anderen Probleme.

Das könnte sein, ich bin aber aufgrund verschiedener Umfragen zuversichtlich. Dennoch: Wir brauchen eine mentale Zeitenwende in Deutschland. Politik in Gänze, alle Menschen müssen aufwachen. Die Bedrohungen sind real und Ursache für viele Probleme, mit denen wir aktuell zu tun haben. Die Friedensdividende ist Geschichte, so bitter das ist. Die Gefahr eines Krieges ist gestiegen. Und deswegen reicht es auch nicht, wenn der Verteidigungsminister die Dinge beim Namen nennt. Die gesamte Bundesregierung muss das tun und entsprechend handeln.

Sie haben viel Kritik für Ihren Vorstoß bekommen, Werbung für die Bundeswehr an Schulen zu machen. Bleiben Sie dabei?

Die Kritik war erwartbar und kam von den üblichen Verdächtigen. Was mich selbst überrascht hat, waren mehr als einhundert positive Zuschriften von Bürgern, auch von Lehrkräften. Einige haben mich eingeladen, in ihrem Unterricht oder im Kollegium über die Bundeswehr, Verteidigungspolitik und gesamtstaatliche Sicherheitsvorsorge zu sprechen. Das hat mich beeindruckt, und ich werde diesen Einladungen folgen. Wir müssen die gesamtstaatliche Sicherheitsvorsorge, das Thema wehrhafte Demokratie gerade auch den jungen Menschen intensiver als bisher näherbringen. Und warum soll man dabei nicht wie in anderen Ländern für den Katastrophenschutz, die Polizei, den Geheimdienst oder die Bundeswehr werben dürfen? Alle, insbesondere die Bundeswehr, kämpfen mit sinkenden Zahlen in der Personalgewinnung.

Können Sie das nicht nachvollziehen angesichts der beschriebenen Bedrohungen?

Teilweise. Für viele ist die Bundeswehr mit ihren über 1000 Berufen einfach nicht auf dem Radar. Grundsätzlich gilt: Wenn wir weiterhin frei und in Frieden leben wollen, braucht es Menschen, die unsere Demokratie zur Not auch mit Waffengewalt verteidigen. Denn unsere Werte und unsere Demokratie sind unter Beschuss, im wahrsten Sinne des Wortes. Ich wünschte mir, dass wieder mehr in den Familien, in der Gesellschaft diskutiert würde, was jeder selbst für unser Land, für unsere Art des Lebens bereit ist zu tun. Der jüngste Zivilisationsbruch durch den barbarischen Angriff der Hamas in Israel könnte genauso Anlass sein, wie die Grauen des Krieges in der Ukraine.

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