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    Salisbury

    Die mit den Druiden tanzen – Magische Nacht in Stonehenge

    Mitternacht. Geisterstunde auf der A303. Die in Decken gehüllten, alkoholisierten Geister am Straßenrand schwanken im Scheinwerferlicht der Autos. Der endlose Tausendfüßler aus Gestalten mit Rucksäcken, Plastiktüten und Wanderstöcken zieht sich quer über die Salisbury-Ebene zu einem von Flutlichtern angestrahlten UFO-Landeplatz mitten im schwarzen Nichts. 20.000 Menschen aus aller Welt haben sich hier versammelt, um die Magie der kürzesten Nacht des Jahres zu erleben, zu feiern, zu beten, Freunde zu treffen und mystische Energie zu tanken. Nirgendwo geht das so gut wie in Stonehenge.

    Ein spektakuläres Bauwerk, das angeblich wundersame Kräfte besitzt, lockt seit mindestens 4500 Jahren die Menschen auf eine Erhöhung in der Nähe des Flusses Avon. Es ist ein Doppelkreis aus grauen Felsbrocken, die teilweise aus 240 Kilometer entfernten Steinbrüchen stammen. Ein prähistorischer Tempel? Ein Ur-Krankenhaus? Oder ein Observatorium? Bis heute streiten die Forscher darüber, zu welchem Zweck unsere Vorfahren etwa 100 Steine von je bis zu 40 Tonnen in die Nähe von Salisbury geschleppt haben. Normalerweise können die Touristen das seit 1986 zum Weltkulturerbe gehörende Stonehenge nur aus der Distanz bestaunen. Doch einmal im Jahr zur Sommersonnenwende öffnet die Denkmalorganisation English Heritage (EH) den Kreis für all die Freizeit-Archäologen, Druiden, Hobby-Hexen, Hippies, Touristen und Naturfreunde, die hier in Erwartung des Sonnenaufgangs eine riesige Party feiern.

    Ihr helles Lachen hallt durch die Nacht. Es ist jedoch schwer, Vanessa Everett zu erkennen, die sich das Gesicht geschwärzt hat - so wie die früheren Border-Morris-Tänzer aus Wales, die gerne unerkannt blieben, während sie sich auf Volksfesten ihre Almosen verdienten. Kurz nach Mitternacht war Vanessa unter dem Applaus der Zuschauer in einem wilden Tanz um die fünf Meter hohen Steine gewirbelt, jetzt sucht sie zitternd unter einer Plane Schutz vor der Kälte. „Zu viele Betrunkene hier. Schade, dass diese Leute unsere Kultur so wenig respektieren“, sagt die junge Frau.

    Als wir gemeinsam vom Parkplatz durch ein Feld zur Steingruppe gegangen waren, begegneten wir im fahlen Licht des Halbmondes zahlreichen taumelnden Sonnenanbetern, die zu ihren Autos zurückehrten, um noch mehr Alkohol zu holen. EH erlaubt zur Sonnenwende je eine Flasche Wein oder vier Dosen Bier pro Besucher. Viele setzen sich über diese Grenze hinweg. Nur wer halbwegs nüchtern und fit ist, schafft es jedoch, sich durch das dichte Gedränge in das Herz des Steinkreises vorzukämpfen, wo die Menschen im Nebel aus Haschischrauch zum ekstatischen Rhythmus der Bongo-Trommeln tänzeln. Die tausendköpfige Menschenmenge setzt so viel Energie frei, dass sie Stonehenge aufzuheizen scheint. Ein Wunder: Berührt man einen der alten Sandsteine, fühlt er sich warm an.

    Frauen in Clown-Kostümen, Männer in Wikingerhelmen, Jugendliche in Kapuzenjacken, Hexer mit blinkenden Stäben, Priesterinnen in weißen Umhängen, auch einige Kinder sieht man hier, die zum Aufwärmen Hula-Hoop-Reifen drehen oder Seifenblasen steigen lassen. Der Wind lässt die funkelnden Blasen an der glänzenden Haut eines zehn Meter hohen Riesen zerplatzen, der mit erhobenen Händen das Schauspiel in Stonehenge beobachtet. Neben der Skulptur des heidnischen „Urahns“ bereiten sich Sally und Collin Crosby auf ihren großen Auftritt vor: Sie wollen eine Hymne für die Urgöttin“ singen, tanzen und den „Schwur des Druidenordens Genesis“ ablegen.

    Die Crosbys aus Portsmouth lieben den Steinkreis so sehr, dass sie alle zwei Monate herkommen, um vom „Naturkraftwerk“ die „Batterien“ in ihren Körpern aufzuladen. Das funktioniere am besten zur Sonnenwende, wenn die Natur den Höhepunkt des Jahres feiere, sagt Sally. „Die Dunkelheit, die Winterkälte und der Tod, die uns erwarten, werden nicht das Ende sein - das lehrt uns Stonehenge“, erklärt Collin. Seine Zunge ist schwer, schließlich hat „Erzdruidin“ Melanie reichlich Honigwein auf das Gelände geschmuggelt. Dem „Schwertträger“ des Ordens hat das süße Getränk bereits alle Kraft geraubt: James schnarcht auf einer Decke. Er wird den Sonnenaufgang verschlafen.

    Gegen fünf verfärbt sich der Himmel. Durch eine Lücke zwischen zwei Steinen trifft der erste Sonnenstrahl ins Herz von Stonehenge und lässt die Menschenmenge jubeln. Das hat man hier zuletzt 2005 erlebt. Eine Fee streckt freudig die Hände dem Licht entgehen. Debbie Tennant im Kleid mit Schmetterlingsflügeln auf dem Rücken rüttelt ihren zehnjährigen Sohn Oliver wach. Ihr Mann Carl, ein früherer Armeeoffizier, packt die Rucksäcke. Dann eilen die drei zu den Felsbrocken, um schnell einige Heil-Zaubersprüche aufzusagen.

    Von unserem Londoner Korrespondenten Alexei Makartsev

    Bilderserie: Der Tanz um Stonehenge
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