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    Wer trägt die Pflege der Zukunft? Drei Kassenvertreterinnen berichten

    Die Großfamilie war einst Dreh- und Angelpunkt der Pflege von Angehörigen. Doch was geschieht, wenn sich diese immer mehr auflöst? Unsere Reporterin Marta Fröhlich und unser Redakteur Christian Kunst haben sich darüber mit zwei amtierenden und einer ehemaligen Chefin der rheinland-pfälzischen Pflegekassen unterhalten.

    Foto: Jakub Jirsk - Fo

    Dr. Irmgard Stippler (AOK), Anneliese Bodemar (TK) und Dunja Kleis (Barmer GEK) haben sehr offen von ihren eigenen Erfahrungen bei der Pflege ihrer Angehörigen erzählt. Und sie blicken in die Zukunft der Pflege. Es wird darauf ankommen, sagt AOK-Chefin Stippler, „die eigene Pflege selbst aktiv sehr früh zu gestalten“.

    Frau Bodemar, welche Defizite sehen Sie im aktuellen Pflegesystem nach Ihren eigenen Erfahrung mit der Betreuung Ihrer Mutter?

    Ich war sehr froh, als das Angebot der Betreuungs- und Entlastungsleistungen 2015 auf alle Pflegebedürftigen ausgeweitet wurde. Diese Leistungen beinhalten auch hauswirtschaftliche Entlastungen, also Unterstützungen beim Einkaufen oder Kochen. Und ich bin froh, dass der Erstattungsbetrag durch das neue Pflegestärkungsgesetz ll zum 1. Januar noch einmal angehoben wird. Doch dieses Angebot ist viel zu wenig bekannt. Deshalb müssen wir die Betroffenen als Pflegekasse besser darüber informieren. Das machen wir gerade. Außerdem würde ich mir wünschen, dass Angehörige die Angebote der Kurzzeitpflege mehr nutzen. Sie sollten mehr Mut haben, sich selbst zu entlasten. Ich kenne die Argumente unserer Mitglieder, die ihre Angehörigen nicht einmal vorübergehend in ein Pflegeheim geben möchten, weil sie ein schlechtes Gewissen plagt. Doch das muss man nicht haben. Denn wohin führt es, wenn Pflegende sich selbst so verausgaben? Dann gibt es nachher noch einen Menschen, der Unterstützung braucht. Ich habe das gesehen nach einem Krankenhausaufenthalt meiner Mutter. Ich war beruflich gebunden, meine andere Schwester war selbst krank. Was tun? Dann sind die Angebote der Kurzzeitpflege sehr wichtig. Und wenn man rechtzeitig nach einem passenden Angebot schaut, kann man auch noch wählen, wobei ich weiß, dass diese Kurzzeitpflegeplätze knapp sind.

    Frau Kleis, früher hat die Großfamilie die Pflege übernommen. Wer kann diese heute ersetzen?

    Genau deshalb ist es so wichtig, dass es für die Betreuungs- und Entlastungsleistungen, die seit Januar zur Regelleistung zählen, genügend Angebote gibt. Ich gehe davon aus, dass die Nachfrage steigen wird. Auch die Vernetzung der Angebote muss besser werden. Eine Familie muss die Möglichkeit bekommen, ihren Bedarf optimal zu organisieren. Wir müssen die Angebote daher gerade im niedrigschwelligen Bereich besser ausbauen. Es ist für viele Betroffene eine schwierige Situation, weil sie Hilfe annehmen müssen und Menschen in ihre privatesten und intimsten Bereiche hineinlassen. Und es ist wichtig, mehr darüber zu sprechen – sowohl in der Familie als auch in der Gesellschaft.

    Kann denn ein Pflegedienst wirklich eine Familie ersetzen?

    Kleis: Das ist nicht klar zu beantworten. Manchmal braucht man auch professionelle Hilfe. Es kann ebenfalls gut sein, wenn eine Familie durch einen Pflegeberater professionelle Hilfe erhält, um sie zu unterstützen und zu planen. Das kann die Kommunikation in der Familie erleichtern. Vor allem ist Zuwendung wichtig. Die kann die Familie geben, aber auch über ein soziales Umfeld, Nachbarschaft und eben einen Pflegedienst erfolgen.

    Bodemar: Wir haben vor einiger Zeit eine Umfrage unter unseren Versicherten gemacht, die selbst pflegen oder pflegebedürftig sind. Das Ergebnis war, dass sich gerade die Sandwichgeneration, die ohnehin schon durch den Beruf und die Versorgung der eigenen Kinder gefordert ist, durch die zusätzliche Pflege sehr belastet fühlt. Die Pflegebedürftigen müssen sich auch selbst mit ihrer Situation auseinandersetzen. Man kann eine Beeinträchtigung so oder so leben. Meine Mutter trägt all die körperlichen Beeinträchtigungen mit einer sehr großen Würde.

    Stichwort ambulante Pflegedienste: Laut Barmer steht das ländliche Rheinland-Pfalz beim Angebot bundesweit an drittletzter Stelle.

    Kleis: Dass Rheinland-Pfalz so weit hinten liegt, hängt damit zusammen, dass im Land noch sehr viel von Angehörigen im privaten Umfeld gepflegt wird. Ich sehe keinen Mangel an Pflegeangeboten. Diese entsprechen dem Bedarf. Das wird sich gerade in ländlichen Gebieten ändern. Dort wird die Nachfrage besonders nach Betreuungs- und Entlastungsmöglichkeiten steigen.

    Frau Stippler, auch in Rheinland-Pfalz sterben Dörfer zunehmend aus. Wie kann dann Pflege überhaupt noch gelingen?

    Stippler: Wir müssen die eigene Pflege selbst aktiv sehr früh gestalten. Wegen der steigenden Lebenserwartung ist die Phase des Älterwerdens, in der viele noch nicht pflegebedürftig sind, länger geworden. In der Zeit, in der ich noch gesund bin, muss ich mir ein Netzwerk schaffen und die Fragen beantworten: Wo will ich leben? Wie werde ich begleitet?

    Ein frühes Gespräch über das Älterwerden in Würde?

    Kleis: Ja. Die Pflege des Einzelnen können wir nicht mehr allein in die Verantwortung der Familie legen. Wir sind verantwortlich, uns zu überlegen, wie wir im Alter leben möchten und welche Voraussetzungen dafür zu schaffen sind.

    Stippler: Ich würde sogar noch früher ansetzen: Wir müssen schon sehr früh, vielleicht mit Mitte 50 überlegen, wie wir älter werden möchten. Da muss man sich beispielsweise die Frage stellen: Was muss ich in einer Gemeinschaft beitragen, um im Alter von ihr gepflegt zu werden? Da kann man auch von Selbsthilfegruppen lernen: Die sind einerseits hilfsbedürftig, andererseits sind es auch Helfende. Dahinter steckt die Genossenschaftsidee, die auch bei Seniorenzentren zum Tragen kommt. Das ist ein gemeinsames Geben und Nehmen, um die Versorgung sicherzustellen. Ich kenne einige Freunde meiner Eltern, die ihr Haus verkauft haben, um dann zusammen in eine Senioren-WG zu ziehen. Da müssen wir kreativ werden, um sehr vielfältige Wohnformen neu zu erfinden, die Großfamilienformen ersetzen.

    Aber welche Rolle spielen dabei die Kassen und die Politik?

    Stippler: Ich würde das mit einer Zwiebel vergleichen. Erst ist da der Einzelne, der irgendwann eigenverantwortlich entscheiden muss, wie er im Alter leben will und wie er möglichst lange gesund und aktiv bleibt. Dann kommt das soziale Umfeld. Danach folgt in einem ersten Schritt so etwas wie Daseinsvorsorge älterer Menschen. Darüber müssen wir uns genauso viele Gedanken machen wie über das Bildungssystem.

    Bodemar: Es gibt in der Pflegeversicherung ein breites und gutes Angebot aus Verhinderungs-, Kurzzeit-, ambulanter Pflege und Betreuungsleistungen. Mir begegnet immer wieder die Scheu, sogar Ablehnung der Pflegebedürftigen oder Angehörigen, diese Angebote anzunehmen. Auch die Pflegebedürftigen sollten zulassen, dass eine Pflegekraft sie wäscht oder sich um ihren Haushalt kümmert.

    Kleis: Da ist auch das Thema Pflegeberatung sehr wichtig, um überhaupt erst einmal zu erfahren, welche Unterstützungsangebote möglich sind. Es kann ein großer Unterschied sein, ob der Pflegeberater mit dem Betroffenen spricht oder die eigene Familie. Auch hier gibt es im Land ein breites Netz an Pflegeangeboten.

    Sie setzen also stark auf die Eigeninitiative der Gesellschaft. Ist das aber gegenüber der Politik nicht eine gefährliche Sicht, weil sie die Verantwortung auf die Menschen verlagern könnte?

    Stippler: Der Einzelne ist der Ausgangspunkt. Er ist stärker gefordert, ein Stück Eigenverantwortung zu übernehmen. Das muss integriert sein in lokale sorgende Netzwerke. Da sind Politik, Gesellschaft und auch die Pflegekassen gefordert. Und schließlich muss die Politik über die Pflegeversicherung die Leistungen so gestalten, dass wir den Herausforderungen einer alternden Gesellschaft gerecht werden.

    Für gute Pflege braucht man auch genügend gutes Personal. Fakt ist, dass schon jetzt viele Pflegekräfte im Land fehlen Wie betrachten Sie das Thema Pflegenotstand?

    Bodemar: Wir müssen einiges tun, damit dieser Beruf attraktiver wird. Ein Faktor ist auch die Bezahlung, ein anderer, welche gesellschaftliche Anerkennung ein Beruf hat.

    Wie kann es gelingen, diese Jobs besser zu bezahlen?

    Kleis: Wir haben in der Pflegereform Elemente, bei denen es um die Vergütung für stationäre Pflegeeinrichtungen und für den ambulanten Bereich geht. Da spielen die Personalkosten eine größere Rolle, und zwar auch für Einrichtungen, die nicht tariflich gebunden sind. Ich sehe eine Verbesserung an der Stelle, dass Personalkosten in den Pflegesätzen besser abgebildet werden.

    Stippler: Alle Menschen, die in der Pflege arbeiten, haben einen hohen Anspruch, Fürsorge für andere zu leisten. Für Pflegekräfte ist es wichtig, dass sie ein Arbeitsumfeld haben, in dem sie dem Anspruch gerecht werden können, den Menschen zu helfen, und die Zeit haben, das Notwendige zu tun. Darüber müssen wir mehr reden.

    Es gab da eine interessante Debatte bei der Einführung des Mindestlohns. Große Teile der Bevölkerung scheinen bereit zu sein, mehr für Serviceleistungen etwa bei Friseuren zu bezahlen. Muss die Politik das nicht stärker nutzen, um die Pflege besser zu bezahlen?

    Kleis: Eine vom Gesetzgeber festgelegte Vergütung kann ich mir nicht vorstellen. Das Thema Mindestlohn betrifft alle Bereiche. Dann ist es Aufgabe der Gewerkschaften und der Arbeitgeberverbände, die Vergütungen auszuhandeln. Da sehe ich nicht die Verantwortung des Gesetzgebers.

    Stippler: Ich glaube, es ist auch eine gesellschaftliche Aufgabe, den Wert der Arbeit herauszustellen. Wir müssen gemeinsam überlegen, wie wir Versorgung in Zukunft in einer älter werdenden Gesellschaft sichern.

    Es wird in Zukunft immer weniger junge Menschen geben, die immer mehr Ältere finanzieren müssen. Doch wie kann ich als junger Mensch optimistisch in die Zukunft schauen?

    Stippler: Wir dürfen nicht hingehen und sagen: So ist der Status quo, und dann rechnen wir die Finanzierung nach oben. Wir müssen vielmehr zu Veränderungen bereit sein. Alle Beteiligten müssen sich gut abstimmen. Durch eine bessere Abstimmung der Angebote haben wir auch noch die Möglichkeit, die gleiche Versorgung zu sichern, aber weniger Geld dafür auszugeben. Ein Beispiel: Am Wochenende, an dem ältere Menschen nicht mehr versorgt sind und dann ins Krankenhaus müssen, sollte man überlegen: Gibt es nicht auch andere Möglichkeiten, sie zu versorgen, ohne dass gleich ein Krankenhausaufenthalt fällig wird? Da müssen wir vielfältigere Versorgungsstrukturen entwickeln.

    Bodemar: Ein gutes Beispiel dafür, wie wir neue Modelle entwickeln können, ist der Innovationsfonds im Gesundheitsbereich. Es gibt eine große Herausforderung: Wie schaffen wir es, den ambulanten und stationären Sektor miteinander zu verbinden? Da arbeiten wir zum Beispiel in einem Projekt in Rheinland-Pfalz mit der AOK zusammen. Das sind aber Projekte, die groß angelegt sind und Jahre dauern.

    Kleis: Eine Ergänzung: Wir haben auch das ganze Thema Prävention, was gestärkt worden ist. Gesund alt zu werden, ist einer der Schwerpunkte im neuen Präventionsgesetz. Ich sehe da auch noch viel Entwicklungspotenzial.

    Kehren wir die Perspektive einmal um und schauen 20, 30 Jahre nach vorn, wenn Sie vielleicht gepflegt werden müssen. Was muss sich bis dahin ändern, damit Sie daran beruhigt denken können?

    Bodemar: Meine Tochter wird dann wahrscheinlich immer noch in den USA leben, meine Enkeltöchter auch, also muss ich mich jetzt kümmern. Ich würde nicht erwarten, dass sie zurückkommt, um mich zu pflegen. Ich kann mir vorstellen, bis dahin eine Wohnform gefunden zu haben, bei der ich unter Menschen bin, gut versorgt werde und unabhängig von der Familie bin.

    Kleis: Die Vision ist für mich ganz konkret, da ich keine Kinder habe. Meine Vorstellung ist, möglichst wenig auf Hilfe angewiesen zu sein, also geistig und körperlich noch viel leisten zu können. Ich möchte in einem Umfeld leben, in dem ich die Möglichkeiten habe, meine Kompetenzen einzubringen. Da gibt es viele Möglichkeiten: eine Wohngemeinschaft, betreutes Wohnen. Und ich denke natürlich auch an eine finanzielle Vorsorge.

    Stippler: Ich setze nicht auf meine Kinder. Es wäre aber schön, wenn es möglich wäre. Und ich würde mir wünschen, dass sich die Idee dessen, was ich selbst in einer Großfamilie erlebt habe, in neue Strukturen übertragen lässt, dass das etwas Selbstverständliches ist.

    Haben Sie Angst vor der Zeit, wenn Sie gepflegt werden müssen?

    Kleis: Eher vor einer Demenz.

    Bodemar: Wenn eine Demenz nicht eintritt, und die Voraussetzungen bei mir gut sind, habe ich keine Angst.

    Stippler: Ich hätte auch keine Angst davor. Aber es ist ein Thema, mit dem man sich beschäftigen muss.

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