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    Volkskrankheit Allergien: Wenn die Natur zum Feind wird

    Allergien sind längst eine Volkskrankheit. Millionen Deutsche leiden darunter. Und die Zahl nimmt zu, sagt Dr. Ralph von Kiedrowski, Hautarzt in Selters im Westerwald und Landeschef des Berufsverbandes der deutschen Dermatologen. Grund ist vor allem, dass die genetische Veranlagung weitergegeben wird. Im Interview spricht der Experte über neue Behandlungsmethoden und die Schattenseiten der immer reinlicher werdenden Industriegesellschaft, in der sich das Immunsystem neue Gegner gesucht hat:

    Foto: Jürgen Flchle

    Wie viele Menschen leiden in Deutschland unter Allergien?

    Dazu gibt es leider keine zuverlässigen Erhebungen. Einige Quellen sagen, dass jeder zweite Deutsche betroffen sei. Das ist sicherlich zu hoch gegriffen. Auf jeden Fall kann man sagen, dass es sich um eine Volkskrankheit handelt. Viele Millionen in Deutschland leiden darunter - Tendenz steigend.

    Warum steigt die Zahl?

    Das hat mit vielen Faktoren zu tun. Der wichtigste ist, dass die allergische Disposition genetisch weitergegeben wird. Und es gibt keine Grauziffern. Das heißt: Wer diese Empfindlichkeit hat, der bildet diese Allergie auch irgendwann aus. Das ist anders als bei Erkrankungen, bei denen man das genetische Risiko haben kann, aber daran nie erkrankt. Zweitens spielen bei Allergien Umweltfaktoren eine große Rolle. Durch die Industrialisierung haben wir viel mit Dämpfen zu tun, die Schleimhäute irritieren. Auch Nikotin ist immer noch ein großes Thema und führt zu Schädigungen. Hinzu kommen vermehrte Hygienemaßnahmen in der modernen Gesellschaft. All das führt dazu, dass unser Immunsystem, das eigentlich zur Abwehr von Schädlingen ausgebildet war, ein Stück weit arbeitslos ist. Dies führt zu einer Allergisierung. Früher waren weiße Blutzellen ein klares Indiz für einen parasitären Befall des Darms. Heute sind sie ein Hinweis für eine allergische Veranlagung.

    Was läuft im Körper eines unter Allergien leidenden Menschen ab?

    Letztlich ist es eine verloren gegangene Toleranz. Unser Immunsystem ist darauf trainiert, fremde Eiweißstoffe abzuwehren. Das gilt für Bakterien, Pilze oder Viren. Andererseits haben wir körpereigene Mechanismen, die diese Reaktionen blocken. Wenn ich einen Apfel esse, dann nehme ich fremdes Eiweiß auf. Der Körper erkennt es aber als Nahrungsmittel und stoppt die allergische Reaktion. Patienten, die diese Stopp- und Differenzierungsmechanismen verloren haben, reagieren wie auf einen bedrohlichen Krankheitserreger mit einer Abwehrreaktion. Es werden Antikörper gebildet, die Erinnerungszellen darstellen. Dies führt bei jedem erneuten Eindringen der als Fremdkörper erkannten Stoffe zu einer allergischen Reaktion.

    Ist das also ein Lernen des Körpers?

    Nein, es ist ein Verlust des Differenzierens zwischen schädlich und nicht schädlich. Denn natürlich ist ein Birkenpollen ein Fremdeiweiß. Und der Körper hat mal gewusst, dass dieser Pollen nicht schlimm ist. Doch dies hat er vergessen. Und die Abwehr ist für den Körper dann viel gefährlicher als der Pollen an sich - weil er zum Beispiel mit Asthma reagiert.

    Ist es eine Legende, dass die große Reinlichkeit vieler Menschen zur Ausbreitung von Allergien führt?

    Nein. Die vermehrte Reinlichkeit führt dazu, dass normale Immunreaktionen, die der Körper durchlaufen hat, nicht mehr benötigt werden. Der Kampf gegen Würmer und Parasiten ist heute kein Thema mehr. Das ist der Grund dafür, dass sich das Immunsystem neue Aufgaben gesucht hat.

    Kann man das Ausbreiten von Allergien verhindern, indem Kinder in der Natur, in Schmutz und Staub spielen?

    Es gibt mittlerweile wissenschaftliche Hinweise, dass das Aufwachsen auf einem Bauernhof weniger Allergien zur Folge hat. Übertriebene Reinlichkeit ist sicher ein Faktor bei empfindlichen Menschen, der nicht förderlich ist.

    Wann bricht eine Allergie aus?

    Solange das Immunsystem aktiv ist, kann eine Allergie jederzeit ausbrechen. Der Zeitpunkt hängt von der Empfindlichkeit ab. Wir kennen Allergien ab dem dritten und vierten Lebensjahr. Bei hochsensiblen Kindern reichen drei Sommer, um sich zu sensibilisieren. Kein Mensch kommt allergisch auf die Welt. Betroffene haben eine Empfindlichkeit. Und der Kontakt zum Allergen führt irgendwann zu genügend Antikörpern und dann zur Reaktion. Das kann im Alter von drei oder vier Jahren sein, es gibt aber auch den 30- oder 40-Jährigen, der erstmals Symptome einer Allergie zeigt. Die Masse der Erstpatienten sind allerdings im Alter von 20 bis 30 Jahren.

    Gibt es auch das Phänomen, dass Allergien verschwinden und wiederkehren?

    Das ist eine Fehlinterpretation. Wenn Sie Antikörper haben, dann bleiben sie da. Wenn Patienten ein Allergen allerdings lange Zeit meiden, dann werden auch die Allergiezellen bis auf wenige Gedächtniszellen zurückgebildet. Das führt dazu, dass die ersten erneuten Kontakte mit dem Allergen relativ gut vertragen werden. Doch letztlich werden wieder Antikörper gebildet. Und damit kehren auch die allergischen Beschwerden zurück. Ein Auswachsen gibt es also nicht. Bei Kindern gibt es die Besonderheit, dass sie zu Lebensbeginn keine eigenen Antikörper haben, sondern nur die der Mutter. Deshalb haben viele eine Milcheiweißallergie. Wenn sie eigene Antikörper gebildet haben, vertragen sie die Milch wieder sehr gut.

    Wie werden Allergien behandelt?

    Die erste Regel lautet: Wo es geht, sollte der Kontakt mit dem Allergen vermieden werden. Bei manchen wie etwa Milben ist das möglich, bei anderen wie Pollen nicht. Bei den Behandlungen unterscheiden wir zwischen symptomatischer und kausaler Therapie. Die erste ist auf die Linderung der Symptome ausgelegt, mit der zweiten Strategie versucht man, das Ungleichgewicht bei den Antikörpern wieder zu stabilisieren. Mit dieser Hyposensibilisierung versucht man, schützende Antikörper zu bilden. Dabei wird der Organismus mit so hohen Allergenmengen überflutet, dass diese fehlerhafte Reaktion ausgeschaltet und die Beschwerden gelindert werden oder sogar verschwinden.

    Zu welcher Therapie raten Sie den Patienten?

    Wenn ein Patient etwas gegen die Allergie selbst tun will, dann bleibt eigentlich nur die Immuntherapie. Ansonsten wird die Allergie schlimmer werden. Wir reden dann von einem Etagenwechsel. Aus Augen- und Nasenbeschwerden werden asthmatische, die Allergie wandert also in die Bronchien.

    Wie Erfolg versprechend ist die kausale Immuntherapie?

    Sie ist die einzig Erfolg versprechende Alternative. Sie scheitert aber bei vielen Patienten daran, dass sie die Therapie über einen Zeitraum von drei Jahren durchhalten müssen. Es gibt kaum eine medizinische Therapie, bei der die Abbruchraten so hoch sind. Wenn Patienten diese Impfung nicht lang genug durchführen, dann reicht die Menge der schützenden Antikörper nicht aus. Wenn ich dranbleibe, liegen die Erfolgsaussichten bei weit über 80 Prozent.

    Hilft denn auch eine Umstellung des Lebensstils?

    Nein. Das bringt bei der Pollenallergie nichts. Allerdings vertragen viele Patienten durch die Pollenallergie auch die korrespondierenden Nahrungsmittel nicht mehr. Beispiel Birkenpollen: Diese Patienten können oft kein Stein- und Kernobst wie Äpfel mehr essen. Da würden natürlich auch Umstellungen im Ernährungsstil helfen.

    Gibt es neue Erkenntnisse bei der Behandlung von Allergien?

    Es gibt mittlerweile gute Ergebnisse bei einer oralen Hyposensibilisierung. Dabei wird das Allergen nicht mehr in die Haut gespritzt. Patienten bekommen es in Tabletten- oder Tropfenform. Die Behandlung verkürzt sich dadurch aber nicht. Außerdem wissen wir, dass durch die direkte Gabe einer Immuntherapie in die Lymphknoten die Bildung von schützenden Antikörpern enorm beschleunigt werden kann. Dadurch ließe sich die Therapie stark verkürzen. Doch das hat alles bislang noch experimentellen Charakter und steht für die Regelversorgung der nächsten Jahre noch nicht zur Verfügung.

    Das Gespräch führte Christian Kunst

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